
Sophie schrak keuchend aus ihrem Bett auf. Sie umarmte sich. Krallte ihre Nägel in die Arme. Sie wusste nicht mehr ganz, was sie geträumt hatte. Zumindest, womit ihr Traum angefangen hatte. Mittendrin war es einfach dunkel geworden. Und dann hatte etwas gescheppert. Es hatte geknirscht. Da waren Schritte gewesen. Ein Knarren. Und dann das Quietschen einer Tür …
Angespannt lockerte sie ihre Finger und tapste zum Fenster. Um es zu öffnen. Um in die Nacht zu lauschen. Um die Fledermäuse fiepen zu hören. Um nicht mehr diese Schritte im Hinterkopf zu hören …
Erst die neuen Geräusche entspannten sie.
„Alles gut. Du bist zuhause. Zuhause“, wiederholte sie die Worte, die ihr beim letzten Mal geholfen hatten.
Dennoch zitterte sie.
Mrs. Kleid war vor drei Tagen verstorben. Herzinfarkt, hatten ihre Eltern gemunkelt. Ihre Mom hatte so heftig geweint, dass sie beim letzten Check-up beinahe im Krankenhaus bleiben musste, weil sich die Ärzte um sie und ihr ungeborenes Baby gesorgt hatten. Marie war es nicht viel besser ergangen. Sie war so traurig, dass sie wieder bei ihren Eltern schlief. Und so schlief nur Sophie derzeit allein …
Denn mit ihr wäre es zu eng gewesen. Das hatte sie am Morgen nach Mrs. Kleids Tod auch ihrem Vater gestanden. Jener Morgen, nach ihrem ersten Alptraum. Sie hatte sich ihrem Vater zittrig anvertraut. Hatte berichtet, dass sie etwas Seltsames gehört hätte, ehe sie Mrs. Kleid tot aufgefunden hatte. Hatte erzählt, wie sie sich nun ängstigte. Hatte um Hilfe gebeten, weil sie vermutete, dass noch jemand bei der alten Frau im Haus gewesen war!
Doch hatte er ihr einzig gesagt, dass ihnen derzeit nichts geschehen würde. Sie wären in Sicherheit.
Schaudernd rieb Sophie ihre nackten Arme. Sie tastete nach ihren Schulwecker auf dem Fensterbrett. Betrachtete die Zahlen im Halbdunkel. Entzifferte die Zeiger viel zu langsam.
Der kleine war bei der Zwei. Der lange auf der … Vier? Ja. Zum Teil. Dann war es nun … Zwei Uhr … Zwanzig?
Erschöpft stellte sie zurück. Sie schloss das Fenster. Lehnte sich mit dem Kopf gegen das Glas. Starrte auf die schimmernde Nachbarschaft. Einige Nachbarn hatten bereits Weihnachtsdekorationen aufgehangen. Andere schienen schon wach zu sein. Oder immer noch? Sie konnte das Licht von Fernsehern dort ausmachen.
Ob sie Mrs. Kleid gekannt hatten?
Nachdenklich drehte sie sich um und glitt an der nächsten Wand herab, sodass sie auf dem kalten Boden saß. Dabei schaute sie zu ihrer Zimmertür. Im schummrigen Licht konnte sie das Holz kaum ausmachen. Nur, dass es etwas offen war. Das gab ihr Sicherheit. Immerhin könnte sie so schneller zu ihren Eltern, wenn ihr zu mulmig war. Oder falls doch jemand eingebrochen wäre.
Nicht, dass sie sollte! Ihre Mom musste sich ausruhen. Sonst müsste sie beim nächsten Mal wirklich im Krankenhaus bleiben. Auch ihre Schwester war mit den Nerven am Ende. Und ihr Vater … Der war mit den Gedanken bestimmt wieder in seiner ganz eigenen Welt.
Nur Mrs. Kleid hatte ihr stets zugehört …
Erschrocken rieb sie ihre nassen Finger. Sie strich über ihre Wangen. Spürte die Flüssigkeit darauf. Erschauderte!
Sie hatte doch nicht mehr weinen wollen! Sie musste stark sein! Für Marie. Für ihre Mom. Für sich selbst!
Mrs. Kleid hätte das gewollt, oder?
„Mist“, fluchte sie, als die Tränen nicht aufhören wollten, „Ich will doch nicht … Ich sollte nicht … Mist!“
Denn die Tränen wollten nicht aufhören. Stattdessen wurden es immer mehr. Immer mehr, die sich ihren Weg hinab bahnten!
Abrupt sprang sie auf und schlug gegen ihre Wangen.
„Nein. Das bringt nichts. Das bringt nichts. Das bringt nichts! Ich. Bin. Stark.“
Und zum Starksein gehörte dazu, dass sie sich nicht mehr von einem Alptraum beherrschen ließ!
