K: Ein Stück vom Geburtstagskuchen

Maggie zwang sich ein Lächeln ins Gesicht, als Paul bei seiner Pointe ankam. Sie nickte ihm zu. Erkundigte sich, wie es mit den Eskapaden seines Kunden weiterging. Wie ihr Stiefbruder immer so ruhig bleiben konnte.

Beschämt schüttelte dieser den Kopf: „Musste ich zum Glück nicht. Mein Chef hat den Saufbold auseinandergenommen, weil er ein paar Gläser Gewürzgurken runtergeworfen hatte. Der Alte hat wie ein Matrose geschimpft, sag ich dir!“

Maggie nickte sachte. Sein Tonfall hatte sich verändert. Generell kam es ihr so vor, als ob sich ihr Stiefbruder jedes Jahr ein bisschen mehr veränderte – als ob er sich von ihr entfernte!

Sie hasste es.

Es ist sein gutes Recht, erinnerte Valerie sie, Was erwartest du?

Keine Ahnung. Dass er mal öfter anruft?, platzte es aus ihr heraus.

Er könnte sich wirklich mal öfter melden, aber er lebt nun sein eigenes Leben, oder?, mischte Alice sich ein.

Sofort presste sich etwas in ihre Halsbeuge. Yuki. Ihre Freundin hatte die Kälte gespürt. Kälte, die von der Macian ausging und die ein Beweis jener Magie war, die Maggie doch zu unterdrücken versuchte!

„Frisch geworden“, murmelte sie, „Ich hole mir nur eine Jacke.“

Damit schob sie sich an ihrer restlichen Familie vorbei ins Haus. An ihrer Stieffamilie. An den Waisenkindern, mit denen sie sich ein Dach über dem Kopf teilte oder – wie in Pauls Fall – geteilt hatte. Sie waren alle hier. Denn den Geburtstag ihrer Betreuerin würde keiner von ihnen freiwillig verpassen.

„Danke“, murmelte Maggie, sobald sie die anderen im Garten zurückgelassen hatte. Sie streichelte Yuki, die in der verwandelten Form eines Halstuches auf ihren Schultern ruhte.

Ihre Freundin passte seit Jahren auf sie auf. Selbst heute, wo sie bislang noch nicht allein zurück ins Haus schleichen konnte, um dieser ein Kuchenstück zu besorgen. Sie musste bestimmt ausgehungert sein!

Damit eilte Maggie erstmal in die Küche, um etwas von dem Essen auf ihr Zimmer mitzunehmen. Sie legte sammelte ein Kuchenstück und mehrere Trauben auf eine Serviette, schlug es zu und lauschte nochmal in Richtung Garten, wo das Lachen anschwoll.

Es füllte jede ihrer Seelen mit angenehmer Wärme.

„Magst du lieber wieder raus?“, fragte Yuki nach einer Weile.

„Nein. Du hast seit heute früh nichts gegessen und musstest eben die ganze Zeit nur zuschauen. Das ist nicht fair“, offenbarte Maggie still.

„Dann ist das für mich?“, der Schal zuckte zur Serviette.

„Hm.“

Damit machte Maggie sich auf den Weg nach oben. Sie spürte, wie Yuki vor Aufregung fast platzte. Ihre Freundin liebte süße Sachen. Wie sehr sie sich wohl zusammengerissen hatte, um nicht aufzufallen?

In Maggies Zimmer angekommen, sprang Yuki direkt von ihren Schultern und verwandelte sich in ihre wahre Gestalt zurück: Ein schneeweißes Wesen in der Größe einer Katze. In dieser Gestalt schaute sie bettelnd hoch. Am liebsten hätte die Macian bei dem Anblick gekichert. Stattdessen schüttelte sie nur den Kopf.

Ihre verspielte Yuki würde sich nie ändern!

Maggie wollte ihr den Kuchen gerade geben, da neigte das Wesen den Kopf zur Seite. Ihre Augen verengten sich. Dann peitschte ihr Schwanz zweimal aufgeregt zur Seite.

