M: Kraftlos

Diana zog sich wie ein Roboter an. Ruckartig. Still. Ohne Nachzudenken. Wenn sie die Gedanken zuließe, würden auch die Gefühle kommen. Und dann würden die Tränen sie wieder überwältigen.

Dabei hatte sie schon so viel geweint …

Ihre Finger rutschten an einem kleinen Knopf ab. Er war schwarz. Genauso schwarz wie ihre restlichen Anziehsachen. Alle würden heute schwarz tragen. Es war immerhin Ma-

Erneut rutschte sie ab. Diesmal am zweiten Knopf. Sie atmete tief durch. Schloss die Augen. Versuchte es noch einmal.

Aber sobald sie ihre Finger anspannte, begannen sie zu zittern.

Nein!

Diana kniff die Augen zu. Sie stellte sich vor, wie sie etwas anderes anzog. Irgendetwas buntes. Genau. Sie hatte so ein grünes Top im Schrank. Das hatte so ähnliche Knöpfe am Kragen. Marie hatte immer gemeint, dass es wie-

Marie.

Ungewollt erinnerte sie sich an ihre sture Freundin. Sie war so stark gewesen. So selbstsicher und mutig! Nun gut, zeitweise hatte sie ihre egoistischen Seiten gehabt. Aber wer war schon perfekt?

Als sie die Augen wieder öffnete, war ihr Gesicht nass. Sie saß auf ihrem Bett. Die Beine an den Körper gepresst. Die Hände darum geschlungen. Ihre Schultern bebten. Sie musste wieder daran denken, wie es geknallt hatte und sie die Rauchwolke gesehen hatte. Kurz darauf waren die Feuerwehrautos durch die Straßen gerast. Ihre Mutter hatte gefragt, was der Lärm solle. Ihr Großvater hatte irgendetwas erwidert. Dann war Rachel bei ihr gewesen.

Denn Diana hatte nur ungläubig an ihrem Fenster gestanden. Sie hatte sich kaum bewegen können. Eine dunkle Vorahnung hatte sie erfüllt. Die Richtung der Rauchsäule – sie hatte sie erkannt. Zu oft war sie da gewesen! Aber die Wahrscheinlichkeit …

Erst als Rachel meinte, dass sie auch mit Dianas Handy nicht durchkam, war Diana aufgeschreckt. Es hatte sie wach gerüttelt. Sie hatten sich gegenseitig angerufen. Hatten Freizeichen bekommen. Aber nicht bei Marie. Nicht bei Maries Haustelefon.

Marie war mit ihrem ungeborenen Kind in den Flammen gestorben.

Diana schrie in ihr Kissen. Das half. So konnte sie hoffentlich die Bilder abschütteln. Diese Erinnerungen an das eingefallene, abgebrannte Haus, in dem sie viel zu oft zu Besuch gewesen war. Die Nachricht der Beerdigung, die ihnen nur in den Briefkasten gesteckt wurde. Das Lächeln ihrer Freundin, als sie dessen letzte Geburtstagsparty organisiert hatte …

Abrupt wischte sie ihre Tränen ab und stand auf. Sie musste sich dabei hoch hangeln. Fiel fast wieder aufs Bett zurück. Zog stattdessen ihre Bluse zurecht. Schaute in den Spiegel.

Schwarz stand ihr nicht. Erst recht nicht als Augenringe. Sie war ein Wrack. Ein irgendwie noch laufendes und funktionierendes und stockendes Wrack.

Konnte man sie nicht am Meeresgrund vergessen?

„Diana?“, Rachel klopfte gegen ihre Tür, „Kommst du?“

Die Stimme ihrer Cousine riss sie aus ihren Gedanken. Sie wollte zu der jüngeren. Zu ihrer wahren Familie. Zu ihrer Begleitung für die Beerdig-

Ihre Füße klebten am Boden fest. Sie kam nicht vom Spiegel weg. Es war, als hätte man sie dort angekettet. Ihre Beine schmerzten. Ihr Körper schrie! Sie wollte zu Rachel. Sie wollte auf keinen Fall zu der Beerdigung. Sie wollte ihre Cousine in die Arme schließen. Bloß nicht zu den Gräbern. Musste zu den Gräbern!

