
Radius beobachtete, wie Lisa ihren viel zu kleinen Jungen mit den Armen schaukelte. Lucas war so mickrig. So verletzlich! Sie konnte es immer noch nicht wahrhaben, dass sie der erste Mensch gewesen war, der seinen viel zu winzigen Körper berührt hatte. Dass er wegen ihr lebte.
Sonst nahm sie doch nur Leben.
„Er ist so klein“, flüsterte sie erneut.
„Ich weiß“, Lisa strich sanft über seine Wange, „Mein Kopf will noch gar nicht glauben, dass er nun wirklich da ist.“
„Dass er nun wirklich da ist oder wie er hierher kam?“, fragte Radius still.
Obwohl es keine Anklage war, so zuckte Lisa zusammen. Sie schaute an Radius vorbei. Zur verborgenen Tür, die einen geheimen Raum verbarg. Derzeit befanden sie sich in dessen Vorraum. In einen von unzählig anderen verwinkelten Verstecken die an Merichavens Tunneln angrenzten. Hier gab es nur zwei Türen – eine, die zu den Tunneln zurückführte und eine zum eigentlichen Versteck, hinter der sich Mortes mit Mona über seinen letzten Auftrag unterhielt.
„Ich wollte nicht, dass … Ich wollte euch nur … Ihr seid meine Familie!“
Die letzten Worte rief sie so sicher aus, dass Lucas das Gesicht verzog. Doch nicht Radius. Diese schloss gepeinigt die Augen. Immerhin war es ihre Schuld, dass Lisa sich mit Mortes angefreundet hatte. Dass ihre Freundin nun also als Cherry Aufträge übernahm, um ihren Mann zu schützen und so auch ihren Sohn gefährdete, war nur eine von etlichen Folgen.
Folgen für die Radius verantwortlich war.
„Es hätte so viel schief gehen können“, murrte sie, „Wir hatten Glück. Und ich will mich nicht auf Glück verlassen. Nicht, wenn es um dein Leben geht. Nicht, wenn es Lucas betrifft.“
Der Name rollte immer leichter über ihre Lippen. Fast, als wäre er ihr eigener Sohn. Und in gewisser Weise war er es auch. Immerhin hatte Lisa darauf bestanden, dass Radius seine Patentante werden sollte. Dass sie mit zur Familie gehöre.
Sie hatte es gerade erst ausgerufen!
„Ich werde vorsichtiger sein. Das verspreche ich dir“, lenkte Lisa ein und drückte das Baby an sich, „Nicht nur um deinetwillen …“
Ehe Radius etwas erwidern konnte, kehrte Mortes zurück. Sofort war er bei seiner Frau und Sohn. Er strich ihm zärtlich über en Kopf. Wandte sich dann an Lisa, um ihre Stirn zu küssen.
„Ich bin zum-“
„Nein“, unterbrach Radius zornig, als sie seine übliche Verabschiedung erkannte, „Du wirst jetzt bei ihr bleiben. Sie braucht dich!“
„Ich weiß, aber Gemma …“, er schaute gepeinigt zurück.
Mehr musste er nicht sagen. Radius sprang sofort auf. An seinem Tonfall hatte sie bereits erkannt, dass ihr Vater da war. Dass er Mortes unter Druck setzte.
„Einen. Moment.“
Damit schob sie sich durch die Tür und an Mona vorbei, welche ihren Pfad blockieren wollte. Doch war es Radius egal. Für sie zählte nur ihre Freundin. Ihr Glück. Ihr Lucas …
Er war noch so klein …
„Wir müssen reden“, befand sie, als sie vor ihren Vater trat.
Ihr Vater, der ein mobiles Arbeitszimmer in diesen Raum geschafft hatte. Der kaum von dem Bericht aufblickte, den er am Klapptisch unter der losen Glühbirne las. Der ihr nur einen Zeigefinger entgegenstreckte, ehe er Mona, die ihr an den Tisch folgte, mit einer nebensächlichen Handbewegung stoppte.
„Nein. Du willst reden. Und du willst es nicht vor deiner Mutter beim Abendessen ansprechen, nehme ich an.“
Seine Stimme klang nonchalant. Beinahe abwertend. Dennoch ließ sich Radius nicht aus der Ruhe bringen.
„Cherry hat gerade erst entbunden. Sie braucht Mortes. Sie braucht Ruhe. Sie braucht Sicherheit. Du darfst ihn jetzt nicht wegschicken“, erklärte sie harsch.
„Nein. Du willst, dass ich ihn nicht wegschicke“, korrigierte er sie, „Dabei bekommt man in seiner Branche kaum Urlaub, weißt du? Arbeit fällt immer an. Ich brauche ihn. Ich brauche sie. Wenn sie ein Kind nebenher haben wollen, schön. Das ist ihr Problem.“
„Dieses Problem ist mein Patenkind“, bemerkte Radius kalt, „Er gehört für mich zur Familie. Und er hat eine Kindheit verdient!“
„Es ist nur ein Kind. Wusstest du, dass vor hundert Jahren die Hälfte aller Kinder vor dem siebten Lebensjahr verstarben? Dass-“
„Du sagtest es: vor hundert Jahren. Nicht heute“, sie stützte sich auf seinem Tisch ab und lehnte sich vor, „Ich. Werde. Seine. Mutter. Sein. Wenn. Cherry. Etwas. Geschieht. Vater.“
Langsam schaute er auf. Seine grauen Augen jagten ihr einen Schauer über den Rücken. Dennoch ließ sie nicht locker. Sie musste stark bleiben. Für Lisa. Für ihren kleinen Sohn. Für Lucas!
