
Lian Lewis musterte das Mädchen, das zum neuen Schuljahr in ihre Klasse gekommen war. Sie hatte sich als Janine vorgestellt. Nur Janine. Dennoch wusste er, dass das nicht ihr vollständiger Name war. Dass ein Teil von ihr Mary hieß. Dass sie bei seiner Großmutter-von-morgen-heute lebte. Dass sie seit dem Tod ihrer Mutter kaum sprach. Dass sie nur bei ihren Stiefgeschwistern lachte.
Deswegen hatten die Lehrkräfte sie nun die Klasse wiederholen lassen. Weil sie das Mädchen für unfähig hielten.
Weil keiner der Unmagischen wusste, welchen Schmerz sie mit sich schleppte …
„Denkt an die Hefterführung. Denkt daran, eure Bücher ordentlich zu behandeln. Damit meine ich auch dich, Josh!“, riss ihn der Lehrer aus seinen Gedanken.
Lian beachtete seinen Mitschüler kaum, als dieser eine Entschuldigung nuschelte. Sein Blick war an Janine hängen geblieben. Janine, die ihre Hände verkrampfte und angespannt atmete. Die … Wieso griff sie nicht nach einem Zentrip?
„Kein Gekrakel von irgendwelchen Buchstaben! Und- Mist“, schimpfend bückte sich der Lehrer zum vierten Mal in dieser Stunde, um seinen Kuli aufzuheben, nur um ihn diesmal in sein Federmäppchen zu stecken.
Nachdenklich schaute Lian nach vorn und gab sich interessiert. Eine andere Wahl hatte er unter den Unmagischen nicht. Außerdem hatte seine Mom ihm verboten, dass er sich mit Janine anfreundete. Er sollte Abstand halten. Damit niemand erkannte, dass er in Wahrheit magisch war. Und damit niemand sie fand, falls er aufflog. Das wäre für alle sicherer.
Doch seine Mom irrte sich hin und wieder …
Könnten wir das vertagen? Es kribbelt schon, mischte sich Lewis ein.
Augenblicklich lenkte Lian ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den Lehrer. Er lauschte jedem Wort, als wäre es das erste, das er je hörte. Denn das war ihr Notfallplan. Ihr gemeinsamer Anker. Das, worauf er sich mit Lewis geeinigt hatte, um nicht aufzufallen.
Erst am Ende der Stunde konnte er aufatmen.
„Krass, wie viel du mitgeschrieben hast“, bemerkte Josh hinter ihm.
„Soll vorkommen“, damit packte er die Zettel ein, ehe sich der andere Junge erneut um Lians Mitschriften bemühen konnte.
Die letzten zehn waren auch nicht zurückgekommen.
Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie Janine den Raum verließ. Sie wirkte stockend. Als wäre sie im Zwiespalt mit sich selbst. Als befände sich ihre Magie kurz vor dem Ausbruch?
Wenn es nach Lians Mom ging, müsste er im Klassenraum warten. Immer auf Abstand bedacht. Dabei wollte sein Pa gleichzeitig, dass dem Mädchen kein Haar gekrümmt werden würde. Also war sie wichtig, oder? Sein Vater hatte erst vorgestern gemeint, dass sie ein friedliches Leben verdient hätte, als seine Mom ihm das ursprüngliche Verbot aufgehalst hatte …
Nachdenklich verabschiedete sich Lian von seinem Mitschüler und folgte ihr. Immer auf Abstand bedacht. Immer eine Ausrede im Hinterkopf suchend. Falls sie sich umdrehte, könnte er behaupten, zur Toilette zu müssen. Oder raus, frische Luft schnappen? Oder-
Als sie in den Altbau trat, stockte er innerlich. Was gab es dahinten? Womit könnte er sich dort noch rausreden? Dabei wollte er hin. Er …
Wieso sorgte er sich so um sie?
Die Schulbibliothek ist dahinten, rettete Lewis ihn.
Danke, entgegnete er eilig.
Denn einen Moment später blieb sie stehen. Sie starrte ihn an. Herausfordernd. Vorsichtig. Angriffslustig?
Es kostete Lian all seine Nerven, nicht stehen zu bleiben. Stattdessen schob er sich mit einem „Sorry“ an ihr vorbei. Er ließ Lewis sie weiter beobachten, während er die Tür der Schulbibliothek ansteuerte und angespannt klopfte.
Was machen wir, wenn keiner aufmacht?, fragte er Lewis unschlüssig.
