Timothy – Der Schatten der Rache

Es dauerte, Bernhard in das Gröbste einzuweihen. Nicht in alles. Das wäre zu fatal. Und dann könnte unser Vorgehen zu leicht auf Julie zurückfallen. Von daher berichtete sie ihrem neuen Gemahl zuerst von der ausgetauschten Dienerschaft. Sie gab an, dass die vorherigen Angestellten mehr Lohn bekommen hätten. Und dass nun im Osten des Anwesens Zimmer gesperrt waren. Etwas, was gewiss am Geldmangel lag, oder? Dennoch war das Anwesen selbst ein stattliches Sümmchen wert …

Zu jedem ihrer Worte nickte Bernhard eilig. Er konnte ja nicht ahnen, dass die totgeglaubte Elisabeth in den verstaubten Räumen versteckt wurde. Oder dass der Herr des Hauses ein Geizkragen war.

Als Julie jedoch anmerkte, dass ihre Mitgift gewiss noch nicht bezahlt wurde und diese sowie Marias nur leere Worte wären, nickte er harsch.

„Du wusstest, dass wir in den Ruin getrieben werden?“, fragte er sie.

„Ich weiß, wie du dennoch an Geld kommst“, erwiderte sie lächelnd, „Ich weiß, dass Maria krank ist. In den Abendstunden hustet sie stets Blut. Ich weiß, dass sie nicht mehr lange lebt. Ich weiß, dass ihr Vater keine weiteren Erben hat. Und ich weiß, dass er, da er meine Mitgift bezahlt hat, mich nach den Regeln eures Landes indirekt adoptiert hat. Marias Gouvernante war sehr bewandert in Rechtsfragen.“

„Du …“, er starrte sie offenkundig an, „Wenn Maria nun sterben sollte, gehen die Ländereien über dich an mich …“

„Gratuliere“, sie zuckte mit den Schultern.

Ich beobachtete, wie Bernhard die Brauen anspannte. Gier verbarg sich dahinter. Gier, endlich von seiner Familie befreit zu werden. Von seinem Bruder, der ihr Vermögen verwaltete. Von seinen Eltern, die stets nur Alexander sahen. Von all den Gästen seiner Hochzeit, die sich zuerst nach seinem Bruder erkundigt hatten.

Er wollte frei sein. Er könnte frei sein. Er musste nur Maria und ihren Vater loswerden. Und sicherlich glaubte er sich fähig, dieses Anwesen aufzupolieren. Sicherlich hoffte er, wieder tagelang auf der Jagd verschwinden zu können. Sicherlich sah er in Julie nun eine Verbündete.

„Du sagtest, du wolltest dich rächen. Wie?“, erkundigte er sich still.

„Lass uns nicht zu Marias Hochzeit gehen“, hauchte sie aus, „Maria wird Panik bekommen. Die Ehe wird nicht vollzogen werden können. Sie wird in der Kirche Blut husten. Dann ist ihr Ruf ruiniert. Dann wird sie nicht mehr verheiratet werden können. Sie und ihr Vater werden alles verlieren. Wir selbst werden einfach sagen, dass wir zu verliebt gewesen wären. Dass wir nicht kommen konnten.“

„Das klingt ziemlich … einfach …“

„Glaub mir, mehr müssen wir nicht tun. Lass uns nur hier ausharren und ab und zu nach der Dienerschaft rufen“, erklärte Julie lächelnd.

So hätten sie auch beide ein Alibi. Bernhard musste ja den zweiten Teil ihres Plans nicht kennen. Er musste nicht wissen, was ich in der Zwischenzeit treiben würde. Er musste nicht erfahren, dass alle in der Kirche dem Tod geweiht wären. Er sollte nicht herausfinden, dass Marias Krankheit erlogen war.

Und dass Julie sich anschließend um Elisabeth kümmern würde.

Damit glitt ich durch die Tür nach draußen. Ich schwebte durch das Anwesen zu Maria, die gepeinigt ihre Tränen am Ärmel abschmierte. Ich sickerte durch ihre Zimmerwand in einen verborgenen Gang, um Elisabeth zu suchen. Um die ältere Schwester bei deren Vater zu finden. Einem dreckigen Mistkerl, der seine Tochter wie eine Verliebte umarmte.

Ich hasste sie beide!

Eilig kehrte ich zu Julie zurück, ehe ich die Kontrolle verlieren konnte. Ich glitt durch sie hindurch. Um ihr von den anderen zu berichten. Schwebte dann um sie herum. Beobachtete, wie sie eine Kerze entzündete-

„Hey. Das ist teuer. Es ist doch noch hell“, schimpfte Bernhard.

„Ich brauch das. Zum beten“, behauptete sie flüssig.

„Beten?“, er zog eine Augenbraue hoch, „So gläubig hast du dich bei unserer Hochzeit aber nicht gegeben.“

„Ich musste mich ja verliebter aufführen als ich war, oder?“

Damit ließ er sie endlich in Ruhe.

Glucksend beobachtete ich, wie Julie ihre Hände verschränkte. Doch blieben ihre Augen offen auf die Kerze gerichtet. Auf das Feuer.

„Bitte, lass alles klappen“, hauchte sie aus, „Bitte … Bitte lass dieses Mal Gerechtigkeit obsiegen.“

Als Antwort ließ ich die Flamme tanzen. Mein stummes Ja.

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