B: Zwischen den Gefühlen

Lilith blieb noch zwei Stunden bei Chemy, um sich zu sammeln und auf ihre trocknen Sachen zu warten, ehe sie sich auf den Heimweg machte. Oder eher machen wollte. Denn noch ehe sie sich angezogen hatte, klopfte Mr. Brume an die Tür.

Chemy hatte ihn gerufen. Damit sie nicht allein heimfuhr. Damit er sich keine Sorgen machen würde.

Zum Dank drückte sie ihn ganz doll.

„Du lässt dich aber mehr blicken, ja?“, fragte sie zögerlich.

„Sobald du rufst, bin ich da. Versprochen“, unbeholfen patschte er ihre Schulter, sodass sie lachen musste.

Es tat gut, sich zu erinnern.

Damit ließ sich Lilith von Mr. Brume nach unten führen. Sie spürte, wie er ihr einige Seitenblicke zuwarf. Blicke, die sie wohl oder übel unterwegs ansprechen sollte. Ob Chemy deswegen noch im Hotel blieb? Er hatte ihrem Fahrer ja noch einmal beiseite genommen, ehe sie aufgebrochen waren …

„Du machst dir Sorgen?“, fragte sie, sobald sie angeschnallt im Auto saßen.

„Ich- Sieht man mir das an?“, erkundigte sich der Vater ihres Freundes.

„Nur zum Teil. Ich spüre es eher“, gestand Lilith, „Danke, dass du meinem unbeholfenen Enoch hilfst.“

Es tat weh, Chemys falschen Namen zu verwenden. Weil sich alles in ihr dagegen verkrampfte. Dennoch brachte sie es über die Lippen. Indem sie sich einredete, dass es nur ein Spitzname war.

„Er hat dir gesagt-“

„Das wir eine Familie sind. Ja“, endete sie, da sie Chemy nie offen als Bruder bezeichnen konnte.

Das war jemand anderes.

„Ich … sollte nichts sagen. Er wollte, dass du in Sicherheit bist. Ich weiß nur, dass er dich über Jahre gesucht hat“, Mr. Brume startete den Wagen, „Und als er dich gefunden hatte, hat er dich nicht aus deinem Umfeld reißen wollen. Deswegen wollte er dir nichts- Du ist in Ordnung, oder?“

Die letzten Worte klangen so gehetzt, dass Lilith ein Lachen entfloh.

„Mehr als in Ordnung. Ich würde nicht wollen, dass Oliver oder irgendjemand sonst noch Bescheid weiß. Noch nicht“, gestand sie, „Ich muss das alles zuerst selbst verarbeiten, verstehst du?“

„Natürlich.“

Sie ging nicht auf seine anderen Worte ein. Das war nicht nötig. Sie hatte alles schon mit Chemy selbst geklärt. Deswegen musste sie sich als erstes überlegen, wie sie mit ihrem Adoptivvater verfahren wollte.

Sollte sie weiter die liebe Tochter spielen und sich von der Wahrheit plagen lassen, bis er sie zum nächsten Psychiater zerrte? Oder sollte sie ihm alles gestehen und im selben Atemzug ausziehen? Nein. Das wäre nicht fair ihm gegenüber. Sie bräuchte eine andere Lösung. Einen Mittelweg, durch den sie ein unbedeutendes Mädchen in dieser Welt blieb.

Denn ihr Ziel lag in einer anderen.

Weit weg von Shiloh, Oliver und ihrem Vater …

„Du siehst traurig aus“, hauchte Mr. Brume ihr entgegen.

„Es war nur sehr viel“, gestand sie, „Und … Es tut weh. Weil ich nicht glaube, meine Familie je vereint treffen zu können.“

„Meinst du? Dein Vater erschien mir sehr vernünftig“, ihr Fahrer warf ihr einen Schulterblick zu, ehe er wieder auf die Straße achtete, „Er wird nur dein Bestes wollen. Er ist dein Vater.“

„Ja … Aber er ist dennoch sehr eigen. Und … Hat Chemy je von unserer restlichen Familie gesprochen?“, fragte sie leise.

„Er ist in einem Waisenhaus aufgewachsen.“

„Hm …“, sie schaute aus dem Fenster und musterte die Fußgänger, „Ja, aber weder er noch ich sind ja aus dem Nichts gekommen. Doch das würde nicht jeder verstehen. Für ihn bin ich nur sein kleines Mädchen.“

„Weil für einen Vater das eigene Kind das allerwertvollste auf der ganzen Welt ist“, erklärte Mr. Brume, „Oliver bedeutet mir auch die Welt.“

„Genauso wie mir.“

Lilith hielt inne. Sie spürte die Wahrheit in ihren Worten. Worte, die sie auf Blainc nie sprechen dürfte. Weil sie Oliver … liebte …

Liebe …

Sie schloss die Augen und erinnerte sich an ihren Schwur. Dass sie sich an niemanden binden wolle. Dennoch hatte sie es getan. An ihn. An einen Jungen, der eigentlich nicht mal halb so alt war wie sie. Weil sie eigentlich schon … wie alt war? Achtzig? Neunzig?

