K: Affinitätenwandel I

Cindy Lucy war fünf, als ihre Großmutter sie das erste Mal an die Oberfläche führte. Zuvor war die Welt über ihr nur ein Mythos gewesen. Eine weitere Etage in einem Anwesen, das sich fast gänzlich unter der Erde versteckte. Dass der Himmel nicht nur ein Bild an einer Zimmerdecke war, war ihr nie in den Sinn gekommen.

Bis sie hoch gebracht wurde, um das erste Mal reine Luft zu berühren. Ein Macian brauchte diese Berührung, wurde ihr gesagt. Damit sie den Wind spürten. Damit sie ihn bändigen konnten. Damit sie seine Wildheit verstanden.

Begeistert drehte Cindy sich im Kreis.

„Die Sonne ist so warm“, verlor sie ihre Worte in die Welt – denn heute echoten sie nicht zurück.

Es wirkte so weit. So … offen.

„Ja. Aber erinnere dich daran, dass sie nicht brennt. Sie ist kein Feuer“, belehrte die alte Frau sie und sofort übernahm Lucy die Kontrolle.

„Ja, Großmutter.“

Cindy hasste den Gehorsam ihrer anderen Seele. Diese war stets bemüht, sich den Erwachsenen zu beugen. Still zu sein. Sich zu fügen.

Als ob das Leben ein Käfig wäre!

Unter ihren Füßen wuchsen die Gräser schneller. Blumen reckten sich nach oben. Knospen platzten auf. Sie reagierten auf Cindys Zorn. Auf ihre Ungeduld.

Wenn auch zögerlich.

Was machst du da?!, erschrak Lucy.

Lass mich wieder raus oder ich mach‘ eine Szene!, forderte sie stur.

Aber … Das dürfen wir nicht! Wir werden Ärger bekommen!

Angst?

Eilig überließ Lucy ihr den Vortritt und sofort zwang sich Cindy zur Ruhe. Nur so konnte sie ihre Magie stoppen.

Denn Lucy regte sich nicht auf.

„Und die Wolken da oben sind aus Wasser, Großmütterchen?“

Ohne sich umzudrehen, seufzte diese.

„Cindy. Du darfst dich nicht immer so vordrängen. Lucy muss-“

„Ich bin die Dominante!“, erklärte Cindy sicher, „Nicht Lucy! Hört auf, uns alles vorzuschreiben!“

Nachdenklich beäugte ihre Großmutter sie.

Dann wandte sie sich kopfschüttelnd ab.

„Dein Vater ist ein General. Deine Mutter die Tochter eines anderen. Meine Mutter war eine Elementare. Von dir wird Großes erwartet werden – ob du willst oder nicht. Wir müssen uns unseren Rollen fügen. Wir müssen…“

Doch Cindy hörte nicht mehr zu. Ein Wassertropfen war ihr auf die Nase gefallen und lenkte ihren Blick nach oben.

Das … war das Regen?

Geistesabwesend streckte sie die Hand gen Himmel und spürte dabei endlich, wie Lucys Faszination erwachte.

Dieser Himmel … Wie weit er wohl in die Höhe reichte? Mit einem Stuhl könnte sie nicht seine Decke erreichen, oder? Nein. Das nannte man hier nicht Decke. Das … Gab es überhaupt ein Ende? Sie wünschte sich, dass sie die Winde ertasten könnte. Dass sie die Luft spüren könnte, wie die Wurzeln unter ihren Füßen.

Ihre Großmutter fragte etwas und sofort bejahte Cindy die ignorierten Worte. Bestimmt belehrte die Frau sie wieder. Dass sie ja unter der Erde bleiben müssten. Dass sie dort sicher wären. Dass die Monster sie dort nicht erreichen könnten.

Monster.

Worauf wartest du? Wir sind hier fertig. Wir müssen wieder runter, ehe-

Cindy schüttelte erschrocken den Kopf. Beinahe hätte Lucy die Kontrolle zurückerlangt. Beinahe wäre sie ihrer Großmutter gefolgt. Beinahe.

Ihre Großmutter schenkte ihr immer noch keinen Blick.

Hastig wandte sich das Mädchen ab und lief über den Hof. Er war so klein. Dabei war der Himmel doch so weit. Aber wenn sie vielleicht durch das Tor schlüpfen könnte … Nur für einen Augenblick …

„Was machst du da?“, hinterfragte die Frau nun doch.

Cindy schluckte unwillkürlich. Sie starrte geradeaus. Bloß nicht umdrehen! Nur nach vorn schauen.

„Die Mauern sind so groß. Ich wollte wissen, ob sie aus Erde oder Metall sind“, schob sie vor und bemerkte nun die Wachen daneben.

„Ein Metallgitter, mit Wurzeln und Erde“, ihre Großmutter seufzte, „Eine Dreifachkonstruktion, die selbst von einem Macian nicht so einfach eingerissen werden kann. Aber das muss dich nicht weiter interessieren, da wir eh wieder-“

Starke Finger krallten sich in Cindys Arm und mit einem Mal schlich sich Angst in ihr Herz. Sie wollte nicht wieder unter die Erde gezerrt werden! Dort gehörte sie nicht hin. Dort konnte man doch kaum atmen! Sie … Sie musste einfach hier draußen bleiben!

Erschrocken presste sie die Augen zusammen und sofort peitschte eine gewaltige Windböe auf. Sie schnitt zornig durch das hohe Gras. Ihre Großmutter schrie. Macian eilten herbei. Jemand sog erschrocken Luft ein.

