K: Prolog – Todeswunsch

© Medra Yawa

Der Regen fiel schwerfällig aus dem hellblauen Himmel. Nicht eine Wolke war zu sehen. Dennoch fanden die Tropfen kein Ende. Unentwegt rieselten sie herab und fluteten den Pfad mit schlammigen Pfützen.

Pfützen, die fast schwarz aussahen.

Nein. Nicht ganz. Eher … dunkler-

Bevor das Mädchen ihren Gedanken beenden konnte, stürzte sie. Eine Schlammschicht bedeckte ihr Kleid. Am liebsten wäre sie liegen geblieben. Warum war sie überhaupt gerannt? Sie wusste ja gar nicht, was sie zuerst durchnässt hatte. Der Regen oder ihr eigener Schweiß?

»Wo bist du? Steffen?«, schluchzte sie leise.

Die Kopfschmerzen durchfuhren sie wie ein Peitschenhieb. Da war eine riesige Tatze. Schreie. Blut!

Jemand war verletzt. Wer? Und wo? Was machte sie hier? Sollte sie Hilfe holen? War sie deswegen gerannt? Aber wohin?

Und wer war sie?

Wir haben keine Zeit! Wir müssen weiter! Weiter!, rief eine Stimme in ihrem Kopf.

Eilig gehorchte sie. Es fühlte sich richtig an. Es fühlte sich als Einziges richtig an!

Dennoch …

Wen hatte sie finden wollen? Warum hatte sie den Namen schon wieder vergessen? Sie hatte ihn ja gerade noch ausgesprochen! Fühlten sich so die Namenlosen? Die Grabwächter, die kein Tageslicht sahen? Diese-

Wer waren die Namenlosen?

Ängstlich blieb das Mädchen stehen. Sie traute sich nicht mehr weiter. Es war, als ob jeder Schritt ihr eine Erinnerung raubte. Als ob sie sich selbst verlor und-

Bleib nicht stehen. Bitte! Sonst sind wir verdammt, meldete sich die Stimme erneut.

Jemand stöhnte. Nur befand sich niemand neben ihr. Es war auch nur eine Stimme. Nein. Keine bloße Stimme. Das waren Seelen! Das waren ihre anderen Seelen. Sie waren alle drei in diesem Körper gefangen. Sie waren eins.

Ob sie es wollten oder nicht.

»Aber warum?«, hinterfragte das Mädchen leise, »Ich … Sollte ich nicht lieber sterben? Ich …«

Sie stockte. Wieder war da dieser stechende Schmerz in ihrem Kopf. Schwarze Punkte tanzten hinter ihren Augen. Sie wusste nicht, wann sie stürzte. Auf einmal kniete sie im Matsch. Verloren. Allein.

Weiter! Ehe-

»Keine Bewegung, Macian!«, befahl eine fremde Stimme neben ihrem Ohr. Das letzte Wort triefte vor Verachtung. Vor Hass.

Vor Zorn.

Erleichtert schloss sie die Augen. Diese Gefühle, so negativ sie auch waren, fühlten sich echt an. Gerechtfertigt. Erwünscht. Ihr Tod … Ja. Ihr Tod würde dieses ganze Drama beenden. Sie wollte nicht mehr leben. Sie wollte nicht mehr umherirren. Ihre Hände … Ihre Hände sollten besser erkalten!

Das kann nicht dein Ernst sein?!

Warum nicht? Ich weiß ja nicht einmal, wer ich bin. Ich … ich fühle mich nur schuldig, dachte sie stur.

Dann ist der Tod erst recht keine Lösung!

Hm … Mag sein. Aber zumindest fühlt er sich richtig an.

Endlich schien die dritte Seele wieder zu Sinnen zu kommen: Was fühlt sich richtig an?

Entschlossen atmete das Mädchen durch. Es war ihr egal, was die anderen Facetten ihres Ichs wollten. Das hier, das war das einzig Richtige. Sie hatte es verdient.

»Willst du es nicht endlich beenden?«, fragte sie sachte.

Der Fremde antwortete nicht.

Stattdessen füllte sich ihr Kopf mit ungehörten Worten. Die erste Seele schimpfte den Himmel unter die Erde. Die zweite blieb jedoch ruhiger. Kindlicher. Als könnte sie ihre Situation noch nicht ganz begreifen.

Das war ihr zu viel! Sie konnte nicht mehr. Sie wollte einfach alles enden lassen. Diese Pein, die sich über den Wald gelegt hatte, sie sollte-

Welche Pein?

Erschöpft wandte sich das Mädchen dem Fremden zu. Diesem dunkelhaarigen Jungen. Er konnte nicht viel älter als sie sein. Er war vielleicht einen Finger größer. Schmales Gesicht. Buschige Augenbrauen. Eingerückte Nase. Dünner Mund.

Oder kniff er ihn nur so zusammen?

»Na mach‘ schon. Ich bin eh nur eine Platzverschwendung«, murmelte sie und umarmte sich selbst.

Verwunderung huschte über seine Züge. Er runzelte die Stirn. Blickte hinter ihr in den Wald. Blickte diesen schlammigen Pfad entlang.

