K: Heilwasser und Gift

Maggie lauschte den Worten des Lehrers uninteressiert. Es ging um irgendeine Epoche aus dem Mittelalter, die von Düsternis geprägt war. Krankheiten zogen damals durchs Land. Man hielt die meisten Frauen für Hexen. Zauberei war ein Teufelswerk.

Nachdenklich blätterte sie durch das Lehrbuch.

Mach es zu! Ich mag die Horrorbilder nicht!, meldete sich Alice und eilig schloss Maggie das Buch wieder.

Entschuldige, entgegnete sie ihrer anderen Seele, Ich habe nicht nachgedacht.

Wieso ziehst du dich eigentlich nicht zurück, wenn du damit nicht klarkommst, Al? Hau dich aufs Ohr, wenn dich die paar Bilder stören, murrte Valerie das ängstliche Ich an.

Val, lass das! Wir müssen es doch nicht-

Was? Übertreiben? Es sind nur ein paar Bilder!

Ja, aber-

Nichts aber!

Gerade als Maggie ihre andere Seele in die Mangel nehmen wollte, machte sich Yuki bemerkbar. Ihre Freundin ruhte in der Gestalt eines Halstuches auf ihren Schultern und fuhr die Krallen warnend aus. Sie musste Magie gespürt haben, die unkontrolliert ausgebrochen war. Deswegen sorgte sie dafür, dass die Macian sich nicht in ihrem Streit verlor.

Das Mädchen konnte ihr nicht genug dafür danken!

Im Nu waren ihre Hände unter dem Tisch. Sie atmete ein paar Mal durch, ehe sie die magische Kälte mit ein paar Handbewegungen verdrängte. Zurück blieb eine zwar trockene aber auch wärmere Luft. Und das eisige Wasser lenkte sie in den Blumentopf auf dem Fensterbrett.

Entschuldigt. Ich wollte nicht für Streit sorgen, meldete sich Alice, sobald die Kälte fort war.

Schon gut, Maggie wank ab, als sie spürte, dass Valerie sich zurückgezogen hatte, Ich hätte das Buch auch liegen lassen können. Immerhin … Ich war irgendwie nur neugierig gewesen, ob man wahre Magiespuren in den Bildern erkennen kann, weißt du?

Wahre …, nun schien Alice‘ Interesse geweckt zu sein, Du meinst, dass die Hutan zur Zeit der Hexenverbrennungen echte Magie bemerkt hätten? Aber … Wessen?

Nun, verbrennen klappt bei Macian nicht so gut, gab Maggie zu bedenken, Ich könnte die Flammen ja einfach umlenken. Desson sehen in der Regel nicht menschlich aus. Damit blieben nur noch die Hushen über, oder?

Doch können Hushen sich nicht wegblinzeln?

Unschlüssig trommelten ihre Finger auf dem Buch. Am liebsten wollte sie es öffnen und sich die Bilder noch einmal genauer ansehen. Aber sie wusste, dass sie damit warten sollte, bis Alice schlief. Doch diese Neugier …

Ich bin mir sicher, dass die Hutan die Magie bemerkten, aber in ihren ganzen Verfahren nur Hutan verurteilt haben, mischte sich Valerie plötzlich ein, als wäre sie nie weggewesen.

Wie kommst du darauf?, erkundigte sich Alice.

Nur so eine Idee, damit war die dritte Seele wieder verschwunden.

Maggie bemerkte eine Bewegung aus den Augenwinkeln und stand eilig mit ihren Mitschülern auf. Es hatte bereits geklingelt. Da es die letzte Stunde war, könnte sie endlich nach Hause und dem Schulchaos entkommen.

„Ich muss los. Wir sehen uns morgen!“, verabschiedete sich Cindy hastig.

Die Macian nickte nur. Sie schaute nach ihrem Stiefbruder Niklas, der sich mit seinem Freund Janek unterhielt. Der Lehrer war bereits fort. Die restliche Schülerschaft lungerte entweder an ihren Plätzen oder an der Tür rum. Alle waren aufgeweckt. Einige beschwerten sich über den Test aus der letzten Stunde. Andere über die Hausaufgaben.

Und obwohl es sich so friedlich und offen anfühlte, wollte sie am liebsten verschwinden.

Entschlossen nahm sie ihre Sachen und wank Niklas beim Rausgehen kurz zu. Er würde sich schon denken können, wo sie hin wollte.

„Du wirkst so angespannt“, murmelte Yuki nach einer Weile.

„Kann sein … Weiß nicht. Irgendwie ein schwerfälliger Tag“, entgegnete sie ihrer Freundin und strich dabei über ihre verwandelte Gestalt.

