B: Die Scherben Blaincs

Pico lehnte sich über das Replika von Blainc. Die Karte ihrer Welt, in der die Hügel, Täler und Berge mit echten Felsen und die Gewässer mit kleinen Pfützen nachgestellt waren. Die Martals hatten diese Karte angefertigt, als sich ihre Gemeinschaft gegründet hatte. Sie hatten es so echt dargestellt, dass er fast erwartete, sich selbst darauf entlanglaufen zu sehen!

Nachdenklich strich er über den Hügel, der seine einstige Heimat darstellte. Jener, an dem sich der erste Bannkreispunkt befand. Obwohl er außerhalb ihrer Stadt lag, so verlief das Replika dahinter noch weiter. Genauso weit, wie der Bannkreis ursprünglich reichte.

Ehe er geschrumpft war.

Ein Rascheln ließ ihn aufblicken. Myra war zurückgekehrt. Sie war die einzige Shahlem in ganz Blainc. Ein Wesen mit einem kindlichen Erscheinungsbild. Mit zwei Armen. Mit zwei Beinen. Mit einem Gesicht wie Lilith. Doch ihre Haut war olivgrün. Ihre Augen golden. Ihre Haare waren Tentakeln, die in die unterschiedlichsten Richtungen tanzten. Und ihr Körper selbst …

Pico beobachtete, wie sie problemlos durch das Replika glitt, um mit einem Tentakel eine Linie durch das Gebirge zu zeichnen, während die restlichen in ihrer ganz eigenen Sprache umhertanzten.

Bis hierhin. Er ist wieder geschrumpft. Diesmal um gut fünf Galebs.

Pico wartete, bis sie ihn ansah, ehe er auf seine eigene Art antwortete. Mit tanzenden Flügeln. Ledrigen Flügeln, wie Lilith einst gemeint hatte.

Wenn das so weitergeht, bleibt uns nur noch ein Zeitalter, ehe der Bannkreis selbst die Bannkreispunkte erreicht.

Du machst dir Sorgen, Onkel?

Definitiv. Doch durfte der Rat von Blainc nichts davon erfahren. Seitdem sie sich an den Bannkreis gewöhnt hatten, waren sie auf diesen angewiesen. Er wollte sich gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn sein Kunstwerk zerfiel!

Und zerfallen würde es, sobald die Bannkreispunkte keine Stützen mehr bilden könnten …

Kannst du keine neuen Punkte aufbauen?, fragte Myra mit ihren Tentakeln.

Nicht ohne Schlüssel …

Die Worte ließen sich nur schwer mit den Flügeln zeichnen. Zumal er den Namen seiner Schwester nicht mehr mit ihnen beschreiben konnte, ohne sie zu vermissen.

Sie war diejenige gewesen, die ihn aus seiner Trauer gerissen hatte. Sie hatte ihm einen Sinn im Leben geschenkt. Sie hatte ihn zum Lachen gebracht!

Und deswegen war sie die Schwester seines Herzens geworden. Deswegen hatte er Myra als Nichte angenommen, als sie die Shahlem einst aufgenommen hatte. Deswegen hatte er auch Chem Wak als Freund akzeptiert, nachdem er eine Vaterrolle für seine Lilith übernahm …

Und dann hatte dieser seine Schwester entführt!

Wir werden die Felder hier ausbauen lassen und die Galebs bitten, bei den Arbeiten zu helfen. Dann können sie hier nicht mehr auf Alovs oder Nassen treffen. Hier unten jedoch …

Wenn die Shemanias noch mehr isoliert werden, werden sie protestieren. Sie können nichts für Chem Waks Verrat, mischten sich Myras Tentakel ein.

Pico ließ die Flügel hängen. Er wusste, dass seine Nichte Recht hatte. Dennoch sträubte sich alles in ihm, diesen Wesen mit Freundlichkeit zu begegnen.

Dafür sahen sie seinem einstigen Freund zu ähnlich.

Hast du eine Idee?, erkundigte er sich erschöpft.

Lass sie wieder nach Chem Wak suchen. Finden sie ihn, finden sie auch Mama. Dann können wir sie zurückbringen!

Ja. Das hatten sie schon einmal versucht. Nur fand Pico es nicht in sich, sich zu lange bei den Shemanias aufzuhalten. Nicht, wenn er diese am liebsten alle tot sehen wollte!

Ich kann nicht zu ihnen. Ich schaffe das nicht. Ich … Nein.

Und ich?

