K4.5: Prolog – Der Stift des Briefeschreibers

© Medra Yawa

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Ein letztes Mal drückte SR ihre Hand, ehe er von ihr abließ. Damit sie ihm vertraute. Damit sie wusste, dass er es schaffen würde. Er hatte nicht vor, zu sterben und sie mit ihrem Wissen allein zurückzulassen.

Dennoch blieb sie bei ihm.

»Bist du dir sicher?«, erkundigte sie sich, »Gallahain ist nur einen Katzensprung entfernt und falls Generälin LaRa uns bemerkt-«

»Wir haben es doch bereits abgesprochen«, erinnerte er sie, »Auch wenn meine Kontrolle besser geworden ist: Ich brauche eine Vertraute. Und sie wird meinen Schutz vor Ragnarök benötigen.«

Endlich lockerte sich Jackies Griff. Jackie. Es fiel Sven unendlich schwer, sie so zu nennen. Zumal ihre andere Seele immer noch Nicole gerufen werden wollte. Sobald jedoch Jackie deren oder gar Jessicas Namen vernahm, heizte sich ihre Stimmung an.

»Dann werde ich am Bike auf dich warten. Wenn aber irgendetwas ist-«

»Irgendwie habe ich bislang immer den Weg zu dir zurückgefunden. Keine Sorge«, gluckste er und endlich ließ sie seine Hand los.

Sie geht nicht …, säuselte seine andere Seele.

Natürlich nicht. Solange sie hier ist, können wir unsere Umgebung noch verschwommen sehen. Vielleicht spürt sie es? Es muss ihr dann gewiss falsch vorkommen, uns so schutzlos zurückzulassen, oder?

Anstatt es anzusprechen, wartete Sven darauf, dass sie von selbst ging. Es war wichtig, dass sie ihn das hier alleine regeln ließ.

Nur so konnten sie ihre Zukunft verhindern.

Sobald sich ihre Schritte entfernten, umwob ihn eine undurchdringliche Dunkelheit. Wo er zuvor noch Schemen ausmachen konnte, gräuliche Linien, die ihm gezeigt hatten, wo Jackie stand und wo der Weg zwischen ihnen verlief, hatte sich Schwärze ausgebreitet. SR musste der Versuchung widerstehen, über den Boden zu streichen, um den Rasen zu ertasten. Lieber orientierte er sich an seinen Füßen, die er stur auf dem Pfad geparkt hatte. Und an dem Rauschen der Blätter.

So konnte er den Weg zielsicher verlassen. Er setzte den ersten Fuß vorsichtig auf den Gräsern ab. Gräser, die sich selbst durch seine Sohle hindurch schärfer anfühlten. Als wären sie ungehalten von ihm.

Zumindest wurden wir diesmal noch nicht angegriffen?, erkundigte sich Ryan.

Lass das! Unsere Kontrolle ist schon kaputt genug. Was, wenn der Yubiwa dank all deiner Albernheiten zerbricht? Kannst du nicht dieses eine Mal etwas mehr wie ich sein?

Und alles siebenmal durchdenken? Vergiss es.

Angespannt zerrte Sven seine andere Seele in die Tiefen seiner Gedanken und setzte den zweiten Fuß auf dem Rasen ab. Er spürte, wie etwas die Sohle seines Schuhs durchbohrte. Dennoch fuhr er mit der Bewegung fort. Er vollführte sie langsam. Beinahe besinnlich. Wenn er sich dabei verletzte, dann war es eben so. Das war für den Blinden nur ein kleiner Preis.

Er hatte bereits einen viel größeren bezahlt.

»Ich weiß, dass du mich beobachtest, Dryade«, bemerkte er, »Ich komme, um dir einen Handel anzubieten. Einen, der unser aller Leben retten könnte. Deines ebenso sehr wie meines.«

Als Antwort knirschte etwas schräg vor ihm. SR neigte den Kopf in die Richtung. Er wusste nicht, ob es die Dryade selbst oder ein anderer Desson war. Er wusste nur, dass es kein Macian sein konnte. Die Macian von Gallahain blieben meist unter der Erde verborgen. Und wenn sie doch über ihn stolpern würden, so wäre er gewiss schon in ihre Kämpfe verstrickt worden.

