K: Nur ein Traum II

„Du bist spät dran“, begrüßte er JM, als sie sich endlich ins Zimmer schlich.

Hockend wartete er bereits seit Stunden neben dem bewusstlosen Mann auf sie. Am liebsten hätte er den Trunkenbold raus gezerrt. Er wollte ihn weit weg von dem kleinen Mädchen wissen, welches ihm so sehr ans Herz gewachsen war!

Aber Oni war nicht stark. Er war noch nie stark gewesen. Selbst damals, als seine Vertraute ihn brauchte, als er sie vor der ganzen Welt verteidigen wollte und Zähne fletschend vor ihr stand, war er ihr nur ein Klotz am Bein gewesen.

„Ich hatte zu tun“, erwiderte die neu angekommene Frau ausweichend und schob sich an ihm vorbei.

Zwei rot leuchtende Augen tauchten neben ihr auf. Sie erschienen aus dem Nichts und blieben mitten in der Luft hängen. Zuerst bohrten sie sich in Oni, dann in den schlafenden Mann.

„Hast du ihn umgebracht?“

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K: Nur ein Traum I

Der Staub hinterließ einen toten Geschmack auf Nadjas Zunge. Er schmuggelte ein Gefühl der Einsamkeit in ihr beengtes Zimmer. Und selbst der stete Luftzug ihres kaputten Fensters wusste die Fusseln nicht zu vertreiben. Lieber entlockte er ihrem Windspiel ein schwerfälliges Lied. Dieses echote gepeinigt durch den Raum. Es sang mit seinen tristen Klängen von Kummer. Von Sorgen. Von Qualen.

So wie jede Nacht …

Zügig ignorierte Nadja die Töne. Stattdessen bemühte sie sich, die Schemen ihrer Möbel auszumachen. Ein schwieriges Unterfangen, da sie ohne den Mond die Ecken und Kanten nur erahnen konnte. Sie nahmen geisterhafte Konturen an, die stumm miteinander zu verschmelzen schienen.

„Gute Nacht und träum was Schönes. Wir sind zurück, ehe der Morgen anbricht“, hatte ihre Mutter vorhin noch gesagt.

Worte, die nun so weit entfernt wirkten.

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K: Das Leben ist zu schön

„Bitte sei leise, Sissy“, murmelte Lisa flehentlich, während sie das gefundene Kätzchen unter ihrem Shirt transportierte. Dennoch wollte das Tier nicht hören. Immer wieder mauzte es und jagte dem Kind einen Schrecken nach dem anderen ein.

Ertappt sah sich das Mädchen um. Sie befand sich auf der einzigen Straße, die von Kriegsheim zum Waisenhaus führte. Auf der einzigen Straße, die sie nach Hause brachte. Es war eine einsame Fahrbahn mit diversen Schlaglöchern und Gräsern, die sich mühsam durch das Beton fraßen und da es keinen Gehweg gab, tat Lisa häufig so, als wäre sie eines der seltenen Autos. Warum auch nicht? Die einzigen, die diesen Weg benutzen, waren ihre anderen Geschwister und Sabine. Dieser Ort lag viel zu abgelegen!

Ihre Augen huschten zum Waldrand, der ihr so nah erschien, als würde er die Straße sein Eigen nennen. Sie glaubte jemanden zwischen den Bäumen zu erkennen, doch als sie blinzelte, war die Person verschwunden. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Augen ihr Streiche spielten. Die Schatten zwischen den Baumstämmen waren eigenartig verworren. Allerdings war das normal so. Sabine hatte es ihr beteuert.

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K: Die Stimme

Leise stand Jenny auf. Sie erschauderte, als ihre nackten Füße den kalten Holzboden berührten. Doch verbat sie es sich, irgendwelche Geräusche über ihre Lippen zu lassen. Sie musste still bleiben. Das hatte sie sich vorgenommen. Nur so konnte sie hinter die Wahrheit kommen. Nur so konnte sie ihrem Onkel Fred helfen …

Fröstelnd zog sie sich eine viel zu große Jacke über ihr Nachthemd. Die Betreuerin des Waisenhauses hatte sie ihr gegeben. Genauso wie die anderen Kleidungsstücke. Genauso wie das tägliche Brot. Genauso wie das Dach über ihrem Kopf und die Freunde, die sich ihre Stieffamilie schimpften …

Doch im Gegenzug hatte man Jenny ihren Onkel genommen.

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