M: Die Kluft der Chengs

Kim wartete, bis der Arzt ihr das Okay gab. Es war der übliche Humbug. Erst wenn sie sich angemeldet und Niklas ihren Besuch bestätigt hatte, ließen die Leute sie auch durch.

„Sie haben maximal zwei Stunden“, erklärte der Arzt nach seinem kurzen Telefonat, „Und bitte beschädigen Sie nicht wieder das Mobiliar.“

Stumm wandte sich die rothaarige Asiatin ab. Die meisten anderen durften nicht so mit ihr sprechen. Aber die meisten anderen kümmerten sich auch nicht um ihre verstümmelte Mutter.

Zielsicher lief sie die Krankenhausgänge entlang. Sie musste ans andere Ende des Gebäudes. Dort waren die stationären Fälle. Jene, die Niklas nicht gehen lassen würde. Nicht, solange er Kim oder ihren Bruder noch brauchen würde.

Es war ein besseres Gefängnis.

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Lichter der Vergangenheit

Die kühlen Gräser unter mir,
Der weite Himmel über mir.

Und ich so endlos klein.

Schleichende Kälte unter mir,
Weit entfernte Lichter über mir.

Und ich fühl‘ mich hier allein.

Die Sterne sind zum Greifen nah, 
Die Sterne sind in großer Schar,
Die Sterne sind so hell und klar,
Die Sterne sehen mich als Narr.

Denn meine Hand ist ausgestreckt.
Sie hält sich nicht bedeckt,
Sie möchte diese Lichter erfassen,
Sie möchte zu den leuchtenden Massen,
Sie möchte hochgezogen werden,
Sie möchte fort von diesen Erden.

Frei fliegen,
Frei strahlen,
Frei tanzen,
Frei sein …

Verloren starre ich in den Himmel,
Sehe das wilde Gewimmel,
Sehe das bunte Gebimmel,
Sehe einen stürzenden Schimmel?

Schneeweiß galoppiert er hinab,
Hinab, in sein finsteres Grab.
Hinab ins endlose Nichts,
Das keine Zukunft verspricht.

Meine Hand sinkt nieder,
Ich erkenne mich kaum wieder.
Ich habe Angst vor dem Schein,
Möchte nun Zuhause sein.
Drum strecke ich die Glieder,
Sehe müde nochmal nieder.

Kalter Stein, kalte Gravur,
Vom Lächeln keine Spur.
Ich lege die weiße Lilie ab,
Trete fort von dem Grab.

B: Ein offenes Ohr

Immer wieder schaute Liane auf die Uhr. Auf diese Zahlen, die leuchtend von den vergangenen Minuten und Stunden berichteten. Es war schon längst um sechs durch. Und ihr Vater war immer noch nicht zurück. Sollte sie weiterhin auf ihn warten? Oder sollte sie sich schon einmal etwas zu Essen machen? Würde er sich etwas auswärts holen? Sollte sie ihn fragen? Aber was, wenn er noch sauer auf sie war?

Nachdenklich ließ sie sich aufs Sofa fallen und starrte die Decke an.

Sie fühlte sich so kraftlos. Anfangs hatte sie ja noch mit Shiloh geschrieben. Doch dann konnte sie sich nicht mehr auf die Nachrichten konzentrieren. Die Buchstaben verschoben sich in ihrem Kopf und nahmen neue Formen an. Immer wieder war ihr Blick an den Zeichnungen hängen geblieben, während sich ihre Gedanken um Oliver kreisten. Erst unten in der Stube war es besser geworden.

Der Abstand tat gut.

Das plötzliche Türläuten schreckte sie aus ihrer Einsamkeit. Blinzelnd starrte sie zum Flur. Hatte sie sich das Geräusch nur eingebildet? Ja. Das musste es sein. Ihr Vater hatte einen Schlüssel und Shiloh und Oliver wussten von ihrem Stubenarrest. Niemand hatte einen Grund hier zu-

Erneut klingelte es.

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K: Aus dem Sturm

„Ernsthaft, Flo?“, murmelte Paul ungehört, als er die Actionfigur seines Stiefbruders auflas.

Sie war nicht der einzige Gegenstand, den der Jüngere im Rasen liegen gelassen hatte. Daneben lagen ein verrostetes Fahrrad, eine offene Tüte Gummitiere und ein Fußball. Und noch ein Stück weiter konnte Paul eine Decke mit einem Buch erkennen. Moment. War das Flos verschollenes Englischbuch?!

„Ich werd‘ nicht mehr …“, kopfschüttelnd schaute er in den verhangenen Himmel. Würde sein kleiner Stiefbruder je allein in der Welt zurecht kommen?

Ein Regentropfen landete auf seiner Wange.

„Hilft doch alles nichts“, seufzend sammelte er das Schulbuch und die Fressalien auf. Am liebsten hätte er die Figur wieder auf den Boden geworfen. Um Flo eine Lektion zu erteilen. Als er jedoch das abgewetzte Gesicht erkannte, hielt er inne.

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Fujis Überraschung

„Noch nicht“, belehrte ihn Alpe erneut und mürrisch richtete die Wolke ihre Augen in die Höhe.

„Ich weiß“, beharrte Fuji, „Aber je mehr du mich warten lässt, desto neugieriger werde ich!“

„Na, na. Du willst dir doch nicht deine eigene Überraschung kaputt machen, oder?“

Seine eigene Überraschung … Das gefiel der Wolke! Bislang hatte sich noch nie jemand darum bemüht, ihn zu überraschen. Gewiss war es den Sternen nicht in den Sinn gekommen und die anderen Wesen … Die anderen Wesen kannte er ja gar nicht richtig. Er hatte sich nie ernsthaft mit ihnen beschäftigt. Stets hatte er seinen Fokus auf die Sonne oder die Erdoberfläche gelenkt. Er war den Vögeln ausgewichen, hatte nie das Gespräch mit den anderen Wolken gesucht, war einzig an den bunten Blumen und Bäumen interessiert gewesen …

Bis er gesehen hatte, dass sie auf dem trockenen Boden nicht gedeihen konnten.

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