Radius beobachtete, wie Lisa ihren viel zu kleinen Jungen mit den Armen schaukelte. Lucas war so mickrig. So verletzlich! Sie konnte es immer noch nicht wahrhaben, dass sie der erste Mensch gewesen war, der seinen viel zu winzigen Körper berührt hatte. Dass er wegen ihr lebte.
Urlaub. Frei. Ach, wie schön! Daran könnt‘ ich mich gewöhn! Ich strecke alle Glieder aus. Denn heute geht es nicht hinaus. Faul sein, wird heut‘ verlangt. Faul sein, klingt sehr charmant!
Morgens wird entspannt gemacht, Mittags über Haushalt gelacht, Abends wurde Essen gebracht, Gelesen wird die ganze Nacht!
Ach, wie wunderbar! Ach, wie sonderbar. Ach, wie … still ich doch bin.
Kein Wort fällt in diesen vier Wänden. Die Gespräche mussten alle enden. Die Gespräche werden doch vermisst. Die Gespräche waren einst ein Bliss.
Auf Arbeit waren sie mir stets zu viel. Zu viel Gemecker, zu viel, zu viel! Stets gab es Streit, stets gab es Wut, So verglühte mein wackliger Mut.
Mein Mut etwas zu tun, Mein Mut zu reden, Mein Mut zu singen, Mein Mut zu leben!
Meine Stimme versagte Und die Stille obsiegte.
Meine Stimme versagte Und die Einsamkeit wiegte.
Meine Stimme versagte Und mein Herz ward verschlossen.
Meine Stimme versagte Und mein Ich ward gebrochen.
In aller Heimlichkeit roll‘ ich mich zusammen. Ich taste mich an mich selbst heran. Ich teste einen Laut, dann ein Wort. Höre einen schiefen Akkord.
Meine Stimme ward von Außen verstummt. Meine Stimme, einst so kunterbunt, Wurde sie zerrissen – Aus Hass? Aus Neid? Wurde sie zerrissen – Und ich bekam das Leid.
Der Wind kennt keinen Halt, Wenn er durch uns‘re Welt schallt. Ja, mal muss er sich verbiegen, In falsche Richtungen gar fliegen. Er muss tanzen und sich strecken, Gelangt trotzdem in entlegenste Ecken!
Denn der Wind ist frei – Frei zu träumen, Frei von Zäunen Frei von jeder Streiterei.
Im Wind singen die Wünsche. Sie sind dort wahre Trümpfe. Sie entgehen jedem Nein, Singen in die Welt hinein!
Mal sind sie sanft und zart. Mal stürmisch und hart. Mal verherrlichen sie das Glück. Und mal fordern sie ihre Liebe zurück.
Die Winde sind frei. Die Träume sind frei. Die Zukunft ist frei?
Dennoch sollen wir unsere Richtung lenken? Ohne den morgigen Tag zu zerdenken? Unsere Hindernisse können nur bedingt nützen! Wir müssen uns aufs Unbekannte stützen.
Die Worte klangen so melodisch in Libers Ohren wider, dass er die Sprecherin sofort erkannte. Stumm setzte er sich auf und erwartete dabei fast, sie im Wasser neben seinem Boot vorfinden zu müssen.
Stattdessen lehnte sie bereits halb darin.
Sie trug ihre menschliche Gestalt. Jene mit den zwei Beinen, den langen dunklen Haaren und ihren normalen Zähnen. Auch konnte er weder Schuppen noch Schwimmhäute entdecken. Genau, wie bei ihrer ersten Begegnung. Und ganz anders, als sein Vater sie ihm zuletzt beschrieben hatte.
Dieser hatte sie meist mit einem blutrünstigen Ungeheuer verglichen.
„Hallo, mein Name ist Aura. Das ist die Kurzform von Aurora, weißt du?“, stellte sich der Vogel vor.
Das ängstliche Mädchen schüttelte den Kopf und schob sich gegen Miras Beine.
„Alles gut. Ich bin nicht hier, um dir zu schaden. Darf ich mir deine Stirn einmal ansehen? Nur kurz?“
Unschlüssig schaute das Kind zwischen Mira und dem großen Vogel hin und her. Sie wirkte angespannt. So, als wollte sie ablehnen. Als fürchtete sie sich jedoch, dann verstoßen zu werden. Deswegen schien sie auf Hilfe zu hoffen. Auf eine Eingebung.
Aber diese konnte Mira ihr nicht geben. Das Kind musste selbst entscheiden.