Na toll, beschwerte sich Valerie ungehört.

Sofort wusste Maggie, was los war. Stumm schob sie ihren linken Ärmel zurück, als die Narbe darunter zu kribbeln begann. Sie spürte, wie sich etwas neben ihr verschob. Wie sich jemand dort materialisierte.

Innerhalb eines Wimpernschlages stand ein Junge und ein zweites Wesen dort. Letzteres sah aus wie Yuki mit schwarzem Fell. Es war ihr Bruder Gakumon. Dieser durfte sich jedoch kaum orientieren, ehe seine Schwester ihn umwarf.

„Yuki!“, Maggie bemühte sich, leise zu bleiben.

„Komm schon. Es sind eh alle unten!“, erwiderte ihre Freundin lachend.

„Unten?“, erkundigte sich nun der andere Besucher.

TJ. Ein Hushen. Eigentlich war er ein Todfeind für jeden Macian. Erst recht für Maggie, die er mit der Narbe markiert hatte. Aber seit ihrem Abkommen und ihrer anschließend schiefen Freundschaft waren sie … was? Konnte man es denn gar als Freundschaft betiteln?

„Sabines Geburtstag“, Maggie hob kurz das Kuchenstück an und Yuki schüttelte den Kopf, ehe sie sich erneut auf ihren Bruder stürzte, der eilig beiseite sprang.

Ihre Freundin wäre wohl fürs Erste beschäftigt. Dann wohl nicht.

Schulterzuckend legte sie das Essen auf ihrem Tisch ab und bemerkte, dass TJ sie dabei beobachtete. Er wirkte unruhig. So war er vorgestern nicht drauf gewesen, oder? Hatte sie ihm nicht von Sabines Geburtstag erzählt? Doch, oder? Warum wirkte er dann so unkonzentriert?

„Stimmt. Da war was“, er ließ sich auf ihrem Bett nieder und sofort tat sie es ihm gleich.

„Was machst du hier? Du wirkst so unruhig“, fragte sie zögerlich.

„Nur etwas viel los heute“, murrte er, „Zu viel Tamtam um nichts. Es ist …“

Findet ihr auch, dass er sich komisch verhält?, unterbrach Alice ihn stumm.

Sehe ich so aus, als würde es mich interessieren?, schimpfte Valerie und zog sich beleidigt zurück.

Damit konnte Maggie kurz durchatmen. Ihre Magie brodelte noch etwas. Aber ohne die streitsüchtige Seele, könnte sie gewiss etwas aufatmen.

Was meinst du?, erkundigte sie sich vorsichtig.

Nur schien Alice auch ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Dann wohl doch nicht?

Nachdenklich begutachtete sie die spielenden Geschwister. Dann die Serviette auf ihrem Tisch. Zuletzt fiel ihr Blick auf den Hushen, der sie sonst bereits über irgendetwas ausfragte oder ihr eine Wunde zeigte, die sie heilen würde. Allerdings war er immer noch still. Zu still.

„Du siehst erschöpft aus. Magst du den Kuchen? Ich hatte ihn zwar für Yuki geholt, aber ich glaube, sie ist noch eine Weile beschäftigt“, erklärte sie unschlüssig.

Sie fragte aus reiner Höflichkeit. Sonst nahm er ja auch kaum etwas zu essen oder trinken von ihr an. Es wäre eine Grundregel aus der Akademie, wie er viel zu oft betont hatte. Deswegen schlug er es immer wieder aus. Lieber schleppte er seine eigene Wasserflasche am Hosenbund herum.

Doch diesmal nickte er.

Moment. Träume ich?, drängte sich Valerie zurück, Ist irgendwas bei dem Kerl kaputt gegangen?!

Maggie antwortete ihrer streitsüchtigen Seele nicht. Stattdessen reichte sie den Kuchen rüber und beobachtete, wie TJ ihn eingängig musterte, ehe er abbiss.

„Woher der Sinneswandel?“, fragte sie zögerlich.