»Bitte. Wir brauchen einander. Mehr noch als du heute erahnen kannst«, sprach er weiter.

Rascheln. Knirschen. Dann roch er es. Es war eine Mischung aus Erde und frischen Blättern. Dreckig und irgendwie doch rein. Beinahe süßlich. Oder verspielt? Erneut raschelte es. Direkt vor ihm. Als würde das Wesen dort stehen. Als würde es sein Gesicht mustern. Als wäre es nur eine Nasenspitze entfernt!

»Hallo«, hauchte er so sanft wie nur irgendwie möglich aus, »Ich bin Sven Ryan. Freut mich.«

Er lächelte ins Nichts und augenblicklich raschelte es. Die Dryade schien um ihn herumzutanzen. So wild, dass Sven froh war, Ryan fortgeschickt zu haben. Den anderen hätte das Verhalten nur aggressiv gemacht.

»Du hast um etwas gebeten«, säuselte die Dryade mit einer viel zu kindlichen Stimme, »Dabei bitten Hushen nicht. Poppa bittet. Andere Macian auch. Manchmal. Doch Hushen nicht. Nein. Hushen nicht.«

Sie klang so unschuldig. So unwissend. Nach ihrer Stimme zu urteilen, konnte sie höchstens vier oder fünf Jahre alt sein. Nach ihrem Wissen? Nach ihrer Macht?

Ein paar Jahrhunderte.

»Weil ich ein Hushen bin, der die Traditionen meines Volkes durchbrechen will, um uns alle zu beschützen. Dich, mich, aber auch die Hushen, Macian, Hutan und Desson«, erklärte er, »Dafür kann ich auch ein paar Bitten, Dankesworte und Entschuldigungen erübrigen.«

Das Rascheln stockte. Dafür wedelte ihm Wind ins Gesicht. SR spürte, wie dort etwas war. Eine Hand? Ein Ast? Eine spitze Wurzel?

Genau wie jene, denen er einst ausgewichen war, um zu Jessica zu gelangen …

»Du kannst nichts sehen«, Verblüffung schlug ihm entgegen, »Wieso?«

»Der Preis des Friedens«, offenbarte er ehrlich, »Ich musste meinen Vertrauten verlieren, um ins Heute zu gelangen«, er hob den Arm und präsentierte das dünne Lederband, mit dem er sich den Yubiwa ums Handgelenk gebunden hatte – nur so hatte er bislang die Ausbrüche seiner Magie verbergen können, »Ich bin ein Hushen, der aus der Zukunft stammte. Einer, in der man dich mit einem Hushenbaby verbunden hat, um dich zu unterwerfen. Ich sage nicht, dass Hushen oder Macian oder Hutan dafür verantwortlich waren. Es war ein Zusammenspiel aus Tyrannei, fehlendem Eingreifen und Hass. Etwas, was wir verhindern wollen. Mit dir.«

Er hoffte, dass sie ihm vertrauen würde, wenn er die Wahrheit offenlegte. Immerhin musste er sie aus Gallahain fortbekommen. Er brauchte sie als seine Vertraute, damit seine Magie ruhig blieb. Damit sie nicht mehr für den Krieg benutzt werden konnte. Damit das Wort Frieden nicht mehr nach einem Traum klang …

»Die Zukunft …«, wiederholte diese viel zu junge Stimme schräg hinter ihm und SR bemühte sich, sich nicht nach ihr umzudrehen, »… das könnte sogar sein …«

Verwirrt neigte er nun doch den Kopf nach ihr. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie seine Worte ernst nehmen würde. Als er jedoch spürte, wie sie gegen den Yubiwa strich, ehe ihre Finger sich auf sein Handgelenk legten, erstarrte er wieder.

