
Liber durfte keine Zeit verlieren. Er hatte sich mit einem Ruderboot zurück in den Hafen begeben. Hatte nach einem Pferd gerufen und direkt drei vorgeführt bekommen. Dann war er mit dem Boten und einer Wache losgeritten.
Er musste seine Königin retten!
„Mein König! Ihr seid zu schnell!“, rief ihm die Wache zu.
Doch antwortete Liber nicht. Der Wind war zu eisig. Sein Körper zu durchgefroren. Seine Sorgen zu gewaltig: Er wusste nicht, ob sie in Wahrheit nicht viel zu langsam waren. Ob Helenes Zeit schon verstrichen war. Ob er so nun auch sein ungeborenes Kind verlieren würde!
Als die Klippen in Sicht kamen, erblickte er ihre Gestalt. Sie stand am Rand. Den Hals gereckt. Ein dreckiger Reisemantel über ihren Schultern. Ob sie so hinausgelangt war? Als Königin wurde sie sonst von seinen Gästen und Untertanen mit Geschenken überhäuft. Niemals ließ ihre Dienerin sie ihr Zimmer gar mit einem Fleck verlassen!
Kurz vor ihr zügelte er das Pferd. Er Klopfte dem Tier gegen den Hals. Schwang sich herab. Trat an sie heran. Erblickte dabei die feinen Wassertropfen, die vor ihr glitzerten. Die von den Wellen stammten, welche gegen die Klippen schlugen. Wellen, die Bellona wachsen lassen konnte, um seine Königin mit sich zu zerren …
„Du darfst nicht hier sein“, erklärte er sanft.
„Ich durfte ihn schon nicht ablegen sehen“, sie wandte sich nicht um, „Du hast mich eingesperrt. Wie Vieh! Obwohl dieselbe Reise unsere Geschwister einst umgebracht hat. Obwohl sie die Seuche und die Tode heimgeholt hat. Und nun?“, sie schauderte, „Willst du unsere Geschichte wiederholen?“
„Nein. Ich will ihr vorbeugen. Und deswegen musst du hier weg“, er griff nach ihrer Hand, doch ließ sie sich kaum zwei Schritte von der Klippe wegführen.
Zu wenig, um in Sicherheit zu sein.
„Vorbeugen“, sie lachte, „Sind wir deswegen deine Sklaven?“
Endlich blickte sie zu ihm. Ihre Augen waren so gebrochen. Seit Jahren schon. Während Cleon seinen Hass überkommen konnte, hatte sie stets mit ihren Gefühlen zu kämpfen gehabt.
Sie hatte nie eine Königin werden wollen – geschweige denn seine.
Und genau deswegen musste er sie beschützen!
„Ich kann Cleon nicht weiter helfen. Aber ich weiß, dass du ihn wiedersiehst. Wenn du nun mitkommst. Bitte. Ich …“, er legte ihre freie Hand auf die Wölbung ihres Bauches, „Wir brauchen dich.“
Langsam ließ sie sich von ihm fortführen. Er hörte, wie seine Begleiter endlich ankamen. Sah, wie sie um sie ritten. Lauschte, wie sie sich nach Befehlen erkundigten. Wie der Bote ein „Oh“ verkündete und zum Meer wies.
Sofort zerrte er Helenes Kopf gegen seine Brust. Er musste. Weil er gespürt hatte, wie sie hinaus schauen wollte. Weil er wusste, dass es ihr Ende wäre. Weil er sie doch beschützen musste!
„Nein. Du darfst nicht. Es tut mir leid. Es tut mir leid“, hauchte er ihr zu, während sie gegen seinen Griff ankämpfte.
„Mein König, was-“
„Zieht Eure Mäntel aus“, befahl er, „Hängt sie zwischen euch auf. Helene darf nicht aufs Meer blicken. Nicht jetzt. Das-“, er zitterte, „Ich kann nicht zulassen, dass du heute stirbst.“
Endlich wurde sie ruhiger. So ruhig, dass er sich traute, sie loszulassen, nachdem die Männer ihre Mäntel zwischen ihr und dem Meer hielten. Sie hatten sie zusammengebunden und vor ihr aufgehangen. Dennoch schnitt Liber den Ärmel seines nassen Hemdes ab, um ihn um ihre Augen zu wickeln.
