M: Die Entscheidung

„Wir können nicht länger in Centy bleiben“, begrüßte Jane den Vater ihrer Kinder, sobald er durch die Tür kam.

Blinzelnd starrte er sie an. Er wirkte überfordert – aber das war nichts Neues für sie. Danni kam ihr öfters etwas verpeilt vor. Lisa hatte ihn sogar als langsam beschrieben. Zurück in Merichaven hätte es sie genervt, alles fünfmal zu erklären. Es war ineffizient. Zeitaufwendig! Doch seitdem sie dem Ort den Rücken gekehrt hatte, wusste Jane:

Sie brauchte diesen Ruhepol. Er war der Grund, warum sie ihre hastigen Entscheidungen immer noch einmal überdenken musste. Wegen ihm konnte sie nicht einfach aufspringen und losrennen, wenn die Unruhe sie heimsuchte. Sie konnte ihn nicht zurücklassen.

Danni war vielleicht ein Dussel, doch er war ihr Dussel!

„Dieser Ort ist nicht richtig. Er ist … wie ein Spiegelbild?“, versuchte sie, seinem schief gelegten Kopf zu erklären.

„Ein Spiegelbild?“, nachdenklich marschierte er zum Fenster.

Jane seufzte. Sie stand auf, durchquerte den Flur, schloss die Wohnungstür, schaute kurz ins Kinderzimmer und eilte dann ihrem Freund hinterher. Es war ihre eigene Schuld. Wieso musste sie ihn auch so überfallen? Der Mann würde seinen Kopf verlieren, wenn er nicht festgewachsen wäre!

„Ja“, bestätigte sie mit erzwungener Ruhe, „Spiegelbild.“

Er brummte. Nickte. Wandte sich ihr zu.

„Soll ich die Fenster dann lieber nicht mehr putzen?“

Jane erinnerte sich an die Atemübungen von der Entbindung zurück. Bei Danni hatte sie diese Techniken stets mehr benötigt, als bei den Zwillingen.

„Das war eine Metapher. Nur eine Redewendung und-“, einfacher, sie musste es einfacher formulieren, „Ich meine, dass Merichaven und Centy sich zu sehr ähneln sind. Ich kann hier nicht bleiben.“

„Du hast die Hauptstadt doch vorgeschlagen?“, erneut setzte Danni sein fragendes Gesicht auf. Es hatte etwas von einem unschlüssigen Grundschüler, der gerade die Wahrheit über den erschwindelten Weihnachtsmann erfuhr. Wie sehr Jane diesen Kerl doch liebte! Und wie sehr sie dieser Blick doch ablenken konnte …

Nein!

Ursprünglich war sie hierher gekommen, weil sie in der Masse der Leute untergehen wollte. Niemand sollte sie nerven. Niemand sollte sie mit ihrem Vater oder gar ihrer eigenen Vergangenheit konfrontieren können! Nun jedoch? Nachdem nicht nur Mortes‘ Schwester, sondern auch Rotten Apple sie genau hier gefunden hatten?

In Centy war sie vielleicht nur ein Gesicht von vielen, aber dasselbe traf auch auf jeden anderen zu. Es war ein Nachteil, den sie bewusst ausgeblendet hatte – und der ihr nun zum Verhängnis werden konnte.

„Ich weiß, was ich vorgeschlagen habe. Aber ich habe meine Meinung eben geändert. Ich …“, sie lehnte sich gegen Danni und senkte die Stimme, „Ich fühle mich hier nicht sicher, okay?“

Die Lüge glitt ihr viel zu leicht über die Lippen. Für einen Augenblick glaubte Jane, dass ein Funken Wahrheit mitschwang. Dann verwarf sie ihn eilig wieder.

Jane Jade hatte keine Angst. Sie war Radius. Sie war der Grauen in der Nacht. Sie-

„Aber wo willst du dann hin?“

Zu ihrer Überraschung schloss Danni sie so zaghaft in die Arme, als würde sie dabei zerbrechen können. Zärtlich strich er über ihren Rücken und wirkte wie ein unbeirrbarer Felsen. Wie eine Mauer.

