
Erleichterung machte sich in Angeline breit, als sie die Eierkuchen an die Gäste verteilte. Die Polizistin, ihre Mom und Marie waren der Einladung mitzuessen so bereitwillig nachgekommen, dass sie sich wohl nun eher darum sorgen musste, dass ihr Vater noch einen Eierkuchen abbekäme. Vor allem, da Tyler sein Essen geradezu weginhalierte, solange er sich nicht in die Mitte der Gespräche schob.
„Noch einen!“, forderte Tyler erneut mit seinem ausgestreckten Teller und sogleich entfloh Angeline ein Lachen.
„Das ist schon dein vierter. Meinst du nicht, du platzt bald?“, fragte sie ihn, während sie das Geschirr befüllte.
„Ich möchte ja nich-“, weiter ließ ihr Bruder die Polizistin nicht kommen.
„Dann dürfen sie eben nicht so gut schmecken!“
Es war so offensichtlich, dass er versuchte, von ihr abzulenken. Von ihrem Verschwinden. Von ihrer plötzlichen Rückkehr. Es schmerzte Angeline. Weil sie wusste, dass er sich um sie sorgte. Weil sie wusste, dass er sie eigentlich nur beschützen wollte.
Dabei hatte sie seinen Schutz gar nicht verdient!
Am liebsten wollte sie sich in Michaels Mantel verkriechen. Sie hatte ihn nicht ausziehen können. Weder als sie in ihr Elternhaus kam noch zuvor bei Mona. Er fühlte sich wie eine schützende Umarmung an. Wie etwas, was sie beruhigte. Was alles Böse abwehrte. Ihre Mom hatte bereits gefragt, ob sie das Kleidungsstück nicht ausziehen wolle. Doch war es Angeline nicht möglich gewesen. Selbst jetzt noch … Sie konnte es nicht!
„Trotzdem müsste geklär-“
„Haben wir noch Erdbeermarmelade?“, warf Tyler erneut ein.
Angeline hörte, wie hastig er nach den Worten atmete. Als wäre er gerannt. Als wäre er aus der Puste. Als müsste er sich zwischen sie und die Polizistin werfen, damit ihr nichts geschah. Damit sie blieb?
Angespannt schob sie den letzten Gedanken fort. Sie sammelte sich. Schob ihm das gesuchte Glas hin und strich ihm sanft über den Rücken. Eine beruhigende Geste, die sie ihm schon seit Jahren schenkte. Die sich nun wie eine Lüge anfühlte.
„Hier bitte.“
Als hätte er auch die unausgesprochene Bitte gehört, ihr zu vertrauen, so nickte er langsam. Sie lauschte dem Klirren seines Bestecks. Ein Klirren, das nun nicht mehr so gehetzt erklang. Das sich nun endlich Zeit ließ.
Angespannt wandte sie sich der Polizistin zu. Sie sammelte sich. Sammelte ihre Geduld. Ihre Ruhe. Ihren Mut, der sich doch so aufgebraucht und erschöpft anfühlte. Den sie dennoch brauchte.
„Ich kann Ihnen derzeit nicht viel sagen“, erklärte sie der fremden Frau, „Zumindest noch nicht … Es ist …“, Michaels Gesicht tauchte in ihren Gedanken auf und eilig schob sie es beiseite, „Es ist kompliziert und-“, sie brach ab, als sie sich plötzlich an seinen besorgten Blick erinnerte.
Hastig schloss sie die Augen. Ihre Hände fanden Michaels Kette. Den Anhänger, der sie seit mehreren Monaten begleitete. Nur wegen dieses Schmuckstücks hatte sie Michael überhaupt erst getroffen. Weil er ihn an der Mauer zwei Straßen weiter verloren hatte. Weil er ihn im ganzen Dorf gesucht hatte. Weil sie ihn stattdessen gefunden hatte …
Sie hatten dank dieses kleinen Stück Metalls zueinander gefunden …
„Wir haben Mitte Mai, Sophie“, unterbrach die Polizistin ihre Gedanken und augenblicklich keimte Zorn in Angeline auf, „Du giltst seit September letzten Jahres als vermisst. Das ist ein Dreivierteljahr. Ein Zeitraum, in dem viel passieren kann. In dem Menschen sich verändern können. Es muss sichergestellt werden, dass-“
„Haben Sie Angst, dass ich eine Bedrohung für die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung darstelle?“, unterbrach Angeline harsch.
Sie wusste nicht, wieso die Wut so hastig von ihr Besitz ergriffen hatte. Dabei waren die Sorgen der Polizistin doch berechtigt! Es war gut, dass sie sich um Tyler und die anderen sorgte. Dass sie alles überprüfen wollte. Dass sie in Angeline eine Gefahr sah! Wieso loderten dann ihre eigenen Gefühle so heftig auf? Sie hatte doch nur ihre Sorgen geteilt …
Ihre Sorgen über Sophie.
Angespannt ließ Angeline von der Kette ab und legte ihre Hände friedlich auf ihren Beinen ab. Sie atmete durch. Erkannte, dass ihr Zorn nach der Verwendung ihres alten Namens aufgekeimt war. Jener Name, den die Polizistin ihr fälschlicherweise zugewiesen hatte. Jener Name, mit dem sie sich nicht mehr verbunden fühlte. Jener Name, den sie abgelegt hatte, als sie sich das erste Mal Angeline nannte.
Sie war nicht mehr Sophie Strom. Sophie Strom war tot.