„Warum?“, fragte sie, als er den Stoff festzog.
„Weil ihr sonst sterbt. Du … Du zuerst. Durch … etwas … und Cleon, weil er dich anschließend vermissen wird“, gestand er.
„Ihr sprecht zu zurückhaltend, mein König.“
Eis hatte sich in ihre Stimme geschlichen. Jedoch verachtete er sie nicht dafür. Er wusste, dass sie nicht anders konnte. Dass sie sich selber schützen wollte. Dass sie in ihm den Feind sah.
Sie kannte Bellona noch nicht.
„Und du gehörst nach Hause“, er führte sie den Weg entlang, „Lass mich dich nicht unter Hausarrest stellen, Helene.“
„Ja. Lass deine schwangere Königin nur zurück laufen, oder?“
„Du bist auch hergelaufen“, riet er.
Ihr Schweigen war Zustimmung genug. Und so führte er seine Königin über die Straßen und Wiesen bis nach Hause. Er wartete, bis sie in ihrem Zimmer war. Bis ihre Dienerin sich vor ihm verneigt und erklärt hatte, wie Helene hinaus gelangt war. Erst danach gestattete er ihr, Helenes Augenbinde abzunehmen.
Hasserfüllt starrte sie ihn an.
„Wenn Cleon stirbt, werde ich dir das nie verzeihen“, verkündete sie.
„Wenn Cleon stirbt, werde ich es mir selbst nie verzeihen“, erwiderte er nur.
Dann wandte er sich ab. Er ließ mehrere Wachen vor ihrer Tür zurück. Auch einige im Garten unter ihren Fenstern, durch das sie zuvor hinaus geklettert war. Und am Tor.
Danach ritt er zum Hafen zurück.
Der Hafen, der noch immer verwahrlost aussah.
„Ihr könnt wieder“, seufzte er den Leuten zu.
„Vielen Dank“, eine alte Frau trat auf Liber zu und verneigte sich dabei, „Wir waren uns unsicher. Ihr seid zu schnell aufgebrochen.“
Er nickte. Am Hafen war sein Wort Gesetz. Hier harrten die Menschen lieber aus, ehe sie den Zorn des Meeres weckten. Und nachdem er vorhin so laut geworden war …
„Schon gut. Die Wellen haben sich beruhigt“, entgegnete er.
Mehr würde er nicht erklären. Dafür waren diese Leute zu wenig mit seiner Familiengeschichte verbunden. Kaum einer kannte noch Bellona oder die Geschichte des letzten Königs.
Und dennoch hörten sie besser auf ihn als seine schwangere Frau es zu tun vermochte!
Als Cleons Boot einige Stunden später aus der anderen Richtung zurückkehrte, brach Jubel aus. Die Menschen grüßten. Wanken. Pfiffen! Doch Liber wartete nur. Er beobachtete, wie die Wellen den Kahn zurücktrieben. Wie der einstige Junge kniete. Wie er so kahl aussah. Wie er sich nun als Mann gab.
Und wie er den Arm zum Gruß hob.
Erleichtert seufzte der König. Er dankte Bellona stumm dafür, dass sie Cleon akzeptiert hatte. Er spürte, wie die Tränen aus seinen Augen drangen. Wie er seinen Ziehsohn sofort an sich pressen wollte!
Trotzdem wartete er, bis dieser an Land kam. Bis Cleons Freunde und die Hafenleute diesen gegrüßt hatten. Bis er sich wieder an den Boden unter seinen Füßen gewöhnt hatte.
„Schön, dich noch atmen zu sehen“, grüßte er.
„Ja …“, Cleon erschauderte und lehnte sich an Libers Ohr, „Sie … Sie lässt grüßen und … Helene. Sie will Helene haben, wenn meine Schwester erneut ihre Pflicht vergisst.“
Die Worte klangen so final, dass Liber nickte. Er musste einen Weg finden, seine Königin an ihr Amt zu ketten. Würde sie sich noch einen Fehltritt erlauben, ein falsches Wort, einen Ausbruch …
Und sein baldiges Kind würde ohne Mutter aufwachsen.
„Ich lasse nicht zu, dass sie noch einen Fehler begeht. Habe ich bei dir ja auch nicht, oder?“, fragte er entschlossen.
Dankbar schloss Cleon ihn in seine Arme.
