Radius beobachtete, wie Lisa ihren viel zu kleinen Jungen mit den Armen schaukelte. Lucas war so mickrig. So verletzlich! Sie konnte es immer noch nicht wahrhaben, dass sie der erste Mensch gewesen war, der seinen viel zu winzigen Körper berührt hatte. Dass er wegen ihr lebte.
„Wie konntest du diese Sauerei nicht mitbekommen?“, schimpfte Shiloh, während sie Lianes Hand begutachtete.
Die erste Stunde war nur schleppend vorbeigezogen. Immer wieder war Getuschel ausgebrochen. Niemand konnte sich auf Mr. Michels konzentrieren. Ab und zu hatte man ihren Namen geflüstert. Dann Bettys.
Es war so albern.
Erschrocken zuckte Liane zusammen, als Shiloh ein paar Papierhandtücher auf ihre Wunde drückte: „Hörst du mir überhaupt zu?“
„Ja“, so halb, „Aber es sieht schlimmer aus, als es ist“, beharrte sie.
Murrend schüttelte ihre Freundin den Kopf.
Sie hatte die Wunde erst zum Klingelzeichen bemerkt. Eigentlich hatte sie Liane ins Sekretariat bringen wollen. Aber dann hätten sie auch Betty getroffen … Also war es aufs Mädchenklo gegangen.
„Woran hast du dich überhaupt so doll geschnitten? Hast du irgendwo ein Taschenmesser versteckt?“, schimpfte Shiloh.
Still schaute Liane auf den Boden. Ihre Freundin wusste von den Bildern. Von ihren seltsamen Gedanken. Aber der Talisman? Dieser greifbare Brief, der keine Einbildung, keine Erinnerung war? Konnte sie diesen mit ihr teilen?