Zangasha erschuf das erste Leben. Es war nur ein Experiment. Eine Seifenblase. Mehr nicht. Nur wollten sich die anderen Dimen davon nicht übertreffen lassen. Sie experimentierten mit dieser kleinen Seifenblase. Erschufen Fische. Amphibien. Reptilien. Vögel. Säuger …
Und vor allem letzteres faszinierte sie.
So kam es, dass Mingasha die ersten Menschen kreierte. Anfangs waren es noch recht einfache Wesen. Geschöpfe, die voneinander abhängig waren. Die Steine als Werkzeuge benutzten. Die nur langsam lernten. Und denen als allererstes eine facettenreiche Seele geschenkt wurde.
Mingasha nannte sie Hutan.
Voller Neid beobachtete Shingasha das Resultat. Er hasste es, dass ihre Spielereien auf Zangashas Entdeckung beruhten. Er hasste es, dass Mingasha als erster etwas mit einer komplexen Seele belebt hatte. Er hasste es, dass Nagasha ihren Geschwistern stets applaudierte!
Auch er wollte etwas Einzigartiges erschaffen … Und so nahm er sich Mingashas Werke zum Vorbild: Zehn Finger … Er besaß auch zehn Finger. Und zehn Fokuspunkte. Seine zehn Seelensplitter. Jeden davon könnte er als Vorlage nutzen, oder?
Sieben Tage und Nächte werkelte Shingasha am Gipfel eines Berges vor sich hin. Sieben Tage und Nächte, in denen er Menschen erschuf und sie mit den Abbildern seiner Seelensplitter füllte. Nur waren es stets zu viele! Sobald er einen zweiten verwurzeln wollte, zerfielen seine Kunstwerke. Es war zum Verrücktwerden!
Erst als die siebte Nacht vorüberging, hatte er die Lösung gefunden: Es brauchte sein Ebenbild. Ein Spiegelbild, welches er in diese Menschen schob. So hatte jeder Seelensplitter einen Rückzugsort. Und so konnten diese Menschen zwei Seelen in sich tragen.
Jedoch brachten zwei Seelensplitter in einem Körper auch ein Ungleichgewicht in die sonst so ausgeglichene Welt. Energie flammte zwischen den Seelen auf. Sie vervollständigte die Geschöpfe als zwei in einem. Und sie erschuf die Chakren. Energiepunkte, an denen sich ihre innere Kraft bündeln und formen annehmen konnte, ehe sie als Magie in die Welt gestoßen wurde.
In Ekstase versetzt, wandte sich Shingasha an den letzten menschlichen Körper. Wenn diese Abbilder seiner Seelensplitter so stark waren, wie wäre es erst, wenn er die Originalen freiließe? Nur zwei Stück. Zwei Stück, um einen Sohn zu erschaffen: Vishal Iravat.
Der erste Hushen der Kazokus.
Da Shingasha seine eigenen Seelensplitter verwendet hatte, reagierten all seine anderen erschaffenen Kreaturen mit größter Ehrfurcht auf Vishal Iravat. Sie verneigten sich vor Shingashas Sohn. Sie trugen ihre Probleme zu diesem. Sie senkten das Haupt vor ihm. Lauschten seiner Stimme. Liebten ihn, als wäre er Shingasha selbst!
Neugierig beobachtete Nagasha währenddessen die neuen Hushen. Sie war von der Magie fasziniert. Jedoch nicht von den Körpern. Die Körper erinnerten sie zu sehr an Mingashas Hutan. Sie waren langweilig. Zu gleich. Zu langweilig. Die Magie jedoch …
Sie hatte Potential.
Verspielt schreckte sie die Elemente auf. Erst Feuer. Dann Wasser. Als nächstes Wind. Erde. Holz. Und Metall. Sie formte Körper aus den Elementen – für die Elemente. Aber sie formte sie nie zu Ende. Sie ließ sie unbeständig. Hoffend. Wartend. Und wie es das Schicksal so wollte, so reichten diese halbfertigen Hüllen aus, um in der Welt ein Ungleichgewicht hervorzurufen.
Nagasha wurde vor die Wahl gestellt: Entweder musste sie ihre Elementenkinder stabilisieren oder eliminieren. Aber unfertig durften ihre Geschöpfe nie wieder bleiben …
Von Schuldgefühlen geplagt, verschenkte sie so jedem Element einen ihrer Seelensplitter, welche die Balance in der Welt wiederherstellten. Doch die restlichen vier behielt sie bei sich. Seither experimentierte sie nur mit abgeschlossenen Körpern herum. Wesen, welche den Tieren oder Pflanzen erst nachempfunden waren. Vielfältige Geschöpfe, welche sie allesamt Desson nannte, um sie trotz ihrer zahlreichen Unterschiede miteinander zu verbinden.
