B: Zu den Shemanias

Myra erreichte die Shemanias viel zu schnell für ihren Geschmack. Gerne hätte sie sich mehr Zeit gelassen. Gerne wäre sie schon vor einem Jahrzehnt gekommen. Gerne wäre sie nie aufgebrochen …

Dennoch war sie da.

Angespannt schwebte sie durch die aufgebauten Tauschstände, an denen mit Steintafeln und Diplots gehandelt wurde. Viereckigen braunen Wurzeln, die das Wasser der Berge in sich trugen. Die Shemanias schienen die Teile zu lieben.

Genau wie ihre Mama einst …

Kann man dir helfen?

Die Worte erreichten sie zusammen mit einem kräftigen Geruch. Myra stoppte. Sie starrte auf den Shemania, der gerade mal einen Kopf größer als sie war. Der gebeugt vor ihr stand. Der gewiss wusste, dass sie die größere wäre, wenn sie ihre Tentakel ausstreckte. Der gewiss wusste, dass ihr nicht widersprochen werden durfte!

Ich brauche einen Seher.

Der Geruch verschwand. Dafür breitete sich ein anderer aus. Einer, der sie mit stummen Schmerzen erfüllte. Dabei hatte ihr das andere Wesen nur zugestimmt. Es hatte auf seine Weise geäußert, dass sie ihm folgen solle.

Doch erinnerte sie all das an einen anderen Shemania. An Chem Wak.

Myra erschauderte. Sie musste bei Sinnen bleiben. Sie musste ein großes Mädchen sein. Ihr Onkel verließ sich auf sie!

Damit folgte sie dem Shemania. Sie hoffte, dass er sie zu seinem Vorsitzenden führte. Denn auf seine geruchsintensiven Worte konnte sie nicht mehr achten. Nicht, solange seine pure Anwesenheit Schmerzen in ihr auslöste!

Vor einem älteren Shemania stoppte er. Er stieß eine Geruchswolke aus. Eine zügige, die kurz darauf wieder verschwand. Die sie dennoch verstand.

Er hatte sie als die hungrige Shahlem vorgestellt.

Myra kochte innerlich vor Wut. Sie hasste es, wenn man sie auf ihre Zeit vor dem Bannkreis reduzierte. Sie konnte doch nichts dafür, dass ihr Körper anders funktionierte! Dass sie Seelen essen musste, um zu überleben …

Wie können wir helfen?

Mama. Wir müssen sie finden, erklärten ihre Tentakeln ruckartig, Chem Wak hatte von einer anderen Welt gesprochen, die er sehen konnte. Deswegen war Mama zu ihm. Ich brauche einen Seher, der dasselbe kann. Um sie zu finden.

Dasselbe Anliegen hatte bereits Remington vor einigen Jahren, antwortete der alte Shemania mit einer Duftwolke, Es hatte nicht funktioniert.

Und deswegen gebt ihr auf?, Myra schloss die Distanz zu dem Wesen – ein Teil von ihr wollte den Mund öffnen und die Seele des Shemanias verschlingen. Dann gäbe es eben einen Dummkopf weniger, mit dem sie diskutieren müsste!

Nur gäbe es dann auch einen Shemania weniger, der helfen könnte. Einen weniger, der ihre Mama finden könnte. Einen weniger, der eigentlich nur litt, weil Chem Wak sie alle verraten hatte …

Und Mama hatte ihr doch beigebracht, dass es nicht richtig war, andere einfach so zu verspeisen.

Wir haben nie aufgegeben, offenbarte der andere müde, Selbst, als Remington abgereiste – auch wir wollen Chem Wak zur Rechenschaft ziehen, werte Myra.

Angespannt nickte sie. Eine Geste, die sie von ihrer Mama übernommen hatte. Deren Bedeutungen sie kaum noch zusammen bekam.

Warum klappt es dann nicht?

Der alte Shemania wandte sich um und führte sie in die Unterkünfte seiner Art. Ursprünglich waren sie groß gewesen. Einladend. Riesige Kugeln, die über ihnen in der Landschaft klebten und in welche sich die Shemania zurückzogen.

Nun waren diese Kugeln klein. Rissig. Manche waren sogar beschmutzt oder lagen verwahrlost auf dem Boden …

Wir haben nicht genug Anker. Chem Wak hat nie wirklich unter uns gelebt, deswegen hat kaum einer von uns ihn gekannt. Und der werte Remington hat uns nur einen Hauch seiner Erinnerungen über den Schlüssel offenbart, weil der Rest ihn zu sehr schmerzte.