„Er wird nie zu uns nach Hause kommen können. Deine Schwester und Mutter dürfen nichts von ihm wissen. Selbst Niklas sollte nichts von eurer Bindung wissen, Tochter.“
„Niemand wird es je erfahren, solange es Cherry gut geht. Und das beinhaltet natürlich auch Mortes Wohl, solange sie nicht bei Kräften ist. Du verstehst?“
Es war das erste Mal, dass sie so hoch gegen ihren Vater pokerte, doch musste es sein. Nur so konnte sie sichergehen, dass Lisa nicht den Verstand verlieren würde, weil sie ihrem Mann nicht helfen konnte. Weil sie sich um Mortes sorgte, während Lucas sie doch brauchte.
Ihr Vater könnte auch mal auf eine seiner vielen Schachfigur verzichten!
„Ein teures Anliegen …“
„Nicht, wenn du mir Mortes Aufgaben überträgst“, forderte sie.
„Dann wirst du nicht rechtzeitig zum Abendessen zurück sein. Nein …“, Gemma schüttelte den Kopf, „Ich werde etwas umplanen müssen … Aber die nächsten zwei Wochen könnte ich Mortes entbehren …“
„Und Cherry darfst du nicht anrühren, solange sie noch Lucas‘ Windeln wechselt. Sie hat genug zu tun“, erklärte Radius streng.
„Das ist … eine lange Zeit.“
„Für jemanden, den du nur in deine Fänge bekommen hast, weil sie Mortes schützen wollte und seither umsonst für dich arbeitet? Nicht wirklich.“
Ihr Vater kniff die Augen zusammen. Er trommelte mit der rechten Hand über den Tisch. Erst befürchtete Radius einen Morsecode. Ein Zeichen, das er Mona zusandte. Dann erkannte sie den Rhythmus. Es war von irgendeinem Lied, das ihre Mom daheim gerne summte. Eines, deren Text sie sich nie merken konnte.
Nur der eilige, fast schon galoppierende, Rhythmus hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt.
„Du setzt dich viel für deine alte Freundin ein.“
„Weil sie meine einzig wahre Freundin ist“, hauchte Radius zurück, „Ohne sie würde ich den Verstand verlieren. Ich brauche sie … bitte.“
Eigentlich sollte sie nicht bitten. Es gehörte sich nicht. Weil sie eine Jade war. Weil das Wort nicht einmal ihr galt. Sondern jemand anderem. Weil sie es nicht mal aus eigener Kraft schaffte, diese Personen zu beschützen. Dennoch klammerte sie sich an dieses Wort. Sie musste. Es gab keine andere Wahl. Keine Alternative.
Und ihr Vater wusste das.
„Mortes hat die nächsten zwei Wochen Ruhe. Bei Cherry warte ich, bis sie zu mir kommt. Doch muss deine Beziehung zu ihrem Sohn geheim bleiben. Und … Solltest du je meine Regeln brechen, werde ich bei ihnen als erstes nach dem Grund fragen. Verstanden?“
Eilig stimmte Radius zu. Sie kannte seine Regeln zur Genüge. Noch nie hatte sie eine davon auch nur gebogen. Dies war der einfachste Deal, den sie je mit ihrem Vater geschlossen hatte!
Als sie zu ihrer Freundin zurückkehrte, überbrachte sie daher nur den ersten Teil ihrer Abmachung. Sie erzählte, dass Mortes seinen Auftrag vergessen solle. In zwei Wochen ginge es erst wieder weiter. Und dann sollte es auch seichter sein. Sie kenne Gemma zu gut. Cherry möge sich also auch ganz entspannt ausruhen, bis sie sich wieder fit fühle. Das wäre das wichtigste.
„Hättest du noch einen Moment?“, fragte Mona, als sie gerade aufbrechen wollten.
„Eigentlich nicht“, entgegnete Radius mürrisch.
Sie wollte ihre Freundin unbedingt nach Hause bringen. Sie wollte sehen, wie diese Lucas in sein Bettchen legte. Sie wollte nie wieder in ihr Zuhause!
„Es ist wichtig. Mortes?“, Monas Stimme hatte einen harschen Unterton angenommen und so nahm er augenblicklich den unausgesprochenen Befehl entgegen und lenkte Lisa zum Ausgang.
„Wir warten im Tunnel.“
„Mona …“, murrte Radius, sobald die drei hinter der nächsten Tür verschwunden waren.
„Du musst wissen, dass Gemma wusste, dass du dich für Cherry einsetzen wirst“, flüsterte sie und augenblicklich verflog der Frust aus Radius.
„Bitte?“
„Du weißt es nicht von mir. Aber etwas hat sich in Merichavens Untergrund verschoben. Der Sklavenhändler … er war von jemandem gedeckt worden, der sich in der Stadt befand, doch wurden alle Spuren verwischt. Ich glaube, Gemma will nur, dass du vorsichtiger bist. Immerhin sollst du eines Tages seinen Posten übernehmen.“
Radius schaute zu der Tür, hinter der sich ihr Vater verbarg. Dann zu jener, hinter der sich Mortes und Lisa befanden. Wo Lucas war.
„Was, wenn ich seinen Posten nicht übernehmen will?“, hauchte sie aus.
„Ich glaube nicht, dass Gemma so etwas je akzeptieren könnte“, Mona seufzte, „Dein Vater will nur das Beste für dich. Er liebt dich auf seine ganz eigene Art. Und er erwartet deine Liebe in Folgsamkeit.“
„Ich weiß“, Radius musterte Monas traurigen Blick und ehe sie sich versah, umarmte sie ihr ehemaliges Kindermädchen, „Danke … Für deine Ehrlichkeit.“