Zangasha beobachte alles voller Hass. Sie war diejenige, die einst das erste Funkeln erschaffen hatte! Sie war die Geburt! Und nun wagten ihre Geschwister es, sich vorzudrängeln?!
Grummelnd zog sie sich unter die Erde zurück. Sie formte endlos viele Körper. Alle menschlich. Alle mit der Welt verbunden. Mit der Erde und den Pflanzen, mit Sonne und mit Wind und Wolken. Sie ließ sich von Mingashas Prototypen inspirieren. Sie dachte an Nagashas Elementenkinder. Und dann dachte sie an die Seelensplitter von Shingasha …
Nachdenklich betrachtete sie ihre Finger. Zehn Stück. In jedem hielt sie einen Seelensplitter fest. Diese nachzumachen wäre kein Problem. Auch könnte sie in ihren neuen Menschen einen Hohlraum erschaffen, in welchem sie die Magie gut unterbringen könnte. Aber sie würden so jung aussehen. Damit würden ihre Werke sie als Unbeholfen darstellen. Als eine eifersüchtige Schwester, die sich an den Ideen ihrer Geschwister bediente. Es sei denn …
Mit einer neuen Idee gewappnet ließ sie mehrere Körper schneller altern. Sie sollten älter wirken. Genauso alt, wie Shingashas komische Hushen. Denn sie würde ihm keine Genugtuung geben, seine Werke vor ihren erschaffen zu haben! Sie war die Geburt. Und er?
Er war der Tod.
Begeistert schwebte sie um ihre Macian herum. Sie nannte sie so, weil sie für die Magie geschaffen waren. Für ein Leben mit der Welt. Sie waren perfekt. Nun. Fast perfekt.
Zangasha starrte auf den letzten Körper. Es würde ein Mädchen werden. Und es würde ihre wahrhaftige Tochter sein. Denn ihr vertraute sie die hellsten Seelensplitter an. Ihrer Tana Cliantha.
Es dauerte nicht lang, bis die Völker zum ersten Mal aufeinanderstießen. Während die Hutan und Desson offen mit den anderen umgingen, so waren anfangs starke Spannungen zwischen den Macian und Hushen zu spüren. Dieselben Spannungen, wie sie auch zwischen Zangasha und Shingasha existierten. Da sie jedoch nur Abbilder der Seelensplitter in sich trugen, konnten sie mit der Zeit ihren Blick auf die Welt verformen. Sie konnten sich mit den Fremden anfreunden. Sie konnten friedlich leben. Und sogar gemeinsame Kinder bekommen!
Aber sie blieben stets an die Worte der wahren Kinder gebunden:
Vishal Iravat und Tana Cliantha. Befahl das Kind mit einem echten Seelensplitter etwas, so konnte sein Volker nicht widersprechen. Macian wie Hushen waren an das Wort ihrer Herrschenden gebunden.
Anfangs dachten sich die Dimen nichts dabei. Sie empfanden es sogar als amüsant. Doch dann bekam Nagasha einen Sohn.
Shizen wurde nicht erschaffen. Sie trug ihn ein knappes Jahr unter ihrem Herzen, ehe sie ihn gebar. Eine ihrer Kreationen hatte sie geschwängert. Und obwohl sie es nicht gewollt hatte, so verließen sie am Tag der Entbindung zwei Seelensplitter: Einer zerbrach durch den Stress. Der andere blieb in ihrem Sohn stecken. In Shizen.
Ängstlich wandten sich Shingasha und Zangasha an ihre Kindern. Shingashas Sohn erwartete bereits sein erstes eigenes Kind. Sollte mit dessen Geburt auch Vishal Iravat sein Ende finden? Gepeinigt betrachtete Shingasha dessen Frau. Es wäre ein Leichtes, sie auszulöschen. Doch ihr Verlust würde seinen Sohn gewiss mitnehmen. Konnte er ihm das antun?
Von Mitgefühl gepackt, wandte sich Zangasha an ihren Bruder. Sie vertraute ihm ihr Geheimnis an. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, die sie bei ihrer Tochter getroffen hatte. So waren ihre eigenen Seelensplitter alle miteinander verbunden. Damit, falls Tana Cliantha ein Kind gebar, lieber Zangashas Seelensplitter genommen werden könnten, als die, die sie ihrer Tochter gegeben hatte. Sie erklärte, wie sie mit den Splittern experimentiert hatte. Wie sie auch ohne diese Facetten ihres Selbst leben könnte. Würde ihre Tochter alle brauchen, ja, dann wäre Zangasha eben die Geburt selbst.
Auf ewig mit allem Leben verbunden.
Shingasha wollte seiner Schwester nicht glauben. Er beschimpfte sie als Lügnerin, die ihn ins Verderben stoßen wollte! Aber jeder vergeudete Moment ließ ihn kräftiger bangen.
