K: Lebenswunsch

Unschlüssig beobachtete sie das Haus. Verglichen mit der Ruine im Wald erschien es ihr so riesig! Und dennoch hatte sie es nur durch Shizens Witze gefunden. Er hatte ihr von den nichtmagischen Bewohnern erzählt. Sie würden sich hier so irrsinnig verhalten. Gewiss waren ihre Leben einfacher. Einfacher und amüsanter.

Das hatte ihr Interesse geweckt.

Seither hatte sie sich alle paar Tage hierher getraut. So konnte sie die Menschen aus der Ferne beobachten. Es verwirrte sie, dass die Kinder sich so unbeschwert gaben. Dabei waren sie alle ungewollte Waisen, oder? Das behaupteten Shizens Desson doch!

„Es kommt jemand“, schnurrte Yuki in ihr Ohr und augenblicklich versteckten sie sich hinter dem nächsten Baum.

Fragend nickte Maggie hinter sich und die Gestaltwandlerin verwandelte sich in einen Käfer. Surrend flog sie um ihr Versteck, um die Lage aus zu peilen.

„Er räumt auf“, berichtete sie, als sie sich erneut auf ihrer Schulter niederließ.

„Hm.“

Mehr wusste Maggie nicht zu sagen. Nicht während sich die Stimmen in ihrem Kopf überschlugen. Die eine forderte den sofortigen Rückzug. Die andere wollte alles erkunden. Sie fühlte sich zwischen einer Einsiedlerin und einem kleinen Kind gefangen.

Dabei wollte sie selbst vor Angst nur erstarren.

„Möchtest du wieder gehen? Risu würde sich bestimmt freuen“, bemerkte ihre Freundin, diesmal in der Gestalt einer Biene.

„Ich weiß nicht. Ich …“, Regentropfen fielen harsch aus dem Himmel herab. Sie knallten auf das Blätterdach, auf ihre Schultern, auf ihre Haare – und dennoch beruhigten sie das Mädchen.

Verloren blickte sie auf ihre nackten Füße.

Wir hatten versprochen, hier zu bleiben. Im Wald. Wir haben hier nichts zu suchen, entschied sie und stieß sich vom Stamm ab.

Aber das Haus liegt doch im Wald! Komm schon, Mag! Lass uns nur einmal hingehen, ja? Bitte!, meldete sich die kindliche Seele in ihr.

Alice …

Bitte!

Doch die erwartete Unterstützung ihres anderen Ichs blieb aus. Valerie fühlte sich eher angespannt an. Eher …

Er hat uns entdeckt.

Maggie blickte langsam auf. Diese fremden Augen starrten sie so besorgt an. Als würden sie auf etwas warten …? Ja. Hatte er sie etwas gefragt?

Sie spürte, wie ihre Maggie ihr entglitt und die Winde heftiger wurden. Eisig rissen sie an den Bäumen und am Haus. Vergessene Spielsachen auf dem Rasen quietschten. Yuki verkroch sich unter ihren Lumpen – ans Fliegen war nicht mehr zu denken. Nur die Flucht.

Denn sie mussten hier weg. Weg!

„Mag?“, riss die Gestaltwandlerin sie aus ihrer Starre.

Maggie klammerte sich an der vertrauten Stimme fest und versuchte sich zu beruhigen. Sachte schob sie einen Fuß zurück. Ihre Augen blieben auf den fremden Jungen gerichtet. Sie schluckte. Packte ihren Mut und-

„Wo willst du hin? Da draußen holst du dir den Tod!“

Das letzte Wort ließ sie zusammenzucken. Tod. Was bedeutete der Begriff überhaupt? Warum musste er so schlecht sein? Oder machten die Menschen ihn nur schlecht, weil sie das Ende nicht wahrhaben wollten?

Dabei hatte das Ende auch etwas Gutes. Wenn sie starb, würde sie sich endlich nicht mehr schlecht fühlen, oder? Jeder wäre im Tod frei … oder?

Ein Blitz erhellte das Gesicht des Jungen so schlagartig, dass es sich in ihr Gedächtnis brannte. Diese Sorge darin … Wieso kam sie ihr so bekannt vor? So vertraut? Er wirkte wie…

Wie ein Bruder …, flüsterte Valerie in ihr.

Ja. Wie ein großer Bruder, stimmte Maggie zu.

Schmerz durchzuckte sie. Er kam nicht von den Regentropfen, die nun wie Hagelkörner herabprasselten. Er kam von Innen. Als würde sie etwas vermissen, an das sie sich nicht mehr erinnern konnte.

„Bitte! Komm rein und wärm dich auf! Wir tun dir nichts! Ich-“, er brach sein Rufen stockend ab.

Seht ihr! Er lädt uns ein. Sollten wir nicht hingehen? Nur, um uns umzusehen? Notfalls können wir dann immer noch verschwinden, ja? Kommt schon!, Alice‘ Begeisterung ließ sich kaum in die Schranken weisen.

Aber … Er meint, dass sie uns nichts tun. Was, wenn wir sie verletzen? Wenn wir unsere Magie nicht …

Maggies Hände verkrampften sich vor Sorge. Ja. Wenn sie rüberginge, wäre sie eine Gefahrenquelle. Nicht die nichtmagischen Kinder. Wenn sie die Kontrolle verlor, würde sie …

Jetzt sei nicht so schwarzmalerisch, Val! Bitte!, behauptete Alice erneut.