Obwohl er sie gehört haben musste, antwortete er ihr nicht. Lieber aß er weiter und beobachtete die Geschwister bei ihrem wilden Fangspiel.

„Danke“, murmelte TJ nach einer Weile so leise, dass Maggie es kaum verstand.

Sofort stockten die kleinen Wesen. Auch die Macian hielt inne. Sie hatte noch nie erlebt, dass ihre Freundin so große Augen machte. Aber sie hatte bislang auch noch nie mitbekommen, dass TJ sich bedankte. Nicht mal, als sie ihm damals fünf Knochen gerichtet und seine inneren Organe wieder zurechtgerückt hatte!

„Ehm, gern geschehen … aber … meinst du nur den Kuchen, oder …?“

„Nein“, damit biss er wieder hinein und kaute genüsslich weiter.

Ich werde nicht schlau aus diesem Dussel!, frustriert zog sich Valerie erneut zurück und Maggie bemühte sich, ihre Magie auszubalancieren.  

„Aber … was dann?“, fragte sie direkter nach, als er es nicht weiter erklärte und ihre innere Konzentration zu schmerzen begann.

„Weil …“, TJ’s Stimme riss sie aus ihren Gedanken, „Du mich für mich siehst.“

Überrascht schüttelte Maggie den Kopf.

Sie verstand absolut nichts mehr. Fragend schaute sie zu den Geschwistern rüber, nur hatten sich beide abgewandt, um sich wieder zu jagen. Allerdings wirkte es nicht mehr echt. Eher, als würden sie es aus Gewohnheit machen. Um normal zu wirken. Nicht, weil sie Freude daran hatten.

Yuki hatte mal gemeint, dass sie es immer dann tat, wenn ihr die Themen zu heikel erschienen. Zu …

„Aber du bist ja auch du“, murmelte sie an TJ gewandt und lehnte sich gegen die Wand hinter ihrem Bett, um die Spannung irgendwie zu lösen, „Und ich glaube … also, alle drei Ichs von mir finden es gut, wie du bist.“

Zu ihrer Überraschung sandte Alice’ ihr eine Welle Zustimmung entgegen. Und obwohl sich Valerie noch abgekapselt hatte, so beugte sie sich auch nicht vor, um zu widersprechen. Beide Reaktionen bekräftigten Maggie damit nur noch mehr und so konnte sie sich entschlossen dem Hushen zuwenden.

„Ja. Du bist du und du bist gut, wie du bist, weil du du bist. Wenn das noch Sinn macht?“, es fühlte sich wie Gebrabbel an.

Lächelnd reichte er ihr die leere Serviette zurück. Dann lehnte auch er sich gegen die Wand.

„Schon gut. Ich wollte dich eigentlich nicht von der Feier abhalten. Geh ruhig runter. Ich wollte … Ich bin nur hergekommen, um den Kopf frei zu bekommen. Nur um-“, er brach ab.

Ihm scheint es nicht so gut zu gehen, oder?, Alice Sorge erfüllte Maggie.

„Lust auf ein Spiel?“, fragte sie daher und angelte ihr Scrapbook und einen Block mit Stiften zum Bett rüber – die Serviette schob sie in ersteres, in letzteres malte sie das Spielfeld für Tic-Tac-Toe.

„Sie werden dich unten vermissen“, merkte TJ an.

„Paul und die anderen reisen erst morgen ab. Sie werden den Nachmittag auch ohne mich klarkommen“, erklärte sie stattdessen, „Das wird schon.“

Sachte nickte der Hushen. Er fühlte sich wie ein enger Freund an. Enger als die anderen Waisenkinder, die sie als ihre Stiefgeschwister betrachtete. Lag es daran, dass er von ihrer Magie wusste? Dass sie ihre anderen Seelen nicht vor ihm verstecken musste? Oder-

„Gewonnen“, grinste TJ, als er eine Reihe mit Kreuzen füllte.

„Nochmal“, forderte sie und schob ihre Gedanken fort.

Sie musste sich konzentrieren!

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