„Es ist eine ernstzunehmende Möglichkeit, von der wir alle ausgehen müssen“, bemerkte die Fremde beinahe beschwichtigend.
„Und dennoch ist eine solche Befragung ohne Rechtsbeistand nicht gern gesehen, oder?“, fragte Angeline provokant nach.
Ihre Wut trieb sie an. Sie gab ihr Kraft. Kraft, die sie sonst nicht gehabt hätte. Die sie doch brauchte!
Sie musste dafür sorgen, dass sie erst mit ihrer Mom sprechen konnte, ehe die Polizistin sie aushorchte. Sie brauchte die Rückendeckung der Frau, die sich sonst nie um sie gekümmert hatte. Die sie nun für sich gewinnen musste.
Also schrieb sie mit dem Finger ein Wort auf den Tisch. Sie sah dabei nicht hin. Durfte nicht. Sie musste den Blick der Polizistin weiter festhalten. Diese sollte das Wort auf keinen Fall lesen. Diesen einen Namen, den Angeline hinter dem Marmeladenglas auf den Tisch zeichnete.
Radius.
Es war die kürzeste und einfachste Botschaft, die sie ihrer Mom zukommen lassen konnte. Ein Wort, das bezeugte, dass sie von der Vergangenheit ihrer Mutter wusste. Von den Geheimnissen, die diese verbarg. Von den Verbrechen, die diese einst begangen hatte.
Und es war ein Wort, das ihre Mom gewiss auch als Drohung auslegen würde.
„Wie sie bereits meinten. Sophie war ein Dreivierteljahr verschwunden. Sie braucht Ruhe. Sie muss wieder daheim ankommen. Es ist gut möglich, dass sie mehrere Schocks erlitten hat und solange es sich hierbei nicht um eine öffentliche Befragung handelt, sollten Sie wohl besser gehen“, mischte sich ihre Mutter mit scharfer Stimme ein.
Erleichterung durchflutete Angeline. Die festen Worte von Mrs. Strom schenkten ihr Kraft. Sie wusste nun, dass sie nicht allein dastand. Dass sie zumindest auf einen Funken Unterstützung zählen konnte.
Sie und ihr Baby – sie würden es schaffen!
„Sie wissen genauso gut wie ich, dass bereits wenige Wochen in den Händen falscher Personen ausreichen können, um-“
„Meine Tochter ist ein Opfer“, unterbrach Mrs. Strom so scharf, dass Angeline beinahe zusammenzuckte, „Und als Staatsanwältin dieses Landes kann ich wohl kaum zulassen, dass sie von einer Polizistin schikaniert wird, die anscheinend nicht versteht, wann sich meine Gastfreundlichkeit erschöpft hat!“
Neben Angeline atmete ihr Bruder ein. Es war ein Luftholen, das sie nur zu gut kannte. Das zu einem Widerspruch ansetzte. Worte, die sie eilig verbat, indem sie ihre Hand auf sein Bein legte und dieses sachte drückte.
Er hatte Partei für die Polizistin ergreifen wollen. Dann … vertraute er der Frau mehr als ihrer eigenen Mutter?
„Ich habe nicht vor, zu verschwinden“, gab Angeline leise zu, „Wir können uns gerne morgen unterhalten. Meinetwegen sogar auf dem Revier, aber nicht so. Definitiv nicht so …“
Sie schüttelte erschöpft den Kopf.
Endlich nickte die Fremde. Sie legte ihr Besteck ab. Schloss die Augen und trommelte mit ihrer freien Hand über den Tisch.
„Wie wäre es dann mit morgen? Gegen neun auf dem Revier? Wir würden die Befragung jedoch aufnehmen müssen“, erklärte sie beinahe sachte.
Angeline überraschte das Entgegenkommen. Sie hatte erwartet, dass die Polizistin mit ihrer Mom diskutieren würde. Dass sie darauf bestehen würde, sofort zum Revier zu fahren. Dass sie keine Chance mehr hätte, ihren Plan umzusetzen.
Ob die Polizistin irgendwelche Verbindungen zu Mona pflegte?
„Gerne“, willigte Angeline daher ein, „Das klingt perfekt.“
Während die Freemde aufstand und in den Flur ging, drückte Tyler Angelines Hand eilig.
„Bist du dir sicher? Mom ist … Mom. Und ohne Ms. Johnson …“
Er klang besorgt. Als befürchtete er, dass ihre Mutter das Haus zerlegen würde, sobald die Polizistin fort wäre.
„Es muss so sein“, gab sie daher leise zu, „Ich muss mit Mom reden. Allein. Sie wird sauer werden. Aber es ist wichtig. Es-“
„Sophie?“, rief die Polizistin und Angeline schluckte eilig ihren Frust runter.
„Ja?“
„Es wäre gut, wenn du morgen mit einem Rechtsbeistand kämst, ja?“, erklärte sie beinahe gutmütig.
Angeline nickte. Sie konnte nicht antworten. Nicht, solange die Worte für sie noch eine zweite Botschaft enthielten. Eine, in der diese Ms. Johnson davon ausging, dass Mrs. Strom ihre Tochter Sophie Strom nicht zum Revier begleiten würde. In der sie daher das Mädchen warnte, als würde sie sich wahrhaftig um diese sorgen.
Angespannt lauschte sie, wie Tyler und Marie sich von der Fremden verabschiedeten. Wie ihre Geschwister so vertraut mit der Frau wirkten. Wie sie diese mehr anzunehmen schienen, als ihre eigene Mutter.
Ihr Elternhaus hatte sich verändert.