Und dennoch hatte sie sich so leichtherzig in ihn verliebt …

Das Auto stoppte und irritiert bemerkte sie, dass sie daheim war. Eilig wischte sie sich die Tränen ab. Dann bedankte sie sich und sprang beinahe aus dem Wagen. Sie musste weg. Ehe sie Mr. Brume noch zu viel offenbarte. Ehe sie-

„Liane?“

Obwohl sie sich am liebsten taub gestellt hätte, blieb sie stehen. Sie atmete durch. Drehte sich noch einmal um. Trat an den Wagen heran.

„Ja?“

„Mr. Belial hat mich noch gebeten, dir ein neues Handy zu besorgen. Weil das alte im See kaputt gegangen wäre. Er würde das neueste Modell vorziehen, doch du … du erscheinst mir lieber nicht auffallen zu wollen. Deswegen wollte ich lieber dich fragen, welches du gerne hättest?“

Lilith nickte sich selbst zu. Sie zog ihr Gerät aus der Tasche. Eines, das sie fast vergessen hätte. Das sie bereits jetzt als tot einstufen würde.

„Kannst du so ein gebrauchtes Modell irgendwo nachkaufen?“, fragte sie und zeigte ihm ihres, „Dann werden hoffentlich keine Fragen gestellt werden. Oder zumindest nicht zu viele?“

„Natürlich.“

Zügig bedankte sie sich und ging zum Haus.

Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, als sie zuletzt den Weg zur Eingangstür entlang gelaufen war. Damals hatte sie sich noch nicht an Chemy und Pico und Myra erinnert. Damals hatte sie sich noch nicht um ihre verschwundenen Narben gesorgt. Damals war sie nur ein Mädchen gewesen.

Ein Mädchen, das aufgebrochen war, um ihrer Klassenkameradin zu helfen. Das ihrem Vater erzählt hatte, das es zu Oliver ging. Das nicht weiter erwähnt hatte, wo es anschließend hingehen sollte …

„Wieder da!“, rief sie aus, als sie durch die Tür trat.

„Liane?“, antwortete ihr Adoptivvater von oben, „Ich dachte, du bleibst noch bei Oliver. Du hast mir nicht geschrieben, dass du auf dem Rückweg bist.“

Stimmt. Das war eigentlich ihre Absprache. Damit er sich nicht sorgte …

„Mein Handy hat schlapp gemacht“, erklärte sie schwammig, „Deswegen hat Olivers Vater mich kurz rumgefahren. Alles gut.“

Dennoch polterte ihr Adoptivvater die Treppe herunter. Sie konnte die Sorge hinter seinen Augen sehen. Sorge, die sie sonst immer als die ihre angenommen hatte. Weil sie das Gefühl überwältigt hatte. Da sie nun jedoch ihre Essenz wieder verstand …

Das waren nicht ihre Emotionen. Es waren seine. Seine Unsicherheiten. Seine Ängste. Seine Alpträume. So war er nicht immer gewesen. Sie hatten sich erst in ihn gekrallt, als ihre Adoptivmutter verschwunden war. Davor waren sie nur ein Schatten gewesen. Ein Flickern im Sonnenschein.

Sie dürfte ihm die Wahrheit nie anvertrauen.

„Warum hat Mr. Brume nicht angerufen? Warum bist du nicht geblieben? Ich hätte dich auch abholen können. Du kennst meine Nummer immer noch auswendig, ja?“

Natürlich. Er hatte sie Liane bereits als Kind vordiktiert. Sie hatte sie aufsagen können, ehe sie ihren falschen Namen schreiben konnte.

„So war es halt einfacher. Und wir wollten dich nicht sorgen“, sie zuckte mit den Schultern, ehe sie ihn passierte.

„Aber dafür sind Väter doch da. Ich kann dich immer abholen. Jederzeit. Von überall. Du musst dich nur melden.“

Angespannt lief Lilith weiter. Sie durfte nichts sagen. Nichts erwidern. Nicht an Blainc denken. Einen Ort, zu dem sie doch zurückfinden musste. Von dem sie niemand abholen sollte. Den ihr Adoptivvater nie kennenlernen sollte … oder?

In ihrem Raum ließ sie sich erschöpft gegen die Tür plumpsen.

Sie wollte zurück. Sie wollte nach Hause. Zu ihrer Familie. Zusammen mit Chemy! Doch … Sie wollte ihren Vater und ihre Freunde nicht zurücklassen. Dabei …

Liebte sie ihren Adoptivvater nur, weil sie seine Emotionen spürte? Oder aus eigenem Antrieb? Bei Chemy hatte sie geglaubt, dass die Gefühle auch von ihr ausgingen. Doch als sie das Haus betreten hatte …

Sie hatte fliehen wollen. Weglaufen. Warum? Spiegelte sie in Wahrheit seine Gefühle? Empfand sie nichts Eigenes für ihn? Und wie belief es sich dann mit Shiloh oder Oliver?

Konnte sie einen anderen Menschen gar lieben, wenn sie doch immerzu deren wahre Gefühle spürte?

Ich habe gesehen, wie unglücklich du ohne diesen Menschen wärst. Du würdest dich selbst zerbrechen, indem du ihn fortschiebst.

Die Worte suchten sie ungefragt heim. Dennoch hielt sie daran fest. An Chemys Offenbarung über Oliver. Einem Menschen, der ihre Zukunft prägte? Oder der einfach zufällig immer wieder an sie geriet? Den sie aus eigenem Antrieb lieben … konnte?

Sie zog ihr kaputtes Telefon hervor und starrte auf den toten Bildschirm.

Wenn sie ihn doch nur schon anrufen und fragen könnte …

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