Fujis Entschluss

„Danke“, flüsterte er Alpe zu, als Sabine langsam über den Horizont schielte und die Lichter verblassen ließ.

Er würde den nächtlichen Anblick nie vergessen.

„Nicht dafür“, belustigt wandte sich die andere Wolke ab und wollte bereits weiter fliegen.

„Doch! Nach den Sternen … und nach Sabine … Mir war gar nicht bewusst gewesen, wie einsam ich mir vorgekommen war. Es hatte sich so angefühlt, als wäre die ganze Welt gegen mich gewesen. Aber nun …“

Fuji stockte. Er hatte in der Nacht den wahren Grund verstanden. Er wusste nun, warum er sich nicht ergossen hatte. Ein Teil von ihm war zu verletzt gewesen. Er wollte nicht, dass die Welt unter ihm prachtvoll gedeihen könnte, während er Schmerzen litt.

Er war so egoistisch gewesen.

„Aber nun?“, fragte Alpe misstrauisch.

„Nun weiß ich wieder, was meine Aufgabe ist“, dankbar schmiegte er sich an sie, „Und nun möchte ich dieser auch wieder gerecht werden. Lebwohl.“

Stumm betrachtete sie Fuji. Alpe schien den Blick nicht losreißen zu können und er wollte nicht ohne ihre Antwort fortfliegen. Er wollte auf sie warten. Er wollte ihr die Chance geben, sich auch verabschieden zu können. Er wollte, dass sie verstand!

Immerhin teilten die beiden Wolken eine ungewöhnliche Freundschaft. Eine Freundschaft, die sie miteinander verband. Eine Freundschaft, wegen der Alpe ihn nicht gehen lassen wollte?

Gerade als sich diese neckische Befürchtung in Fuji ausbreitete, seufzte die andere Wolke geschlagen.

„Du willst niederregnen?“

„Es ist das einzig richtige.“

„Für dich oder für die Welt da unten?“

„Für alle.“

„Und du bist auch wirklich ein Teil von diesem alle?“

„Natürlich. Du ja auch.“

Verdutzt stockte Alpe. Sie blinzelte ihn ungläubig an.

„Ich … Ich kann kein Teil davon sein. Ich werde dich zu sehr vermissen.“

Wärme erfüllte Fuji, dennoch konnte sie ihn nicht von seinem Entschluss abbringen.

„Deswegen werden wir uns eines Tages wiederfinden. Glaub mir, Alpe. Das Leben muss weitergehen. Und wir sind ein Teil davon. Du. Ich. Und die ganze Welt da unten. Wir sind eins.“

Die größere Wolke öffnete und schloss den Mund einige Male, ohne dass ihr ein einziger Ton entwich. Denn egal, was sie sich auch wünschte, Fuji konnte die Wahrheit in ihren Augen sehen.

Sie verstand.

„Ich … Ich vermisse dich jetzt schon“, brachte sie endlich hervor.

„Ich dich auch.“

Liebevoll schmiegte sie sich nun an ihn, ehe sie sich ruckartig abwandte.

„Na los. Hau schon ab! Mach, bevor ich es mir anders überlege und dich lieber in mir aufnehme …“

Lachend wippte Fuji auf und ab.

Er sah kurz zu der singenden Sabine herüber. Dann hinab zur Erde, wo in der Nacht das Lichtermeer geschimmert hatte.

„Ich hab dich lieb, Alpe.“

Eilig flog er fort, bis er eine ausgetrocknete Steppe erreichte. Ein leerer Graben zog sich durch das tote Land. Ringsum magere Tiere. Strohartige Gewächse.

Kein Wasser.

„Dann wollen wir mal …“, murmelte er zu sich selbst und regnete restlos nieder.

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