Sie musste sich doch verabschieden …

Schluchzend glitt sie zu Boden. Sie klammerte sich an ihren Armen fest. Verharrte dort. Ein Rauschen erfüllte ihre Ohren. Es klang wie ein Echo. Das Echo eines Lachens. Ja. Marie hatte viel gelacht, ehe ihre Schwester entführt wurde. Sie war so aufgeschlossen, so lebhaft gewesen.

Warum hatte Diana sich danach mit ihr so zerstritten?

Sie wusste es nicht mehr.

Als die Hand ihre Schulter berührte, zuckte sie zusammen. Rachel saß plötzlich vor ihr. In der Tür standen Dianas Mutter und Großvater. Sie alle waren in schwarz gekleidet. Sie alle starrten sie an. Schienen zu warten.

„Hey, ob alles gut ist?“, ihre Cousine klang, als hätte sie die Frage schon einige Male gestellt.

Diana schluckte. Öffnete den Mund. Nur kam kein Ton heraus. Stattdessen hustete sie.

„Mach langsam“, mischte sich nun ihre Mutter ein, „Du brauchst deine Stimme immerhin in der Schule. Ab morgen gehst du wieder hin, ja? Keine Ausreden mehr!“

„Siehst du nicht, wie schlecht es ihr geht? Oder willst du es nicht sehen, Tantchen?“, Rachel baute sich zwischen ihnen auf, „Wie kannst du so kalt sein?“

„Ich weiß gar nicht, was du dich da einmischst! Du bist nicht meine Tochter, Kind!“

„Aber sie sind beide meine Enkelinnen“, unterbrach ihr Großvater nun.

Das brachte ihre Mutter endlich zum Schweigen.

„Was- Was macht ihr hier?“, fragte Diana leise, als der Husten endlich nachließ.

„Du hast geschrien“, erklärte Rachel bedrückt, „Also. Nicht wirklich geschrien. Es klang eher weinend? Fast wie ein … heulendes Tier? Ich weiß nicht …“, sie schaute sich hilfesuchend um.

Aber niemand schien ihr die Worte abnehmen zu wollen.

Diana schloss die Augen. Ja. Sie hatte sich so zerrissen gefühlt. Wegen … Wo wollte sie nochmal hin? Irgendetwas hatten sie-

Erneut fiel ihr das Schwarz auf. Jeder trug es. Diese triste Farbe. Sie hatten alle mitkommen wollen. Aus Höflichkeit, hatte ihr Großvater gesagt. Aus Respekt.

Für die Beerdigung Rachels bester Freundin.

„Ich kann da nicht hin“, erkannte Diana.

Wenn sie sich nicht einmal hier zusammenreißen konnte, wie sollte es dann am Grab aussehen? Sie würde allen nur eine Last sein … Das durfte sie ihrer toten Freundin nicht antun, oder?

„Diana! Du kannst dich nur einmal verabschieden. Wenn du heute nicht gehst, dann-“

„Dann geht sie eben ein anderes Mal auf den Friedhof“, mischte sich Rachel wieder ein.

„So funktioniert das nicht! Es gibt Prozedere und-“

„Blumen kann man immer aufs Grab legen.“

„Aber das Zusammenkommen-“

Diana blendete die beiden aus und schaute zu ihrem Großvater. Es war ihr gleich, ob ihre Mutter die Entscheidung verstand oder respektierte. Nur er zählte. Ihn musste sie überzeugen.

Und er nickte ihr sanftmütig zu.

„Ich würde dennoch in deinem Namen hingehen. Brauchst du etwas? Soll ich dir irgendetwas mitbringen?“, unterbrach er den Streit.

Verdattert starrten ihn alle an. Selbst Diana hätte nie mit einem solchen Entgegenkommen gerechnet. Nicht von ihrem sonst so sturen Großvater.

„Eine … Eine Rose wäre schön. Eine weiße. Die … Die hat sie gemocht“, hauchte sie beinahe aus.

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