K: Eine andere Welt I

Entgegen der Erwartung ihres Vaters hatte Cindy selbst nach zwei Jahren noch Spaß am Unterricht der Hutan. Es hörte sich einfach alles zu ulkig an! So vieles, was sie auf natürlichem Wege verstand, mussten die anderen Kinder erklären können. Also. Richtig erklären. Mit Regeln und Gesetzen und Begründungen und manchmal sogar mit Formeln …

Dabei waren die Sachen doch so klar! Luft konnte nicht nichts sein. Und Wasser machte sich halt breiter, wenn es kalt wurde. Das waren simple Fakten für sie. Es war als würde man sie nach der Farbe ihrer Kleidung oder das Geräusch der Kreide an der Tafel fragen. Wieso sollte sie es also erklären?

Vielleicht hatte ihr Vater so gehofft, dass Cindy eine Welt ohne Magie bald langweilen würde. Dann könnte er sie wieder mit offenen Armen begrüßen und unter die Erde ziehen. So müsste er nichts gegen ihre Windaffinität unternehmen. Lucy müsste die Dominanz übernehmen. Sie würden in eine Ausbildung gequetscht werden. In ein fremdes Leben.

Nein. Lieber würde sie die dunklen Flecken in der Hutanwelt akzeptieren! Dann gäbe es eben Hausaufgaben, Vorträge, genervte Lehrer. Alles im Leben hatte eine Schattenseite. Und wenn Cindy eben die albernen Erklärungen lernen musste, um hier reinzupassen – so sei es drum! Das hier war immerhin ein Stück wahre Freiheit: Sie musste sich nicht mehr den ganzen Tag wie ein Brett benehmen. Sie durfte lachen. Weinen. Ja, Lucy beschwerte sich nicht einmal mehr, wenn sie die Zunge rausstreckte oder eine Schnute zog!

Sie konnte ein ganz normales Mädchen sein.

Nach Hutanstandards verstand sich.

„Kann mir irgendjemand sagen, warum er auf den Dank verzichtet? Warum steigt der Ritter in die Arena herab, wenn ihm doch nichts an der Frau liegt? Na? Irgendjemand?“, die verzweifelte Stimme ihres Lehrers riss sie aus ihren Gedanken, dennoch blickte die Macian nicht auf.

Wenn sie aufsah, würde er sie aufrufen. Und Gedichte waren überhaupt nicht ihre Stärke. Sie war eh noch von dem Ding verwirrt. Wie konnten dort so viele verschiedene Raubkatzen aufgezählt werden? Gab es wirklich so viele Tiere? Sie hatte im Unterricht zwar davon gehört, aber irgendwie fühlte es sich falsch an … Diese unmagischen Menschen hielten ja auch die Wesen des Waldes für einfache Tiere!

„Na kommt schon! Nur weil Janek krank ist, müsst ihr nicht alle die Ohren verschließen, hm?“, bohrte der Mann weiter und lief vor der Tafel lang.

Genervt schloss Cindy die Augen. Nun ging die Leier wieder los. Da ihre Klasse so klein war, kannten sie alle ihre Stärken und Schwächen. Janek war das Sprachengenie. Sie selbst diejenige, die gerne die anderen belauschte und sich durch den Unterricht riet. Das Mädchen ganz hinten war die reinste Akrobatin, der Junge daneben ein Taschenrechner auf zwei Beinen. Am Fenster saß die stille Neue aus dem Waisenhaus, vor dieser die Zicke, deren musikalisches Gekreische im ganzen Dorf bekannt war. Zuletzt blieb nur noch der Junge direkt vor Cindy, welcher stets die Tische mit seinen Kunstwerken schmückte.

Außer Janek konnte niemand Fragen über Gedichte beantworten.

Und das wussten sie allesamt.

„Kommt schon! Es ist wie ein Märchen. Irgendjemand? Lina? Will?“

Wenn die Angesprochenen eine Reaktion von sich gaben, so war es keine akustische. Die Stille im Raum glich einem angespannten Geduldsfaden!

Tut er dir nicht etwas leid?, fragte Lucy plötzlich.

Sofort wies Cindy ihr anderes Ich zurück. Ihre zweite Seele hatte hier nichts zu suchen! Sie durfte nicht auffallen! Wenn jemand bemerkte, dass sich ihr Gesicht veränderte, würde ihr Vater gewiss davon erfahren. Dann dürfte sie nicht mehr kommen. Dann müsste sie sich unter der Erde wegsperren lassen!

NEIN!

Abrupt hob sie den Kopf und blickte direkt in zwei hoffnungsvolle Augen.

„Cindy? Was ist mit dir? Hast du eine Idee?“

Mist. Warum hatte sie aufgesehen? Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein! Nur wegen ihrer anderen Seele, die am liebsten eh nur hier weg wollte!