Keuchend sank Cindy auf die Knie.

Was … was war das? Wind? Aber … Das Element hatte sie noch nie durchgenommen! Dass es nun so stark auf sie reagierte … Das konnte nicht sein! Wo waren die Pflanzen? Ihre Affinität war das Holz! Warum neigten sich die Blumen nicht mehr ihren Wünschen zu?

Wind … Was bedeutete Wind schon?

Wind sind Träume und Freiheit, drang Lucys flüsternde Stimme zu ihr durch, Wind ist … wild. Ungebändigt. Deswegen hatten wir seine Manipulationen nicht erlernen sollen … Großmutter hatte es deswegen immer aufgeschoben. Es uns verboten … Hast du heimlich geübt?!

Geübt? Nein. Sie hatte sich nie für das Element interessiert. Wind konnte sie nicht anfassen. Nicht sehen. Aber dennoch hatten die Winde auf sie reagiert.

Nur weil sie nicht wieder runter wollte. Sie … Sie wollte die Welt sehen.

„Generalstochter“, grüßte einer der herbeigeeilten Macian sie und stellte sich vor sie.

„Von wo kam der Angriff?“, fragte ein weiterer.

„Sichert die Mauer!“, schrie der nächste.

Fünf weitere kamen aus dem unscheinbaren Haus hinter ihnen. Einer sprang vom Tor runter. Zwei weitere krochen aus Bodenluken.

Im Nu war der mickrige Hof mit Wachen überfüllt.

„Wir müssen Sie in Sicherheit bringen. Wenn Sie mir bitte folgen würden, Generalstochter“, sprach sie der Macian erneut an.

Er war klein. Mit breiten Schultern. Sein Bart wirkte eher wie ein Büschel Fell statt einer gepflegten Mähne. Dafür war seine Kleidung aber ordentlich. Ordentlich und sauber.

Na los. Wir müssen wieder runter. Wenn Mutter erfährt, dass-

„Nein“, Cindy erhob abwehrend die Hand.

Eine Windböe fegte gen Himmel und durchschnitt eine Wolke.

So stark hatte sie sich noch nie gefühlt. Ihr Wunsch, die Welt zu sehen, fühlte sich so gewaltig, so mächtig an, dass Lucys Gegenwehr einfach an ihr abprallte. Die Worte ihrer anderen Seele waren bedeutungslos gegenüber diesem endlosen Blau!

„Cindy! Was fällt dir eigent-“, erschrocken verstummte ihre Großmutter mitten im Satz. Sie presste die Lippen aufeinander. Schloss die Lider.

„Holt meinen Schwiegersohn. Cindys Affinität wurde vom Wind weggeweht.“

Tuscheln breitete sich zwischen den restlichen Macian aus. Sie flüsterten untereinander. Dennoch konnte Cindy jedes Wort hören. Wie ein Redeschwall legten sie sich übereinander. Sätze die sich endlos überlappten, während sie glasklar blieben.

Ihr Kopf schmerzte.

Zischend sog sie Luft ein und nahm zum ersten Mal bewusst wahr, wie sie atmete. Der kühle Wind strömte durch sie hindurch, vermischte sich mit ihrem Blut und kämpfte sich über ihren Mund in die Welt zurück.

Ja. Die Welt. Diese große Welt. Sie konnte Stimmen hinter der Mauer vernehmen. Erst ältere Stimmen. Dann jüngere. Da waren auch Kinder! Kinder in ihrem Alter, die sich stritten! Die schrien!

Verblüfft trat sie auf die Mauer zu.

Da draußen … Da waren nicht nur Monster.

„Was ist hier los?“, donnerte die Stimme ihres Vaters plötzlich über den Hof, „Lucy!“

Doch Cindy ließ ihr anderes Ich nicht antworten.

„Ich will durch das Tor, Vater“, erklärte sie dem zornigen General.

„Bist du denn des Wahnsinns? Lucy! Es ziert sich nicht-“

„Ich will durch das Tor, Vater. Ich will nach … Kriegsheim!“, unterbrach sie ihn trotz jeder Anstandsregel, die ihr eingetrichtert wurden.

„Lucy. Ich erwarte-“

„ALi“, unterbrach ihre Großmutter ihn leise, „Cindy kann nicht anders … Ihre Affinität hat sich gewandelt. Ich hätte sie noch nicht nach oben bringen dürfen. Nun sind uns die Hände gebunden: Entweder du zwingst sie nach unten oder du rufst die Elementare des Windes zur Hilfe.“

„Bei Zangasha, das kannst du nicht-“

Doch Cindy hörte ihn nicht mehr. Sie hörte nur die Stimmen in der Ferne. Dieses Lachen. Worüber die anderen Kinder wohl lachten? Im Stützpunkt wurde fast nie gelacht. Im Stützpunkt herrschte stets diese Kälte. Jeder musste sich benehmen. Jeder musste sich an die Regeln halten. Jeder wurde stur in eines der Raster unter der Erde gepresst.

„Ich will hier raus!“

Eine nie geahnte Kraft durchflutete Cindy, als sie diesen Entschluss fasste. Wind peitschte umher. Unkontrollierbarer Wind. Er zog an ihrer Kleidung. Zerriss den Rock. Zerriss die Schleifen, die ihr rotes Haar bändigen sollten.

Dann breitete die Dunkelheit ihre Arme aus.

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