Fluchen? Keine Ahnung. Sie schaut immer noch so argwöhnisch. Wenn wir nicht-
„Ja?!“, riss ihn die Stimme der alten Sekretärin aus den Gedanken.
„Mein Deutschbuch. Vom letzten Jahr. Ich hatte einen Zettel darin vergessen und wollte fragen, ob der hier aufgetaucht ist?“, presste Lian die erste Halbwahrheit hervor, die ihm einfiel.
Denn dass es sich dabei nur um ein Lesezeichen handelte, musste die alte Schimpfnudel nicht wissen. Sie zeterte eh zu jedem Schuljahreswechsel herum, dass die Bücherlisten sie nervten.
Noch während sie sich beschwerte, dass ihm das ja so früh auffiele, das neue Schuljahr liefe ja erst seit zwei Tagen, meldete sich Lewis in ihm.
Janine hat sich entspannt. Also. Etwas. Man sieht ihr aber an, dass ihre Magie pocht. Wenn ein Macian herkäme-
-Sie wäre geliefert, endete Lian.
Mit halben Eifer erklärte er der Sekretärin, dass er sie die letzten Tage noch nicht stören wollte und einfach gehofft hatte, dass sie ihm helfen könne. Er gab sich verständlich. Dankte. Bat. Nutzte Worte, die er bei seinem Pa auf Kumohoshi nie aussprechen durfte.
Weil fast nur die Unmagischen sie gebrauchten.
Erst als es klingelte, gab er die Suche offiziell auf und verabschiedete sich bei der immer noch schimpfenden Sekretärin.
„Warum suchst du nach etwas, was definitiv nicht mehr da ist?“, fragte Janine, als er an ihr vorbeiging.
Perplex starrte er sie an. Eigentlich nur … damit er in ihrer Nähe bleiben konnte. Damit er sich ein genaueres Bild machen konnte. Damit …
Warum sorgte er sich so sehr um sie?
„Warum nicht?“, gab er lächelnd zurück, während er bemerkte, wie die Konturen ihrer Ärmel sich sanft kräuselten.
„Das- Egal!“, beleidigt rempelte sie ihn an und lief zurück.
Lian wartete, bis sie außer Sicht war. Erst dann rieb er sich den Arm. Er ließ sein Lächeln fallen. Dachte erneut daran, wie seine Mom darauf bestanden hatte, dass er doch Abstand suchen solle. Dass sie ihre Magie schon allein bändigen könne.
Aber wieso hatte er sich dann so unwohl gefühlt, als sie allein losgezogen war?
Sie hat kaum Kontrolle. Sie braucht einen Vertrauten, mischte sich Lewis ein.
Angespannt blieb Lian stehen. Er blickte den Gang zurück in den Altbau. Erst dann lehnte er sich gegen die Wand. So, dass er vom Neubau nicht zu leicht zu sehen war. So, dass niemand seine möglichen Magieausläufe bemerken konnte.
Wie kommst du darauf? Wir schaffen es doch auch.
Ja. Mit aktiver Kontrolle. Und mit mehreren Sicherheitsnetzen. Dinge, die sie nicht hat, oder?
Du könntest dich irren. Vielleicht ist sie deswegen ja rausgegangen?
Etwas, was sie im Unterricht natürlich jederzeit machen kann, ne?, Lewis lachte auf, Nein. Sie ist es nicht gewohnt, ihre Magien zu verbergen. Die Ausläufe sind die ganze Zeit über da. Kleine Verschiebungen in der Luft. Der heruntergerollte Stift. Soll ich den Rest auch noch aufzählen?
Nein. Lian verstand auch so. Und es deckte sich mit den Erzählungen seines Vaters. Dennoch hätte er keine Ahnung, wie man Janine helfen könne. Er selbst hatte ja auch kein Zentrip oder gar Vertrauten!
Wir reden heute Abend mit Pa, in Ordnung? Dann … Er hat fast immer eine Lösung.
Wie du meinst.
Damit zog sich Lewis zurück und Lian atmete ein letztes Mal durch, ehe er zurück in den Klassenraum trat.
In den Klassenraum, in dem sein Lehrer ihm sofort eine Predigt hielt. Wo erneut dessen Kuli auf den Boden krachte. Wo dieser erneut genervt den Kopf schüttelte, als er diesen aufhob.
Doch diesmal hatte Lian den Stift aus den Augenwinkeln beobachtet gehabt. Er hatte gesehen, wie dieser aus der Federtasche geschwebt war. Wie er zur Tischkante gerollt war. Erst langsam. Dann schneller.
Als hätte jemand ihn angeschubst.