Myra schaute auf die zwölf Shemanias, die etwas abseits saßen. Sie hatten die Hände ineinander verschränkt. Die Augen geschlossen. Einige hatten sich sogar etwas um den Kopf gebunden, um ihre verborgenen Nasen abzudecken. Damit sie nichts rochen?

Damit sie sich nicht ablenken lassen konnten?

Und ihr benötigt mehr?, erkundigte sie sich vorsichtig.

Jede Erinnerung von deiner Mama oder dem Verräter, die du mit uns teilen kannst, kann helfen, bestätigte er, Bitte. Wenn Chem Wak seine verdiente Strafe erhält, können wir wieder in Frieden leben. Lass uns helfen.

Obwohl sie diese Worte bereits von Boten und ihrem Onkel selbst vernommen hatte, so wirkten sie vor Ort anders auf Myra. Es war, als könnte sie die Verzweiflung dahinter spüren. Ein Gefühl, das sie selbst bereits seit Jahren beschlich.

Seitdem sie zu schnell groß werden musste …

Als ich Mama das erste Mal getroffen habe, war ich noch anders gewesen … Hungrig. Ich habe es gehasst, wenn Leute so laut waren. Es tat weh. Sie … Sie hat mich damals beschützt. Sie …

Myra hielt inne. Sie wollte diese Erinnerung nicht mit den Shemanias teilen. Denn damals hatte ihr jetziger Onkel sie töten wollen. Weil sie anders war. Das Vertrauen hatte sich erst über die Zeit aufgebaut. Langsam. Stockend …

Eilig fokussierte sie sich auf Chem Wak. Wie er früher war. Das fiel ihr leichter. Es schmerzte weniger.

Chemy. So hat Mama euren Abtrünnigen genannt. Ich habe den Namen von ihr übernommen. Er hat mir beigebracht, wie man Diplots öffnet. Und wie ich die Stellung von Quartis und Opalis miteinander vergleiche, um die Uhrzeit zu erkennen, sie schaute zu den beiden Sonnen hinauf, während sie von ihnen sprach, Es war schwierig, alles zu behalten. Er war ein so strenger Lehrer. Aber es hat auch Spaß gemacht, wenn ich ganz viele Fragen gestellt habe. Weil er dann selber nicht mehr weiter wusste. Und abends sollte ich immer Mama alles erklären. Damit hat er geschaut, ob ich es verstanden habe …

Myra spürte, wie sich ihre Tentakeln gegen die Bewegungen sträubten. Sachte ließ sie diese herabhängen. Sie musste. Um durchzuatmen. Um ihre Nerven zu behalten. Um sich nicht von den Erinnerungen überwältigen zu lassen.

Damals war es ihr so schwergefallen, ihren Hunger zu kontrollieren. Damals … Wie oft hatte sie sich nachts hungrig an ihre Mama gekuschelt? Wie oft hatte ihr Onkel sie weggerissen, weil sie den Mund zu weit geöffnet hatte? Wie oft hatte Chem Wak seine Pfeife geblasen, damit sie wieder zu sich kam?

Es tut weh, dass Chemy uns verraten hat, offenbarte sie sachte, Er war so lieb. Er hat mir geholfen. Immer wieder. Er war so gut zu uns. Ich verstehe nicht, warum er uns das angetan hat. Warum er Mama entführt hat. Warum ich zurückbleiben musste. Warum-

Ein Schaudern ergriff Myra. Sie spürte, wie die Erinnerungen wieder an ihrem Hunger gekitzelt hatten. In ihrem Unterbewusstsein hörte sie wieder die Pfeife, die Chemy geblasen hatte. Sofort ließ sie sich vom Erdboden verschlucken. Sie rutschte hinab. Glitt durch die Gesteine und Wurzeln. Ließ sich von der Dunkelheit umarmen.

Das hatte ihr Chemy beigebracht. Damit sie ihre Mama und ihren Onkel nicht verletzte. Über die Jahrzehnte war es ihr Schutzmechanismus geworden. So konnte sie sicherstellen, dass sie niemanden verletzte.

Dank ihm …

Trauernd rollte sie sich in eine Kugel zusammen.

Wie hatte er sie nur verraten können …?

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