Sie fühlten sich so rau und sanft zugleich an. Wie … wie Wurzeln? Oder Äste? Irgendwie waren sie runzelig und krümelig, aber auch glatt und weich.

Dieses Wesen war voller Gegensätze!

»Du hast Gallahain vor zwei Wintern angegriffen«, überlegte sie, »Nur hatten wir damals keine Angriffe.«

»Wie kommst du darauf?«, fragte er unschlüssig.

»Du trägst meine Pollen in dir. Kinder, die ich nie erschaffen habe«, die Dryade klang nachdenklich, »Aber es sind meine. Ich kenne sie. Meine. Meine. Meine!«

Sven spürte Panik in sich aufflackern, als er die Verzweiflung in ihrer Stimme erkannte. Er kannte sie von sich selbst. Er hatte sie gespürt, als sie in der neuen Vergangenheit angekommen waren. Als ihm ohne Tatakai die Hände gebunden waren. Als er Jackie die meiste Last schleppen lassen musste …

Dabei mussten sie doch vorankommen!

»Es tut mir leid, dich so zu überfallen«, erklärte er und tastete nach dem Wesen, nur um es am Boden kauernd vorzufinden, »Wir haben sehr viel Zeit verloren, weil ich mein fehlendes Augenlicht erst aufarbeiten musste. Wir brauchten einen Plan. Für die Desson bei Kriegsheim. Für die Stützpunkte. Für meinen Weg zurück zu den Hushen, um diese in die richtige Richtung zu lenken. Und für dich«, er atmete tief durch, »Bitte. Ich brauche einen Vertrauten, der die Stärke besitzt, meine Magien auszugleichen, damit ich wieder die Zeit beeinflussen kann. Und du brauchst einen Schutzschild vor all jenen Macian und Hushen, die dich nur ausnutzen wollen. Deswegen ersuche ich dich inständig, dich mit mir zu verbinden, damit ich wieder ein Zentrip habe. Damit ich wieder Magie wirken kann. Bitte. Du musst meine Magien nur anpassen. Im Austausch dafür, werde ich dir jeden mir erdenklichen Schutz zusichern. Ich werde den Standort Gallahains verbergen. Ich werde dich ziehen lassen, wohin du nur willst. Ich möchte einzig, dass keiner dich zwingen kann, ihm zu gehorchen. Ich brauche nur einen Weg, die Zukunft zu retten. Ich brauche nur eine Chance.«

Er strich über die Schulter des Wesens. Zumindest glaubte er, dass es ihre Schulter war. Je mehr er sich mit ihr befasste, desto menschlicher erschien ihm die Dryade. Sie war wie ein kleines Mädchen! Ein kleines Mädchen mit verfilztem Haar, das gegen seine Hand streifte …

»Und du willst mich auch sicherlich nicht ausnutzen?«, sie schluchzte, »Dabei hat mich jeder seit Otis Dion ausgenutzt. Deswegen hatte Otis mich ja auch bei Poppas Familie versteckt. Deswegen … Bis es endlich Frieden geben könne …«

»Es kann Frieden geben«, beharrte SR.

»Nein. Du sagst, du willst ihn. Aber wenn es soweit ist, wirst du die Macian nur töten, oder? Das tut ihr alle immer wieder! Töten, töten, töten!«

»Er nicht.«

Jackies Stimme sandte ihm einen Schauer über den Rücken. Eilig wirbelte Sven herum. Er spürte, wie Ryan ausbrach. Wie sie sich beide um ihre Freundin sorgten!

Ihre Freundin, die ihnen so viel mehr bedeutete als ihr eigenes Leben.