Womit hatte sie diese treue Seele nur verdient?

„Ich weiß nicht. Etwas … Kleineres. Aber kein winziges Kaff. Ich möchte unsere nächsten Nachbarn kennen, ohne zu viel mit ihnen reden zu müssen, weißt du?“, erklärte sie vorsichtig.

Eigentlich hatte sie schon einige Orte rausgesucht. Aber diese Liste nun runter zu rattern, wäre gewiss zu viel des Guten. Es würde ihren verpeilten Liebling maßlos überfordern! Sollte sie es genauso wie beim ersten Mal handhaben? Sie würden einfach alles einpacken und losfahren? Die finale Entscheidung könnten sie auch unterwegs fällen. Nur …

Diesmal wären Sophie und Marie nicht mehr in ihr. Sie müssten sich um zwei Babys kümmern. Sie bräuchten mehr Pausen. Endlos viele Windeln. Stählerne Nerven. Sophie störte sich ja an jedem Geräusch! Und Marie? Ihre Jüngere hatte keine Freude mit der Sonne … Was war eigentlich mit Kindersitzen? Wo bekämen sie Kindersitze her?!

„Bist du dir sicher?“

Sicher? Konnte sie sich je sicher sein? Oder gar sicher fühlen? Reagierte sie über? Hätte sie schon von Anfang an das Land verlassen sollen? Oder-

„Jane?“

Blinzelnd starrte sie in Dannis besorgte Augen. Es war so ungewöhnlich, dass sich jemand um sie sorgte. Um Jane. Nicht um die Tochter ihres Vaters. Sondern nur um sie.

„Ich habe überlegt, was ich mit meinem Leben anfangen soll …“, flüsterte sie und lehnte sich in seine Arme, „Mein Vater war Anwalt und Jasmine wurde von klein dazu erzogen, später seinen Platz in der Kanzlei einzunehmen – oder sogar noch höher zu zielen. Ich habe all ihren Unterricht mitbekommen. Ich kenne jedes Gesetz, das je Anwendung in Merichaven fand. Ich weiß, wie man es sich gefügig macht, wie man die Schwachstellen ausnutzt.“

Danni brummte. Das gab Jane Mut. Mut, den sie brauchte.

„Deswegen möchte ich für meine … für mein Leben in Merichaven Buße tragen. Ich möchte etwas zurückgeben. Ich habe vorhin nach Kleinstädten gesucht mit Zweigstellen der Staatsanwaltschaft, die noch Leute ausbilden, weißt du? Orte, die nicht zu groß sind. Wie in Gallanhain oder Raptioville. Letzteres ist zwar ziemlich nah am Wylston und auch wieder näher an Merichaven, aber das andere, na ja. Der Ort hat eher was von einem abgetrennten Dickdarm, weißt du?“

„Also möchtest du nach Raptioville“, schloss er richtig.

Sie seufzte erleichtert. Ja, sie hatte zwar fünf Orte gefunden, aber Raptioville war ihr wirklich am besten erschienen. So verpeilt ihr Freund auch war, wenn es darauf ankam, konnte er fast ihre Gedanken lesen.

„Ja.“

Schweigend drückte er sie noch einmal an sich und wandte sich dann ab. Für einen Augenblick glaubte Jane, ihn gekränkt zu haben. Wollte er nichts mehr von ihr wissen? Es überraschte sie eh, dass er so viel mit ihr zu tun haben wollte. Sie war immerhin als Mörderin durch die Straßen von Merichaven gezogen! Sie … Sie war ein Ungeheuer.

Stattdessen kehrte er mit einem großen gelben Buch zurück.

„Wir können die Umzugsfirmen durchtelefonieren oder es selber machen. Was ist dir lieber?“

Überwältigt küsste sie ihren Dussel.

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