Sobald sie aus der Schule war, peilte sie den Wald an. Wenn sie die Straße nahm, würde sie irgendwann auf ihre anderen Stiefgeschwister treffen und dafür hatte sie gerade keine Nerven. Lieber begab sie sich in die Gesellschaft der magischen Wesen aus dem Wald – den freien Desson.

„Magst du darüber reden?“, fragte Yuki sachte, sobald sie von den Bäumen verschluckt wurden. Schüttelnd nahm sie ihre wahre Gestalt an und kletterte den nächsten Baum hoch.

„Hm“, Maggie ließ ihren Blick über die Lichtung schweifen, „Ich weiß nicht. Es ist nur-“

„Oh- Warte!“

Der Tonfall ihrer Freundin ließ sie innehalten. Sofort spannte sich die Macian an. Sie kannte diese Warnung nur zu gut. Das folgende Kribbeln ihrer Narbe wurde geradezu erwartet.

Genauso wie der Junge, der neben ihr auftauchte.

TJ. Ein Hushen. Der Todfeind, der sie eines Tages töten sollte. Der ihr dennoch geholfen hatte, unter den Hutan Fuß zu fassen. Und der sie immer wieder besuchte, um zu verstehen, warum seinesgleichen ihresgleichen als Monster betitelten …

„Euer Unterricht geht ewig“, murmelte er als Begrüßung, während sich ein Schatten von seinem Bein löste.

Maggie beobachtete, wie sich der Schatten in Yukis Bruder Gakumon verwandelte und beide miteinander schmusten, ehe sie ihn vom Baum runterwarf. Kichernd rannte ihre Freundin einen Ast entlang und forderte Gakumon auf, ihr zu folgen.

Worauf dieser meckernd einging.

„Dann wolltest du schon vorher kommen?“, fragte sie, während sie ein Lachen unterdrücken musste.

„Ich habe eine Markierung im Altbau der Schule. Habe gewartet, bis ich gesehen habe, wie du in den Wald bist“, erklärte er schulterzuckend.

Das überraschte sie eher weniger. Er hatte ja bereits an die zwanzig Markierungen in diesem winzigen Dorf, um es im Eiltempo abzugrasen. Mehrere davon kannte sie, weil er sie in ihrem Beisein angebracht hatte. Von anderen wusste sie nur, wo sie sich grob befanden. Und wieder andere – wie die an ihrem Arm – schleppte sie eh mit sich herum …

„Das würde für jeden Hutan sehr falsch klingen, weißt du?“

„Warum?“

Kopfschüttelnd wollte sie sich abwenden, als sie bemerkte, dass er sich die Stirn rieb. Dennoch hielt er mit ihr Schritt und begutachtete jeden freien Desson, der sich zwischen den Bäumen verbarg.

„Ich wollte dich mal wieder etwas fragen“, begann er nach einigen Momenten.

Pf! Er will uns wohl eher ausquetschen! Dieser-

Valerie! Es reicht, schimpfte Maggie entschlossen und drängte ihre andere Seele zurück.

TJ wusste, dass sie ihm nicht viel sagen konnte. Sie hatte das meiste vor Jahren vergessen. Wenn er nun so anfing, musste es ihm doch wichtig sein, oder?

„Ja?“, sie ließ sich ihren inneren Tumult nicht anmerken. Das hoffte sie zumindest.

„Wasser dient der Heilung. Du sagtest, es steht für Wandel. Warum verwenden es dann manche Macian als Waffe? Ist das keine Anmaßung?“

„Eine Anmaßung?“

„Ja. Jemanden zu verletzen mit etwas, was heilen soll – ist das nicht ein Frevel?“

Nachdenklich blieb Maggie stehen. Sie hatte es noch nie von dieser Seite aus betrachtet … Oder doch? Vielleicht früher einmal. Vielleicht-

Eigentlich sollte Wasser nie schaden, aber genau deswegen ist es ja auch ein Zeichen für Wandel. Und um Neues zu erschaffen oder zu schützen, muss Altes Platz machen, meldete sich Valerie leise.

Aber wer entscheidet, was alt und was neu ist?, hinterfragte Alice sogleich.

Na, wenn eine Wunde geschlossen wird, wird die neue Haut der aufgerissenen vorgezogen. Da entscheidet man ja auch beim Heilen, was weg soll. Beim Verletzen ist es nicht viel anders.

Das ist ganz anders!

Erschrocken riss Maggie die Hände hoch, um sich die Ohren zuzuhalten. Es war eine unbedachte Reaktion, die eh nichts brachte und wegen der der Hushen auf der Stelle stockte. Unschlüssig musterte er sie.

Entschlossen kapselte sie sich daher von ihren anderen Seelen ab. Sie gab die Überlegungen weiter. Teilte Valeries und Alice‘ Ansichten gleichermaßen mit dem anderen. Unschlüssig, was sie selbst dazu dachte.