Damit lief sie zielsicher auf den finsteren Flur zu. Sie kannte den Weg im Schlaf. Also musste sie auch kein Licht anmachen. Sie wollte kein Licht anmachen. Damit sie ihre Mom nicht weckte! Aber sie musste jetzt durchs Haus gehen. Ehe sie sich in ihrem Zimmer selbst festkettete. Das hatte sie sich vorgenommen. Denn die letzten Male hatte sie sich nach ihrem Alptraum nicht weiter ins Haus getraut. Weil sie immer geglaubt hatte, Schritte zu hören.
Dieselben Schritte wie damals, nach dem Poltern bei Mrs. Kleid …
Deswegen lief sie weiter, obwohl eine Stimme in ihrem Kopf jemanden atmen gehört haben wollte. Obwohl sie von Schritten erzählte. Obwohl sie fest damit rechnete, dass jeden Moment irgendjemand sie die Treppe runterstieß!
Stattdessen kam sie unbeschadet in der finsteren Küche an. In jenem Raum, in dem sie sich erstmalig traute, Licht anzuknipsen. Nicht, um sich davon zu überzeugen, dass hier niemand war. Sondern, um sich davon zu überzeugen, wirklich angekommen zu sein.
„Siehst du? Ich … ich schaffe das“, hauchte sie aus.
Doch an wen sie die Worte richtete, wusste sie selbst nicht. Nur, dass sie Mrs. Kleid vermisste. Nur, dass sie sich die alte Frau herbei wünschte …
Ohne darüber nachzudenken, kletterte sie auf den Tresen, um sich die Orangen und die Zitronenpresse zu holen. Um den Saft aus den Früchten zu pressen. Um ihn genauso zuzubereiten, wie Mrs. Kleid es sie gelehrt hatte. Um weiterhin an die alte Frau zu denken.
Sie war Sophie wie eine Großmutter vorgekommen.
„Ich vermisse dich“, flüsterte sie aus, als sie die dritte Frucht auspresste.
Sie wusste, dass die Tote sie nicht hören konnte. Dennoch machte Sophie weiter. Sie presste alle Orangen aus. Eine nach der anderen. Es fühlte sich gut an. Gut, aber auch traurig.
Denn zeitgleich schüttete sie ihr Herz aus. Sie erzählte, wie sehr sie die alte Frau vermisste. Wie sie diese doch am liebsten wiedersehen wollte. Wie sie ihre Schallplatten hören wollte, weil sie ein Teil von Mrs. Kleid waren. Wie ihre Mom den Plattenspieler jedoch nicht haben wollte. Wie es bei ihnen viel zu still war. Wie sie die Stille auslaugte.
Sie sprach, bis sie heiser wurde. Bis der Saft fertig auf dem Tisch stand. Bis sie plötzlich Plätzchen im Ofen hatte. Bis sie den Rest Butter in den Händen hielt und sich daran erinnerte, dass Mrs. Kleid sie zum Einfetten vom Kuchenblech genutzt hätte. Bis sie entschied, dass es auch mal Kuchen zum Frühstück geben könne, wenn sie noch eine Flasche Öl nebenan hätten.
Bis sie sich umdrehte und ihren Vater in der Küchentür erblickte.
„Wie lange stehst du schon da?“, keuchte sie erschrocken auf.
Allerdings bewegte er sich nicht. Er stand einzig neben dem Kühlschrank. Mit offenen Augen. Und hätte sie nicht den Flur angepeilt, um Öl aus der Vorratskammer zu holen, hätte sie ihn nie bemerkt!
Angespannt schluckte Sophie.
„Dad? Wie lange bist du schon … hier?“
Noch immer regte er sich nicht. Er stand einzig da. Die Augen offen. Der Mund zu. Die Hände in den Taschen …
Wieso trug er eine Jacke?
„Dad?“, unschlüssig trat sie auf ihn zu, „Du … schläfst du?“
Als er ihr immer noch nicht antwortete, war sich Sophie sicher. Das musste dieses Schlafwandeln sein, oder? Sie hatte in der Schule davon gehört. Es war im Unterricht angesprochen worden. Marco aus ihrer Klasse hatte behauptet, dass so etwas meist vorkam, wenn die Person zu ausgelaugt wäre. Zu viele Gefühle auf einmal oder so. Und ihre Lehrerin hatte gemeint, dass es sein könne. Dass man diese Leute nicht wecken solle.
Ob ihr Vater auch Mrs. Kleid vermisste?
„Du musst nicht alleine traurig sein, ja?“, Sophie trat vorsichtig auf ihn zu und schloss ihn sanft in die Arme, „Wir alle vermissen sie.“
Einen Augenblick blieb ihr Vater starr stehen. Dann löste er ihre Arme von sich und lief in den düsteren Flur. Sophie lauschte, wie er seine Füße etwas schleifen ließ. Wie er hoch ging. Wie das Bett oben knarrte.
Erst dann blickte sie auf die Küchenuhr.
Vier Uhr nachts.
Wenn sie den Kuchen zum Frühstück haben wollte, sollte sie sich ranhalten!