Aber-

„Niemand hat es verdient, allein zu sein! Bitte. Komm her und ich verspreche, dass ich auf dich aufpassen werde! Dir passiert hier nichts!“

Ehe sie sich versah, verschwanden Valeries Sorgen. Angetrieben von Alice‘ Neugierde kam sie näher. Sie spürte, wie Yuki sich gegen ihre Schulter presste. Gewiss änderte sie gerade ihre Gestalt, um nicht weiter aufzufallen. Nur so könnten sie zusammenbleiben und ihre eigenen Versprechen halten.

„Versprich nichts, was du nicht halten kannst“, erklärte sie, als sie vor ihm stehenblieb.

Zum ersten Mal blinzelte er. Hatte er gedacht, dass sie stumm war? Klang ihre Stimme so anders? Spürte er, dass sie magisch war? Sollte sie doch lieber das Weite suchen und-

„Ich werde es aber halten. Du … du hast niemanden mehr, oder?“

Sie presste die Zähne zusammen.

Er hatte nichts mit der Magie zu schaffen. Er durfte nichts von Yuki erfahren. Nichts von dem Krieg. Nichts von ihrem Handel mit dem Feind, der jederzeit ihr Leben auslöschen konnte.

Der es dennoch vor sich herschob.

War sie deswegen hierher gekommen? Wollte sie leben? Wollte sie, dass jemand auf sie aufpasste? Warum hatte Valerie jeglichen Widerstand zurückgefahren? Warum-

„Wir sind ein Waisenhaus. Wenn du zu uns kommst, wird niemand Fragen stellen. Du kannst meine kleine Stiefschwester werden. Ich werde auf dich aufpassen. Das verspreche ich dir“, damit streckte er ihr die Hand entgegen.

Ihr Innerstes verkrampfte sich.

Bot er ihr … ein Leben außerhalb der Magie an? War das … möglich?

Hey … Mag? Alles gut? Es ist nur eine Hand, ja?, erkundigte sich Alice behutsam.

Ich … Ich weiß nicht, ob-

Ein rötlicher Blitz krachte aus dem Waldrand. Er schlug neben ihnen im Boden ein. Donnernd hallte er in Maggies Ohren wider. Sie klammerte sich erschrocken an die Hand. Wandte sich um. Graste mit den Augen die Bäume ab. Suchte nach etwas, was nicht ins Bild passte und das-

Dort! Da, wo sie gerade noch gestanden hatte, schwebten rötliche Augen in der Luft. Sie spürte, wie das Regenwasser auf einen dumpfen Widerstand stieß. Wie dort irgendjemand stand!

Dann blinzelte sich das Wesen fort.

Das … das war keiner von Shizens Desson. Dafür … hatte es sich nicht unter Kontrolle gehabt? Oder hatte es sie verletzen wollen? Aber wenn es sie verletzen wollte, warum war es verschwunden? Warum-

Beruhigend strich der Junge über ihren Rücken. Auch er blickte zum Waldrand. Nur schien er nichts zu sehen.

„Alles gut, du bist in Sicherheit“, sachte führte er sie ins Haus und unsicher ließ sie sich von ihm leiten.

Was blieb ihr anderes übrig? Sie wusste nicht, wo der Angreifer war. Sie wusste nicht, warum er den Blitz auf sie geschleudert hatte. Es wäre dumm, nun zurückzukehren!

In diesem Punkt war sie sich zur Abwechslung sogar mal mit all ihren Ichs einig.

Sobald sie die Haustür durchquert hatten, wartete bereits eine Frau auf sie. Fragend blickte sie erst Maggie, dann den Jungen an.

Unruhig schob sie sich hinter den Jungen.

„Ehm … Ich habe eine neue Zimmernachbarin?“, fragte er unschlüssig.

Maggie atmete tief durch. Sie musste Ruhe bewahren. Keine Magie. Sonst würde man sie bestimmt rauswerfen. Sie musste sich kontrollieren. Gelassen bleiben. Immer gelassen!

„Schön, dass du dich rein getraut hast. Du hast uns schon lange genug beobachtet. Wie dürfen wir dich denn nennen?“

Sie zuckte zusammen.

Die Frau hatte sie bemerkt. Hatte sie auch Yuki bemerkt? Oder die Desson aus dem Wald? Gewiss, würde sie nachforschen wollen, woher Maggie kam. Was, wenn sie dabei über die Magie stolperte? Wenn sie-

„Alles ist gut. Aber wir bräuchten wirklich einen Namen. Muss auch nicht dein richtiger sein, wenn dir das lieber ist. Einfach ein Name, mit dem wir dich ansprechen können, weißt du?“, riss der Junge sie aus ihren Gedanken.

Sie senkte den Blick. Warum klang die Sorge in seiner Stimme nur so echt? Am liebsten wollte sie sich hinter ihm verstecken und …

Was wollte sie?

„Maggie …“, murmelte sie, ehe sie sich eines Besseren besinnen konnte.

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