
„Nein. Nein. Nein. Nein!“, ich beobachtete, wie Elisabeth auf ihr Bett einschlug, „Das darf nicht- Nein!“
Obwohl ihr Anblick von Schmerz geprägt war, so konnte ich nur Freude verspüren. Freude, die sich auch über Julies Lippen schlich, als ich ihr das Bild von Elisabeths Gemächern zeigte:
Ein offenes Fenster. Die brennenden Kirche in der Ferne. Die verzweifelte Elisabeth in ihrem Bett.
Ich beobachtete, wie meine Julie noch einmal durchatmete, ehe sie eintrat. Sie klopfte nicht. Sie stellte sich einzig so hin, als würde ihr der gesamte Raum gehören. Als wäre Elisabeth nichts anderes als eine lästige Fliege, die sie nun verscheuchen wollte.
„Guten Tag, Elisabeth. Wie ergeht es dir an diesem herrlichen Tage?“
„Herrlichem …“, mit verweinten Augen richtete sich die andere auf, „Wie kannst du es nur wagen, du-“
„Wie kann ich es wagen, zu feiern? Nachdem der Mörder meines Bruders endlich tot ist? Timmy hat dich gerettet und doch hast du ihn sterben lassen. Du hast mir an dem Tag alles genommen, was ich noch von daheim hatte. Du hast mir einen neuen Namen aufgezwungen. Mich in das Spielzeug für deine verwöhnte Schwester verwandelt. Und nun?“, Julie lächelte so lieblich, dass es mich beinahe gruselte, „Nun war sie am Ende wohl mein Spielzeug. Wusstest du, dass sie sich ungeliebt gefühlt hatte? Gehasst? Von Alexander. Von eurem Vater. Von dir? Immerhin hast du ihr deinen Tod ja vorgespielt, damit du sie nicht mehr sehen musstest. Damit du Alexander bei ihr loswerden konntest. Wie traurig es doch ist, an so etwas zu glauben, während man kläglich verbrennt …“
Julie log so geschwind, dass ich ihr die Worte fast glauben wollte. Dabei hatten wir uns diese Geschichte zusammen ausgedacht.
Nur so konnten wir es Elisabeth heimzahlen.
„Du … Nein. Du hast ihr nichts gesagt. Du hast ihr nicht-“
„Du meinst, weil du mir auch nie erzählt hast, wie mein Bruder starb?“, Julies Blick verhärtete sich, „Wir wussten nicht, wer du warst. Eine Madam. Jemand, der dafür sorgen könnte, dass keiner von uns im Waisenhaus oder bei den Nonnen enden würde. Das hat er dir gesagt, oder? Ehe du zugelassen hast, dass er starb.“
„Du … Du warst nicht im Dorf. Du konntest nicht wissen-“
„Timmy hatte einen Schutzengel. Einen, der einst unsere Großmutter beschützt hatte. Der auch mich beschützt. Der mir bis hierher gefolgt ist und Gerechtigkeit fordert“, flüsterte Julie aus, „Nur ihm habe ich es zu verdanken, dass ich mich selbst nicht verloren habe. Nur. Ihm.“
Die Wärme erfüllte mich so schlagartig, dass ich erschauderte. Ich spürte, wie etwas in mir erstrahlte. Der Raum wirkte heller. Herzlicher. Heimischer!
Nur weil ich Julies Schutzengel war.
„Danke“, erwiderte ich ungehört, „Ich danke dir … Ich werde dich und deine Kinder auf ewig beschützen. Das verspreche ich dir, Julie.“
Noch während meine Worte verklungen, lachte Elisabeth auf. Sie beschimpfte Julie als Hexe. Als Dämonin. Im Bunde mit dem Teufel!
Worte, die ich nicht zulassen konnte.
Ein stiller Zorn erfasste mich. Einer, mit dem ich in Elisabeth hineintrat. Ich umklammerte ihre Seele. Zeigte ihr meine Geschichte. Meinen Tod. Jane mit ihren grauen Augen. Ihren Vater. Wie ein altes Pärchen sie aufnahm. Wie ich einschlief. Wie Timmy mich weckte. Wie er sich um Julie kümmerte. Wie sie gehen mussten. Wie Julie krank wurde. Wie wir sie retteten, sie mich jedoch nicht mehr sah. Wie wir aufbrachen. Wie ich mich verborgen hielt. Wie ich Timmy half. Wie wir Elisabeth fanden. Wie Timmy ihr half. Wie er sein Leben riskierte. Wie er dennoch starb. Wie ich seither Julie bewachte. Beschützte.
Und wie ich Maria mitsamt ihrer Hochzeitsgesellschaft verbrannt hatte.
Es war schwierig, am Ende von ihr loszulassen. Die Abscheu half. Nur dank ihr wollte ich nicht mehr in Elisabeths Körper verweilen.
In ihrem Körper, der nun zittrig auf dem Boden kauerte.
„Das … Ungeheu-“
„Timothy ist ein Schutzengel. Kein Ungeheuer“, korrigierte Julie sie, „Aber du? Du bist die wahre dreckige Hexe, nicht wahr?“
Elisabeth stürzte sich so schlagartig auf Julie, dass ich mich dazwischen warf. Ich schrie. Spürte, wie der Wind um mich herum aufpeitschte. Wie er die andere Frau gegen das offene Fenster warf-
Pure Angst schlich sich in Elisabeths Augen, ehe ihre Füße von dem Ruck nach oben flogen und sie nach unten stürzte.
„Du schaust nach ihr, ich gehe zu Bernhard zurück“, entschied Julie eilig, „Lass sie bitte nicht zu schnell sterben.“
Das hatte ich nicht vor. Doch wusste ich auch nicht, wie viel noch in meiner Macht läge. Von daher schwebte ich in den Burggraben hinab, wo ihr Körper gelandet war. Ihre Arme und Beine standen seltsam ab. Ihr Kopf war verdreht. Die Augen aufgerissen und unfokussiert.
Dann hatte sie der Aufprall getötet? Mist.
Dabei wollte ich sie doch noch leiden lassen.