Bis auch er seine Seelensplitter verknüpfte, um Vishal Iravats Leben zu beschützen.
Obwohl Jairaj Fatik kurz darauf gesund und munter zur Welt kam, konnte Shingasha seinen Hass auf Zangasha nicht abschütteln. Er glaubte, dass sie ihn verraten haben musste! Gewiss wollte sie ihn nur aus dem Weg räumen! Wieso sonst fühlte er sich mit jedem Tag schwächer?! Und so ignorierte er die Machenschaften seiner Kreationen und zog sich zurück.
Es dauerte vier Tage, ehe man nach ihm sah. Zangasha und Nagasha waren mit dem kleinen Shizen gekommen. Mingasha wäre verschwunden. Niemand wusste, wo er war. Er hatte seine Seelensplitter verteilt. Nicht in seine Kreationen. In die Welt. Damit diese lebendiger werden würde. Jeder fragte sich, was mit ihm passiert war. Ob er wirklich unter den Hutan anzufinden wäre?
Jeder außer Shingasha.
Zornig beschuldigte er Zangasha, ihn verraten zu haben. Es kümmerte ihn nicht, dass der kleine Shizen dabei war. Ein aufgewecktes Kind, das bereits die ganze Welt zu verstehen schien. Lieber schrie und schimpfte Shingasha. Schlug um sich. Verfluchte Zangasha!
Und Zangasha? Sie machte es ihm gleich.
Beide stürzten sich aufeinander. Sie nutzten die Magien, die sie durch ihre Kreationen erlernt hatten. Kämpften. Wollten den anderen nur noch zerstören!
Als Nagasha dazwischen sprang.
Obwohl Shizen zusah, sprang sie zwischen ihre kämpfenden Geschwister und ließ lieber ihre letzten beiden Seelensplitter zerstören, als dem Kampf weiterhin beizuwohnen. Sie stoppte die beiden.
Und sie ließ ein trauerndes Kind zurück.
Beschämt las Shingasha Shizen auf. Er schwor, seinen Neffen zu beschützen. Die Familie über alles zu stellen. Für Nagasha. Aber seine Schwester?
Zangasha gab ihm die Schuld an allem. Sie schwor, ihn nicht offen zu bekämpfen. Nagasha zu ehren. Doch würde sie ihn nie wieder ihren Bruder nennen. Er war ein Fremder für sie.
Damit gingen beide ihrer Wege. Zangasha stand ihrer Tochter bei. Sie führte die junge Macian durch ihre Schwangerschaften. Verkündete Regeln. Verbat, dass sie mit Hushen Kontakt hätte. Gab ihre Seelensplitter an deren Kinder und Kindeskinder weiter, bis keine mehr da waren und erst jemand sterben musste, damit das Leben keinem Tod entsprang.
Unterdessen brachte Shingasha Shizen zu seinem Sohn. Er verband die beiden Kinder miteinander. Kümmerte sich so auch um andere Desson und Hushen, da er das für ihren besten Schutz hielt. Er wachte über alle, bis auch seine Seelensplitter sich dem Ende neigten und er selbst in einen tiefen Schlaf verfiel.
In dem die Schuld ihn zerfraß.
Soyokaze blickte auf die Worte, die Oni für sie niedergeschrieben hatte. Jedes davon hatte sie ihm diktiert. Sie waren eine Vorsichtsmaßnahme. Falls Macian oder Hushen je verstehen wollen würden, wie ähnlich sie sich doch waren …
„Meine Hand tut weh“, murrte der kleine Desson.
„Das glaube ich dir“, Soyokaze war auf den Boden gesunken und betrachtete benommen jene Zeilen, in denen Nagashas Ende beschrieben wurde, „Dabei ist damals so viel mehr geschehen.“
„Das muss aber nicht mehr rein, oder?“, Oni blickte sie schief von der Seite an.
„Nein. Das … Sie hätte das nicht gewollt“, der Windgeist schüttelte sein Trübsal ab, „Versteckst du es?“
„Huh“, Oni faltete die Papiere, ehe er sich ihr zuwandte, „Wo soll‘s hin?“
„Es … Es sollte an einem Ort sein, dem man Gehör schenkt, der jedoch nicht zu leicht gefunden wird. Wo Hushen wie Macian gleichermaßen hingelangen, Desson sich jedoch seltener rumtreiben.“
„Ja! Mach es noch leichter!“, schimpfend sprang der rote Desson auf.
„Eine Bibliothek in einer Hutanstadt“, mischte sich Fuyu, ein Wolfdesson ein, „Dort ist es sicher, offen, aber nicht zu leicht zu entdecken.“
Soyokaze nickte still, ehe sie die Papiere zu dem anderen Desson flattern ließ.
„Lass dich von niemanden sehen, ja?“
„Tote kann man nicht sehen“, entgegnete diese jedoch nur, ehe sie verschwand.

