Märchenstunde: Die Königin der Miraculas I

Nia schritt durch die Hallen des Schlosses, das sie seit drei Jahren ihr Heim nannte. Seitdem sie den neuen Königin ehelichen musste, um ihrem Zirkel Frieden schenken zu können. Ihr Bauch war wieder gewachsen. Ein Zeichen für das baldige Kind, das sie dem Reich schenken würde. Eines, das diesmal ein Mädchen werden musste. Eines, von dem sie noch nicht wusste, ob es ein Mädchen werden würde!

Denn die beiden Jungs, die sie die letzten Male auf die Welt gebracht hatte, würden nicht die Magie der Miraculas erben …

„Ihr sollt Euch ausruhen. Der König-“

„Mein Gatte weiß, dass mich nichts von Aurora fernhalten kann. Tretet beiseite“, befahl sie den beiden Rittern, die ihr den Ausgang des Schlosses versperrten.

„So gestattet bitte, dass wir Euch begleiten“, bat einer der Männer mit einer Verneigung.

Nia kannte das Spiel zur Genüge. Obwohl sie die beiden einfach mit ihrer Magie wegpusten konnte, so bestand ihr Ehegatte auf menschlichen Schutz. Auf seinen Schutz. Damit sie ihre Magie nicht verwenden musste. Weil er dafür sorgen wollte, dass sie hier sicher wäre.

Weil er ihre Sicherheit gewähren wollte.

Doch obwohl sie sich ein Bett mit ihm teilte und bereits ihr drittes Kind erwartete, fühlte sie sich unwohl bei dem Gedanken. Es erinnerte sie zu sehr an ihre Kindheit. An diese kalten Tage, an denen sie noch hoffte, dass jemand kam, um sie zu beschützen.

Bevor sie angefangen hatte, sich im Wald durchzuschlagen.

„Tut, was ihr nicht lassen könnt“, verkündete sie harsch und schritt um die Ritter herum.

Dabei ruhte ihre linke Hand auf ihrem Bauch. Und sie atmete zuvor sachte ein. Um sich notfalls wehren zu können. Um diese Ritter jeden Augenblick wegpusten zu können. Um sich so selbst durchschlagen zu können …

Denn noch immer traute sie der Nähe zu den anderen Nacktaffen nicht.

So verließ sie das Schloss. Sie schritt zum Schutzwall herüber. Zu dem großen Turm, der am östlichen Rand emporragte. Kurz überlegte sie, sich einfach von dem Wind nach oben schleudern zu lassen, um den Stufen zu entgehen, doch würde Aurora dann gewiss wieder mit ihr schimpfen. Sie sollte es ja ruhiger angehen. Ob es jedoch wirklich ruhiger wäre, wenn sie zu Fuß den Turm erklomm …

Noch ehe sie sich durchringen konnte, die Treppen zu nehmen, schoss etwas Schwarzes herab. Ein schwarzes Rabengeschöpf, das größer als die Pferde ihres Gemahls war. Es landete direkt vor ihr. Mit ausgestreckten Flügeln, die die Sonne verschluckten. Diese schüttelte es sachte aus, ehe es sie anlegte. Ehe es die Ritter beäugte, die schaudernd zurückgetreten waren. Ehe es den Kopf auf Nias Höhe herabsenkte.

„Deine nächste Kontrolle ist erst in drei Tagen fällig“, grüßte Aurora sie.

„Ich konnte nicht schlafen. Zu viele Tritte“, erklärte Nia.

„Du wirkst ungeduldig.“

„Weil ich wissen möchte, was es wird.“

„Ich möchte keine falschen Hoffnungen wecken.“

„Bitte, Aura“, Nia umarmte den gewaltigen Rabenkopf, „Wir wissen beide, dass du das nie könntest. Und ich brauche deine Einschätzung. Die Ungewissheit laugt mich aus.“

Sie hatte gewusst, dass Aurora ihre Bitte beim ersten Mal ablehnen würde. Diese Art der Untersuchung verlangte immer etwas mehr Magie von ihr ab. Es machte den gewaltigen Vogel so angreifbar. Es setzte ihr Leben unter den Nacktaffen aufs Spiel!

Doch sie wusste auch, dass jeder aus ihrem Zirkel auf fröhliche Kunde wartete.

Auf eine neue Miracula.

Unter ihren Armen spürte sie, wie Auroras Kopf sie sachte anblies. Ein Zeichen, dass sie von dem gewaltigen Geschöpf ablassen sollte. Dass sie nachdachte.

Denn wenn sie ihre Magie für diese Art dafür nutzte, müsste sie anschließend sofort zum Wald zurückfliegen, um die Kunde zu überbringen. Und um sich vor den Nacktaffen zu verstecken. Damit diese nicht erkannten, dass ihre Magie außerhalb des Waldes zügiger sank.

Und damit wäre Nia für mindestens eine Woche allein. Sie wäre angreifbar. Und sollte das Kind wieder früher kommen, müsste sie sich auf die Ärzte der Nacktaffen verlassen.

Das hätte schon beim letzten Mal beinahe mit ihrem Tod geendet.

„Nicht diesmal, Nia. Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn ich wieder nicht da wäre“, seufzte Aurora.

Dennoch gab sie nicht auf: „Lass mich nicht vor dir auf die Knie fallen, Aura.“

„Meine Königin!“, rief einer der Ritter hinter ihr auf, „Ihr dürft vor niemandem niederknien! Ihr seid-“

„Eure Königin. Und ich befehle, dass ihr still seid“, sprach sie still, aber bestimmt, ehe sie sich wieder ihrer gefiederten Schwester zuwandte, „Es lässt mir keine Ruhe. Bitte. Ich brauche das.“

Sie musste wissen, ob sie ihren Schwur einhalten würde.

Denn wenngleich sie ihre Jungs liebte, so benötigte sie ein Mädchen, um das Überleben ihres Zirkels zu sichern.

„Und ich brauche die Sicherheit, bei dir bleiben zu können, bis die Wehen einsetzen. Bitte verzeih“, seufzte Aurora, „Du bedeutest mir zu viel …“

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