»Wer bist du?«

»Houos Anhängsel«, antwortete sie, »Die Großnichte von General TaJu. Und vor dir befindet sich der Grund, warum ich noch lebe. Vor dir befindet sich jener Hushen, der mich über ein Jahrzehnt vor seines gleichen verborgen hat. Vor dir befindet sich der einzige Mensch, bei dem ich wenigstens einen Funken Frieden erleben konnte. Er ist nicht wie die anderen Hushen.«

Warum ist sie wieder da??? Sie soll sich in Sicherheit bringen! Falls wir die Dryade nicht-

Die Dryade hört auf Jackie, unterbrach er Ryan.

Er drückte die Schulter des Wesens. Wandte sich nach seiner Freundin um. Konnte wieder die Schemen zwischen ihnen erkennen. Kleine Gräser und Steine, die ihren Pfad blockierten. Dahinter standen ihre Füße. Ihre Beine. Und etwas höher: Ihr besorgtes Gesicht.

»Wir beide wollen den Frieden endlich zum Leben erwecken«, erklärte er, »Doch können wir ihn nur mit deiner Hilfe erreichen.«

Schritte. Sie knirschten über den Boden. Sven spannte sich an, als die Fußabdrücke durch seine Schemenwelt liefen. Sie waren geisterhaft. Klein. Zierlich.

Und dennoch beängstigend.

»Du bürgst für ihn, Feuermädchen?«

Hitze erstrahlte. Sie war so warm. So weich. So herzlich. Wie eine Umarmung. Wie ein Licht, das die Schemen erstrahlen ließ. Durch das SR nicht nur Schemen, sondern auch Farben ausmachen konnte!

Dann erlosch es wieder.

»Mit allem was ich bin.«

Sven spürte, wie Jackies Vertrauen in ihn ihn ansteckte. Er fühlte sich gestützt. Gehört. Geborgen. Nicht, als würde sie ihm helfen, weil er ansonsten stürzen würde. Eher, als würde sie für ihn da sein, weil er ein Teil von ihr war.

Genauso, wie sie von ihm.

»Kein Hushen darf in Kriegszeiten je nach Gallahain gelangen«, flüsterte die Dryade aus, »Das hatte ich ODi geschworen. Deswegen … Ich muss hier bleiben. Ich muss Gallahain verbergen. Ich muss-«

»Deinen Schwur werden wir aufrecht erhalten«, stimmte SR ihr zu, »Sobald wir unter den Hushen sind, können wir sie von hier fernhalten. Niemand wird herkommen.«

»Das … Ja. Es ginge. Es-«, er hörte, wie sie vor ihn trat, »Wirst du dann mein neuer Poppa?«

»Ich … kann es versuchen?«, entgegnete er unschlüssig.

»Ja. Dann- Dann ginge es. Solange niemand herkommt. Solange-«, sie sog so hastig die Luft ein, als wäre sie ihr ausgegangen, »Ich … Ich bin Canopy«, sie verschränkte ihre Finger mit seinen, »Nur ein dünnes Band?«

»Ja«, stimmte er ihr zu, »Für den Frieden.«

Sie wiederholte seine Worte. Dann durchbohrte etwas ihre Hände. Holz. Sven keuchte erschrocken auf. Die Schmerzen waren zu plötzlich gekommen! Als er jedoch erkannte, dass sie damit ihre Magie durch seinen Körper sandte, durchflutete ihn Erleichterung. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in der Vergangenheit ordneten sich seine Chakren wieder! Denn das Holz war besonders. Es wuchs mit seiner Magie. Mit seiner und mit ihrer. So verformte es sich, als es auf seiner Seite austrat. Es veränderte sich. Verknotete sich mit seiner Magie …

Mit der freien Hand griff er danach. Er ertastete den Gegenstand. Die Länge. Die Form. Dann zog er ihn entschlossen heraus. Testete sein Gewicht. Die Härte des Bleistifts, der fortan seine Waffe wäre. Der nun den neuen Frieden ihrer zweiten Zukunft skizzieren sollte …

An die fehlende Klinge würde er sich nur langsam gewöhnen können.

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