Myra schwebte aus dem Replika heraus und nach oben, bis sie direkt vor seinem Gesicht stoppte. Sie wirkte traurig auf ihn. So traurig, wie er sich schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Die Leere hatte die Trauer verdrängt. Nun war ihm nur noch die Erschöpfung und Wut geblieben.

Meinst du, du schaffst das? Als Anker musste ich beim letzten Mal meine wichtigsten Erinnerungen mit Li- Lilith preisgeben. Das … es schmerzt. Und du … Du darfst nicht die Kontrolle verlieren.

Sonst sind sie alle tot. Ich weiß, Myra wandte ihm den Rücken zu und blickte zum Replika, Aber sterben wir nicht alle, wenn wir uns nicht mehr verstehen können?

Pico stimmte ihr stumm zu. Erneut strich er über den Hügel seines alten Heims. Er wünschte sich dahin zurück. Einfach, um noch einmal durchzuatmen. Um den Kopf frei zu bekommen!

Doch stand zu viel Arbeit an.

Meinetwegen. Auf deine Verantwortung hin, entgegnete er, als sie sich ihm wieder zuwandte.

Damit schwebte sie durch die nächste Wand nach draußen. Bei ihrem Reisetempo würde es einen Tag dauern, ehe sie bei den Shemanias ankam. Zwei weitere, ehe sie einen Freiwilligen fand, der ihr mit der Suche half und mit dem sie die Vorbereitungen aufbauen konnte. Wenn er also innerhalb der nächsten fünf Tage keine Meldung bekam, sollten zumindest die ersten Versuche keine Opfer gefordert haben …

Er sackte in sich zusammen und spürte, wie sein Körper bebte. Nachdenklich betrachtete er seine viel zu langen Finger. Er besaß sechs Stück pro Hand. Schwarze, ledrige Haut. Viel zu lange und dürre Arme und Beine. Mit zwei gewaltigen Flügeln. Und drei Hörnern auf dem nackten Kopf. Seine Augen waren genauso pechschwarz, wie seine Haut. Daher erkannte kaum jemand, wo er hinsah.

Lilith hatte einst gemeint, dass ihre Eltern ihn einen Teufel genannt hätten. Dass er so aussah, wie das Böse, vor dem man in ihrer Welt warnte. Doch war sie nie vor ihm weggelaufen. Ganz im Gegenteil:

Sie hatte ihn in die Arme geschlossen. Sie hatte ihn getröstet. Sie hatte seine Schmerzen gespürt. Sie war seine Familie geworden und hatte irgendwie immer gewusst, was hinter seinem Blick steckte.

Welche Trauer, welche Liebe und welche Hoffnungen sich dahinter verbargen.

Abrupt schüttelte Pico sich. Pico. Den Namen hatte er von ihr erhalten. Weil sie ihn damals noch nicht verstanden hatte. Weil er sich damals noch in seiner unbedeutenden Form zeigte. Weil er wissen musste, ob sie gefährlich war. Doch seitdem sie weg war, hatte er diese Form nicht mehr angenommen.

Doch er hatte an dem Namen festgehalten.

Damit wandte er sich vom Replika ab und lief durch einen offenen Torbogen in sein Studierzimmer. Ein offener Raum, in dem jeder aus Blainc Zutritt hatte. In dem ihn immer wieder andere Wesen besuchen kamen, um seinen Bannkreis zu studieren. In dem sie seine Essenz zu erlernen versuchten und sie doch nicht verstanden. In dem sie verzweifelten, weil die Logik des Bannkreises zu verquer für sie war.

Pico konnte es keinem verübeln. Er selbst hatte ihn anfangs nicht verstanden. Er hatte ihn nicht einmal entworfen. Er hatte nur die Scherben aufgehoben.

Und er hatte sie im Schlüssel zusammengesetzt …

Da diesmal niemand auf ihn wartete, zog er eine glatte Steintafel heraus und ritzte jenen Schlüssel hinein, der einst den Bannkreis von Blainc aktiviert hatte. Er konnte ihn blind zeichnen. Er war ihm ins Blut gegangen. Er war sein Anker.

Dabei blieb er ohne ihre Essenz nur ein Wunschtraum.

Ich vermisse dich, gestand er sich ein.

Dann schob er die Steintafel beiseite und setzte sich an die Arbeit. Der Rat von Blainc verlangte, dass er einen neuen Schlüssel kreierte. Einen, der nicht auf Liliths Essenz angewiesen war. Einen ähnlichen wie jenen, den Picos Schwester einst erschaffen hatte.

Das sie sich dabei jedoch an einen Wunschtraum klammerten, war allen bewusst.

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