
Um bei Verstand zu bleiben und auf keinen Fall die Zeit zu vergessen, schlüpfte ich in den Körper eines Pferdes, das Marias Kutsche zur Kirche zog. Es war eigenartig, mich plötzlich mit vier Füßen fortzubewegen. Zumal ich sonst ja nicht einmal einen hatte. Auch spürte ich, wie das Pferd mich nicht in seinem Kopf haben wollte. Doch unterdrückte ich seine Seele. Ich machte mich breit. Lenkte den Körper weiter. Ließ erst am Ziel von ihm ab.
Am Ziel, wo das Pferd erschöpft umfiel. Wo es zitterte. Wo die Menschen davon sprachen, dass es wie besessen wirkte. Dass es nicht normal wäre!
Im nächsten Moment stach Sir Stark es nieder.
„Geht es Euch gut?“, fragte er Maria eilig, während sie der Kutsche entstieg.
„Du hast- Es war doch nur-“
„Wir werden ein neues besorgen. Bitte seid unbesorgt. Doch konnte ich nicht zulassen, dass es Euch verletzen könnte.“
„So wie Elisabeth?“, fragte Maria leise.
Sie zitterte. Bekam ein Taschentuch gereicht. Fragte panisch nach ihrer Julia. Nach meiner Julie!
„Sie sollte bald kommen. Seid unbesorgt. Wenn Ihr bitte-“
Ich hörte Sir Stark nicht mehr zu. Meine Gedanken wurden von Marias Vater abgelenkt. Diesem dreckigen Mistkerl, der aus der nächsten Kutsche trat und sofort befahl, dass sich doch jemand um das erdolchte Pferd kümmern möge. Und man solle schleunigst einen neuen Schimmel für die Hochzeitskutsche besorgen!
Damit blickte ich das erste Mal wirklich auf das weiße Fell des Tieres. Ja. Es war schön gewesen. Ein anmutiges Tier.
Und eines, das nur dank mir nun tot war.
Doch Timmy war auch nur dank des undankbaren Widerlings tot!
Ich wandte mich ab, um in die Kirche zu gleiten. Zuerst musste ich mir einen groben Überblick verschaffen. Dann suchte ich nach den nächsten Tieren. Ich wusste, dass unser Plan riskant war. Aber ich wusste auch, dass ich es schaffen könnte.
Nur so wäre Julie frei!
Es dauerte noch zwei Stunden, ehe Alexander eintraf und die Zeremonien begannen. Zwei Stunden, in denen ich in unterschiedliche Vögel oder Ratten sickerte, um diese Türen und Fenster schließen zu lassen. Darunter auch einen Hund, mit dessen Körper ich einige Fässer umwarf, um die Hintertür der Kirche zu versperren.
Heute würde jeder, der die Kirche für die Hochzeit betrat, sterben.
Damit schwebte ich mitten auf das Podium. Ich schwebte durch Maria hindurch, als sie ihr Jawort erwidern sollte. Schaudernd fiel sie auf die Knie. Ihr Vater schimpfte. Alexander fragte, ob alles in Ordnung wäre. Doch ehe sie antworten konnte, glitt ich erneut durch sie hindurch. Zu kurz, als dass sie erkennen könnte, wer oder was ich war. Aber lang genug, um mit ihrem Mund zu sprechen.
„Ich verfluche Euch.“
„Maria? Was …?“, Alexander trat von ihr zurück.
Ich fing mich noch im selben Moment. Es hatte geholfen, meine Gedanken so oft mit Julie zu teilen. So wusste ich, wie ich schneller die Kontrolle gewinnen konnte.
„Mir ist so schwindelig. Was-“
Erneut glitt ich in Maria und lieh mir ihren Mund: „Sterbt ihr Kakerlaken!“
Sie keuchte, als ich ihren Körper verließ. Sie riss den Kopf herum. Für einen Moment war mir, als ob sie mich spüren könnte. Als ob sie mich gar sah?
Dann loderte die unterdrückte Wut in mir auf. Maria. Elisabeth. Sir Stark. Sowie dieser elend kranke Vater! Sie alle waren für Timmys Tod verantwortlich. Sie alle hatten meine Julie ausgenutzt. Sie alle hatten ihr den Kopf gewaschen. Sie alle hatten sie mich vergessen lassen!
Ich schrie aus voller Kehle auf und sogleich hielt sich Maria die Ohren zu. Sie keuchte. Der Priester trat von ihr zurück und sprach dabei ein eiliges Gebet. Doch ein Gebet würde niemandem hier drin noch etwas nützen …
Denn in meiner Wut schlugen die Flammen um sich. Kleine Gebetskerzen leckten an den Holzbänken der Kirche. Die Türen brannten. Der Fels kostete Feuer. Im Nu verwandelte sich das Gebäude ein gewaltiger Backofen!
Ein Backofen, den ich erst verließ, als sich keine Seele darin mehr regte. Ich schwebte zu meiner Julie zurück. Julie, die bereits mit Bernhard von ihrem Fenster aus zur Kirche sah. Die mich erwartete. Die zügig aufstand, nachdem ich meine Erinnerungen mit ihr geteilt hatte.
„Ich muss etwas erledigen. Bleibe hier, wenn du das Anwesen erben willst“, befahl sie ihrem Gemahl, ehe sie zum Dienstbotengang schritt.
„Was … hast du vor?“
„Deinen Weg ebnen. Sag danke.“
Und schon war sie auf dem Weg zu Elisabeth.