„Aber du siehst es anders?“, fragte TJ anschließend.

Sie waren mitten im Wald stehen geblieben. Immer wieder tauchten Augen im Unterholz oder in den Baumkronen auf, die sie musterten.

„Ich weiß nicht“, gab Maggie nach einer Weile zu und sammelte schimmerndes Wasser aus der Luft in ihrer Hand, „Wasser ist Heilung. Aber jedes Mal, wenn meine Magie es in Eis verwandelt-“, sie ließ es gefrieren, „-dann kommt es mir gefährlich vor. Als wäre es etwas ganz anderes, weißt du?“

Er nahm ihr die gefrorene Kugel ab. Sie schimmerte ein wenig in der Mitte. Aber ansonsten war das Heilwasser nicht mehr zu erahnen. Als hätte es seinen Glanz verloren.

„Und wenn du es wieder auftaust? Wäre es dann noch eine Art Waffe für dich?“, fragte er.

Als Antwort legte Maggie ihre eigene Hand auf das Eis. Augenblicklich schmolz es. Doch tropfte es nicht herunter. Sie hielt es zwischen ihren Händen fest. Dieses schimmernde Element, das viel zu rein und friedlich auf sie wirkte, um jemals jemanden zu schaden.

„Es ist halt-“

Stopp!

Alice Ausruf ließ sie fast die Kontrolle über das Wasser verlieren. Fragend betrachtete der Hushen sie. Er wirkte unruhig. Aber er griff nicht nach seinem Zentrip, mit dem er seine eigene Magie nutzen konnte.

Vertraute er ihr?

Mag! Lass mich mal was nachsehen, ja?

Muss das sein? Du bist zu hibbelig!, beschwerte sich Valerie sogleich.

Aber Maggie war von der Dringlichkeit in Alice‘ Stimme überfordert. Langsam zog sie sich zurück.

„Warte mal. So stehen bleiben“, wies ihre andere Seele den Hushen an, der immer unruhiger wirkte, als das Wasser um seine Hand herumfloss. Einige Tropfen sickerten in seinen Körper. Genug, damit sie spüren konnten, was Alice aufgefallen war. Allerdings zu wenige, als dass es TJ auffallen sollte.

Maggie übernahm einen Moment später wieder die Kontrolle. Sie musste nicht einmal darüber nachdenken, ehe sie sich an ihren eigentlichen Todfeind wandte. Ehe sie ihn warnte.

„Wusstest du, dass du Gift im Körper hast?“

Er runzelte die Stirn.

„Wenn, dann-“, abrupt stoppte er, „Maggie, ich glaube nicht-“

„Ich spüre es“, erklärte sie daher, „Ich kann es dir beweisen. Ich könnte es rausholen und dir geben. Aber-“

Nun dafür müsste er zulassen, dass sie ihre Magie an ihm anwandte. Und das war bislang etwas, womit er sich unwohl zu fühlen schien. Selbst nachdem sie letztes Jahr mal Gakumons Bein geheilt hatte, hatte er sie nur an oberflächige Verletzungen gelassen. Wunden, die auf Arme oder Beine beschränkt waren. Und das auch nur, weil Alice darauf bestanden hatte.

Gift aus seinem Körper zu filtern, wäre ein Kompletteingriff.

„Du bist dir sicher?“, fragte er sie und trommelte gegen sein Bein.

Kurz darauf waren Gakumon und Yuki zurück.

„Ja. Ich … Es ist nicht viel, aber wenn es bleibt …“, sie atmete tief durch, „Du hast immer noch deinen Teil der Abmachung einzuhalten. Das geht nicht, wenn du tot bist, oder?“

Er schwieg einige Momente. Sie sah, wie sich sein Äußeres verschob. Wie seine andere Seele kurz rauskam, nur um dann seinem dominanten Ich Platz zu machen.

„Dann zeig es mir“, forderte er beinahe sanft.

Nickend lenkte Maggie das immer noch schimmernde Wasser in seinen Brustkorb und verteilte es in seinem ganzen Körper. Sie ließ es jeden Winkel abtasten. So lange, bis sie alle Tropfen des Giftes zusammen hatte und sie nach oben und aus seinem Mund lenkte.

Hustend beugte er sich vornüber.

„Geht es?“, fragte sie, während sie das Heilwasser mit dem Gift in der Mitte auffing.

„Ja- Wird schon- Es- Das?“

„Ja“, bestätigte sie und ließ das Heilwasser erneut gefrieren, ehe sie es ihm übergab, „Bitte.“

Zögerlich nickte TJ. Dann begutachtete er sie nochmal.

„Du hast dein Wort gehalten.“

Es war keine Frage.

„Du hast bislang auch deines immerzu gehalten“, gab sie zurück.

Er nickte wieder.

Einen Augenblick später war er verschwunden.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..