Minki und seine Beute

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Es war ein ruhiger Nachmittag. Also: Endlich. Denn nach langem Hin und Her hatten die Zweibeiner doch noch die Wohnungstür gefunden und den Kater selige Ruhe geschenkt. Somit konnte er sich nun genüsslich auf dem Sofa strecken. Er genoss die Sonne. Er genoss die Ruhe. Er genoss den Frieden!

Bis das Surren seine Entspannung raubte.

Minkis Ohren zuckten zum angekippten Fenster. Da! Da war es schon wieder! Gefolgt von einem dumpfen Boing. Das … Er kannte dieses Geräusch!

Mit der Eleganz einer Raubkatze drehte er sich um und fiel vom Polster.

Nun ja. So war das zwar nicht geplant gewesen, doch zumindest half es Minki, die Müdigkeit abzuschütteln. Zielsicher suchten seine Augen die Fenster ab. Hinter all den Gardinen konnte man nicht viel erkennen, aber wenn es sich wieder bewegte … Er müsste nur dem Surren folgen und-

Da!

Da trieb sich seine Beute rum!

Still wie ein Schatten kauerte sich der Kater zusammen. Er reckte seinen Hintern in die Höhe. Ließ seinen Schwanz aufpeitschen. Nach links. Nach rechts. Wieder nach links.

Dann schoss er nach vorn.

Sein einziger Fokus lag auf seiner Beute. Auf diesem kleinen, schwarzen Insekt, das sich in den Gardinenfalten zu verstecken versuchte. Es surrte zur Seite. Krabbelte hinter eine Stoffschicht. Minkis Tatze verfolgte es kühn. Der Kater sprang an einem eckigen Baum hoch. Holte aus. Erwischte nur Stoff. Seine Beute surrte wieder. Mehrere Boings folgten. Minkis Augen huschten über die gesamte Gardine. Fanden das Insekt erneut!

Entschlossen sprang er in die Stoffmassen und krallte sich darin fest. Jaulend hangelte er sich höher. Es war egal, wie sehr die Gardine auch stöhnte.

In Minkis Welt gab es nur noch ihn und seine Beute.

Und so bemerkte der Kater leider zu spät, dass sein Halt mit einem Ruck nachgab.

Erschrocken krallte er sich in den Stoff, doch hätte er auch nach der Luft schnappen können. Das Weiß hüllte ihn ein. Zwängte ihn auf den Boden!

Mit einem panischen Mauzer schüttelte er sich. Er befreite sich aus seinem Gefängnis. Spannte sich an. Lauschte.

Boing.

Das bedeutete Krieg!

Zornentbrannt sprang Minki die kahle Fensterscheibe an. Rauf. Runter. Rauf. Runter. Er kannte nur noch ein Ziel. Er wollte es seiner Beute endlich heimzahlen! Dieses winzige, schäbige, dunkle Insekt! Es gehörte-

Da!

Endlich bekam er es mit seinen Pfoten zu packen und warf es auf den Teppich. Triumphierend stand er darüber. Er hatte es erlegt! Er war der beste Jäger der Welt. Er hatte ihm gezeigt, wer-

Minki betrachtete das Insekt genauer.

Wieso bewegte es sich nicht mehr?

Verwundert stupste der Kater es mit der Pfote an. Dann nochmal. Und nochmal. Er mauzte fragend.

Keine Reaktion.

Wollte es Minkis Heldentum wirklich verpassen? Wie unhöflich!

Beleidigt putzte der Kater seine Pfote. Er konnte es nicht glauben! Hier hatte er sich so sehr angestrengt – also gar nicht – und dann kümmerte es seine Beute nicht einmal! So ein ungehobeltes, dummes-

Surren.

Erschrocken sprang der Kater auf. Wann war ihm seine Beute entwischt? Und wie war sie zum Fenster gelangt? Er hatte sie doch erlegt! Sie hatte hier zu liegen zu bleiben und-

Ehe er zum Sprung ansetzen konnte, fand das Insekt die angekippte Lücke vom Fenster und flog hindurch.

Zurückblieb ein verdutzter Minki. Kopfschüttelnd wandte sich der Kater ab und legte sich wieder aufs Sofa. So hatte er sich seine Jagd nicht vorgestellt. Wenn jemand fragte, dann … Ja. Er hatte es entkommen lassen. Absichtlich. Dieses Insekt war seiner nicht würdig!

Beim nächsten Mal musste er besser aufpassen …

Ehe er die Augen schloss, fiel sein Blick auf die abgerissene Gardine.

Vielleicht, nur vielleicht, sollte er sich heute woanders hinlegen? Ehe die Frau seines Retters heimkäme und ihn zusammenschreien würde?

Nah … Sie hatte das Fenster offen gelassen. Selbst schuld!

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