»Was … Was ist passiert?«

Die Worte rissen sie zurück: Ein Lächeln. Schmerz. Geschrei. Blut. So viel Blut!

Ihre Finger krallten sich in ihren Kopf. Er brannte von innen. Glühte! Da waren Namen. Immer und immer wieder dieselben Namen. Sie wurden gerufen. Geschrien. Geweint und-

Ich … wir haben doch auch Namen, erkannte sie keuchend.

»Hey … Ehm … Alles gut? Ich meine …«, der Junge riss sie wieder in die Realität. Er wirkte nun so unschlüssig. Warum? Was hielt ihn zurück?

Blinzelnd starrte sie ihn an.

»Du solltest mich lieber töten. Das ist einfacher für uns alle«, erklärte sie ihm stur.

Nickend hob er sein Messer. Jedoch schien sein Zorn verflogen. Stattdessen zappelte sein linker Fuß unruhig.

»Aber der einfachste Weg … ist nicht immer der beste, oder?«

Seine Unschlüssigkeit steckte sie an. Sie spürte Zustimmung von den anderen Seelen in ihr. Die beiden wollten kämpfen! Sie wollten leben! Sie wollten … wollten …

Was wollten sie? Nur den heutigen Tag überstehen? Oder die gesamte Woche? Wie sollte ihr Leben aussehen? Wo sollten sie hin? Sie …

Sie wollte nie wieder den Krieg sehen.

»Ich …«, sie stockte, »Ich … weiß ni…«, Tränen rannen aus ihren Augen. Sturzbäche, die sich nicht mehr bändigen ließen. Wasserfälle, die dem Regen Konkurrenz machten.

Was wusste sie schon?!

»Ich weiß auch nicht, ob mein Weg der richtige ist. Aber ich will nicht den der anderen laufen«, gestand der Junge plötzlich und senkte sein Messer, sodass sie nun ein Zeichen auf der Klinge erkennen konnte – ein Stern in einem Kreis, »Was hältst du also von einem Handel?«

Das Mädchen zog die Stirn in Falten.

Ein Handel? Was für einen Handel? Was könnte sie ihm schon bieten? Hätte er sie nicht lieber umbringen können? Oder war das selbst im Krieg zu viel verlangt? Warum wollte er nun seine Zeit mit ihr verschwenden? Sie war … Sie war doch …

Was war sie?

Geh nicht darauf ein! Das ist eine Falle. Wir müssen hier weg. Weg!, meldete sich wieder die erste Stimme.

Nur ließen sie genau diese Worte innehalten. Eine Falle? Eine Falle, um sie zu töten? Aber das wollte sie doch!

»Was willst du?«

Er klopfte mit der Klinge gegen sein Bein. Es wirkte wie ein Zeichen. Oder eine nachdenkliche Geste? Wusste er überhaupt, was er wollte? Oder zog er es sich an den Haaren herbei?

»Dein Leben gehört mir. Ich will sehen, was du daraus machst. Ich will sehen, wie du lebst. Ich … Ich will sehen, was euch zu diesen Monstern macht.«

Nichts davon ergab irgendeinen Sinn. Es wirkte so dumm auf sie. Als ob das Unvermeidbare nur aufgeschoben wurde und die Guillotine morgen ihren Namen tragen würde.

»Wenn es dir so besser geht«, murmelte sie.

DAS KANN NICHT DEIN ERNST-

Noch während sich die andere Seele aufregte, tauchte der Junge plötzlich vor ihnen auf. Er holte mit seiner Klinge aus. Riss sie nach vorn. Ein beißender Schmerz fuhr durch ihren linken Unterarm.

Sie keuchte.

NEIN! TÖTE IHN! TÖTE IHN!!!

Sie zuckte zusammen.

»Nur eine kleine Versicherung. Du verstehst?«, fragte er mit grimmiger Miene, ehe er sein Messer einsteckte, als wäre nichts geschehen, »Ich heiße TJ. Du?«

Unaufgefordert tanzten ihre Finger durch die kühle Luft und sofort spannte er sich an. Denn wie von Geisterhand schwebte glitzerndes Wasser auf ihre Wunde. Dort linderte es den Schmerz. Der Blutfluss stoppte. Die Flüssigkeit versiegelte die angekratzte Haut.

Zurück blieb eine dünne Narbe.

»Maggie und Valerie …«, stellte sie sich und die schimpfende Stimme vor. Die Namen kamen ungefragt zurück. Als wären sie nie fort gewesen! Als wären sie-

Sie dachte an die kindliche Seele und atmete durch.

»Und Alice.«

Er hielt inne. Starrte sie ungläubig an. Ob er die Abmachung bereits überdachte? Ja. Bestimmt. Drei Seelen in einem Körper widersprach gewiss den Regeln der Natur. Sie musste-

In der Ferne erklang ein qualvoller Schrei.

Ein schwarzes Wesen sprang aus dem Unterholz. Die roten Augen huschten zwischen ihnen hin und her. Dann schmierte es seinen Kopf gegen TJ’s Bein.

Abrupt wandte er sich ab.

»Wir sollten weg, ehe die nächste Welle eintrifft. Versuch, nicht zurückzufallen.«

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