Eilig schüttelte sie den Kopf.

„Na komm schon? Versuch es doch, ja?“

Wieso konnte der Typ sie nicht in Ruhe lassen?! Lächelnd stand er vor ihr und wartete so geduldig … Er erinnerte sie an die Macian daheim. Die Leute, die ihrem Vater unterstellt waren und jeden ihrer Fehltritte sofort meldeten! Wie oft hatte sie schon jemanden vertrauen wollen und sich allein in der Welt wiedergefunden? Selbst ihre Großmutter war ihr entrissen worden!

Von ihrem eigenen Vater …

„Nein“, widersprach sie entschieden.

„Na komm schon, Cindy“, bat er erneut.

Die Luft fühlte sich so stickig an. So still! Dabei waren die Fenster doch offen. Sie konnte nicht denken. Es fühlte sich zu bedrängt an. Zu … Zu …

Lucy schob sich durch ihren Kopf. Sie wollte etwas sagen. Irgendetwas. Irgendetwas, das Cindy nicht zulassen durfte!

Lucy war vielleicht ihre zweite Seele, eine Schwester im Geiste.

Aber sie war auch Cindys größte Fessel.

Wind.

Ohne darüber nachzudenken, strich sie mit den Fingern durch ihre Haare. Sie versteckte die Geste hinter ihrer roten Mähne. Es war ein einfacher Befehl, den sie an das unsichtbare Element richtete. Ein Hilferuf.

Sofort wehte die Böe durch die Fenster und riss dabei die Papiere vom Lehrerpult. Zettel stoben durch den Raum. Ihr Lehrer schimpfte. Hinten lachte jemand. Schiefes Kichern schräg vor ihr. Der ewig malende Klassenkamerad fluchte, als seine Stifte runter rollten. Abwesend behielt sie eine Hand auf ihrem Lehrbuch, damit die richtige Seite offenblieb.

Dann blendete Cindy alles aus. Sie sog die frische Luft gierig ein. Verscheuchte das Gefühl der Enge. Den Druck! Das hier war kein Käfig. Es war nur ein Klassenzimmer. Eines, das sogar Fenster besaß!

Nicht wie daheim …

Grimmig beobachtete sie, wie der Lehrer den letzten Zetteln hinterhereilte und reichte ihm einige, die neben ihr gelandet waren. Es war nur rechtens. Immerhin hatte sie das Chaos auch veranstaltet. Und wenn sie ihm nicht entgegenkäme, würde Lucy sich wieder aufregen. Darauf konnte sie dankend verzichten!

„Danke“, er knallte ungehalten seine Tasche auf den losen Stapel, „Und? Cindy?“

Super. Er hatte also nicht vergessen, dass sie ihm noch antworten sollte. Worum ging es nochmal in dem Gedicht? Sie konnte sich nur noch an Raubkatzen erinnern. Was war die Frage gewesen? Um wen ging es?!

„Ehm. Wurde das wirklich erklärt?“, erwiderte sie unschlüssig.

Der Lehrer seufzte. Er sah nicht gut aus. Ob der Wind ihn zu sehr genervt hatte? Aber sie hatte ihn gebraucht! Was hätte sie sonst tun sollen?

„Cindy … Ganz im Ernst. Du musst nur ein wenig mitdenken. Ihr alle müsst das. Ist das denn zu viel-“

Abrupt hielt er inne. Erst verstand die Macian nicht, warum. Es dauerte einen Moment, bis sie etwas hörte und einen weiteren, ehe sie die fremde Stimme registrierte.

Eine Stimme, die neben ihr erklang. Von dem sonst so stillen Mädchen, das erst vor drei Wochen zu ihnen kam. Das sich nicht einmal selbst vorgestellt hatte. Das stets den Mund gehalten hatte und alles stumm über sich ergehen ließ, als könne es nichts sagen! Und nun?

„-absichtlich. Er hätte dort unten sterben können und ist angewidert, sein Leben für ein Kleidungsstück riskiert zu haben. Es war ein Spiel der Dame. Aber eines, das seinen Tod bedeuten konnte.“

Stille.

So leise war es in ihrer Klasse noch nie gewesen. Oder kam es Cindy nur so vor? Sie hörte, wie der Lehrer zustimmte und noch andere Fragen stellte. Er stellte sie sanfter als sonst. Ruhiger. Aber das Mädchen schwieg schon wieder.

Huh. Das war neu. Wie hieß sie nochmal? Sonst merkte sich Cindy die Namen der Hutan nicht. Es waren nur unmagische Menschen. Nicht weiter wichtig. Ihr Vater verglich sie sogar mit austauschbaren Tieren. So weit wollte sie zwar nicht gehen, aber dennoch war sie nie mit ihren anderen Klassenkameraden warm geworden.

Sie kamen aus einer zu friedlichen Welt.

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