Märchenstunde: Der Zirkel der Miracula II

„Hallo, mein Name ist Aura. Das ist die Kurzform von Aurora, weißt du?“, stellte sich der Vogel vor.

Das ängstliche Mädchen schüttelte den Kopf und schob sich gegen Miras Beine.

„Alles gut. Ich bin nicht hier, um dir zu schaden. Darf ich mir deine Stirn einmal ansehen? Nur kurz?“

Unschlüssig schaute das Kind zwischen Mira und dem großen Vogel hin und her. Sie wirkte angespannt. So, als wollte sie ablehnen. Als fürchtete sie sich jedoch, dann verstoßen zu werden. Deswegen schien sie auf Hilfe zu hoffen. Auf eine Eingebung.

Aber diese konnte Mira ihr nicht geben. Das Kind musste selbst entscheiden.

Jedem gehörte nur das eigene Leben!

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Der unwiderrufliche Schnitt

Es pocht in meinen Ohren wider,
Ein rasendes Fieber.
Die Hände zittern,
Während Wellen gewittern.

Erstarren? Kämpfen? Rennen?
Wie soll ich meinen Ausweg kennen?
Wie kann ich gar noch stehen?
Aufrecht meiner Wege gehen?

Lähmend. Würgend. Zerrend.
Meinen Willen einsperrend!
Wie hebe ich den Blick?
Wie entgehe ich dem Strick?

Der Strick, der mich fesselt,
Dessen Knoten mich einkesselt …
Bin ich ans Meer gebunden?
Sind wir noch immer verbunden?

Sobald ich an die Fluten denke,
Ich mich selbst versenke.

Die Starre, die Wut, die Furcht –
Sie alle fließen durch mich hindurch.
Doch höre ich ein fernes Lied
Ein Lied, das mich zu sich zieht.
Ein Lied, das den Ausweg riet.
Ein Lied, das diese Angst besiegt.

Drum wage ich nun diesen Schritt.
Wage diesen unwiderruflichen Schnitt.
Doch werde ich die Narben mitnehmen.
Ich muss sie eines Tages erklären.

Denn den Sirenen
Werde ich die Laster verwehren.
Mit den Sirenen
Werde ich den Leuchtturm ehren.
Und den Sirenen
Werde ich ein Lächeln geben.
Für die Sirenen
Sollen frei vom Meer leben.

Stolz zu leben

Er war einst aus brüchigem Holz.

Ein zerbrechlicher Ast als Mast.
Die Ruder – zwei schiefe Schemen.
Das Segel – ein elender Gast,
Papier wäre stärker gewesen.

Damals wurde er vom Meer empfangen.
Er wurde liebkost und verwöhnt
Und zuletzt hintergangen.
Wobei das Meer tönt:

„Kommt zu mir zurück,
Sodass ich euch zerdrück!
Denn ihr seid mein – für alle Zeit.
Egal, von wie viel Leid ihr schreit!“

Aber der Kahn ist nicht mehr klein.
Er glänzt im edlen Schein.
Er versteckt die alte Pein.
Er stützt uns beide ungemein.
Denn wir fanden unser eigenes Heim.

Mit metallenen Körper
Und dampfenden Antrieb
Schwört er,
Dass er nie vergibt.

Denn er fand seines Lebens Stolz.

K: Affinitätenwandel II

Als die Dunkelheit endlich von ihr abfiel, befand sich Cindy Lucy in ihrem Zimmer. Hier hatte sie den Großteil ihrer Kindheit verbracht. Der Raum war ihr so vertraut wie ihre eigenen Hände. Sie hatte hier ein riesiges Bett, gewaltige Schränke, hohe Decken, viel Platz um sich zu bewegen, zu tanzen, zu trainieren …

Und dennoch erschien ihr nun alles kleiner. Beengter. Erstickender.

Wie ein Käfig.

Zitternd streckte sie die Hand nach der Zimmerdecke aus. Diese Decke, die mit einem strahlenden Himmel bemalt war. Ein Himmel, der dem echten keine Konkurrenz machte. Der viel zu platt wirkte. Viel zu hohl. Er war nicht richtig. Nicht echt.

Nichts fühlte sich mehr echt an!

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K: Affinitätenwandel I

Cindy Lucy war fünf, als ihre Großmutter sie das erste Mal an die Oberfläche führte. Zuvor war die Welt über ihr nur ein Mythos gewesen. Eine weitere Etage in einem Anwesen, das sich fast gänzlich unter der Erde versteckte. Dass der Himmel nicht nur ein Bild an einer Zimmerdecke war, war ihr nie in den Sinn gekommen.

Bis sie hoch gebracht wurde, um das erste Mal reine Luft zu berühren. Ein Macian brauchte diese Berührung, wurde ihr gesagt. Damit sie den Wind spürten. Damit sie ihn bändigen konnten. Damit sie seine Wildheit verstanden.

Begeistert drehte Cindy sich im Kreis.

„Die Sonne ist so warm“, verlor sie ihre Worte in die Welt – denn heute echoten sie nicht zurück.

Es wirkte so weit. So … offen.

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