Einst

Einst war alles anders.
Einst war alles besser.
Einst …
Einst.
Einst?

Sie alle blicken so fröhlich zurück.
Sie alle schweben im Glück.
Sie alle verschließen ihre Augen –
Vor dem Unglück.

Stattdessen wird freudig erzählt.
Glückliche Worte werden gewählt.
Einzig die Nostalgie zählt?

Der Schatten der Vergangenheit
Steht im Flur bereit.
Er verlor seinen Glauben.
Er beschenkt nun mit Neid …

Einst war alles leichter.
Einst war alles freier.
Einst …
Einst.
Einst?

Mutter schwärmt von warmen Tagen.
Vater will sich daran laben.
Und dazwischen …
Sieht denn keiner die Narben?

Diese zerbrochene Seele …
Ein jeder wähle,
Was er ihr befehle!

Kälte streicht am Kinde herab,
Sie zwängt es ins dunkle Grab.
Weg vom toxischen
Verrat.

Einst sollten Eltern schützen.
Einst sollten sie behüten.
Einst …
Einst.
Einst?

Tun sie’s nicht immer noch?
Sie lieben ihr Kinde doch!
Sie würden ihm nix rauben!
Und dennoch …

Dennoch sitzet es zerbrochen dort
Und egal, wie tief man bohrt,
Gibt es keine Antwort.

Der Schatten der Vergangenheit
Hat genug vom Leid.
Er kann nicht länger mitanschauen,
Wie das Kind im Inner‘n schreit.

Einst wurde es geschlagen.
Einst wurde es getreten.
Einst …
Einst.
Einst?

Einst hält doch bis heute an!
Deswegen lässt es kein Glück heran!
Es glaubt, es würde zu nix taugen.
Deswegen ist es dran …

Dran zu schrei’n,
Dran zu wein’n
Ganz geheim
Ganz allein
In seiner Pein
Daheim …

Der Schatten der Vergangenheit
Verscheucht die Besonnenheit
Mit verächtlichem Schnauben.

Es ist an der Zeit.

Es ist an der Zeit, zu graben.
Es ist an der Zeit, etwas zu sagen.
Es ist an der Zeit, Hilfe einzuklagen!

Sanft besäuselt er das Kind,
Damit er es für sich gewinnt.
Er gibt ihm Wind,
Damit es beginnt

Zu sprechen.

Es soll sich rächen!

Das Kind beugt sich weg.
Es erkennt keinen Zweck.
Es hat kein Vertrauen.
Es sieht sich als Dreck.

Es ist an der Zeit, umzulenken.
Es ist an der Zeit, umzudenken.
Es ist an der Zeit, Bedenken

Zu ertränken!

Das Kind beginnt zu verstehen.
So kann es keine Zukunft sehen.
Mit Bedauern
Will es einige Schritte gehen.

Doch halten Wurzeln es fest!
Es darf nicht aufstehen vom Nest!
Dieses Nest, das es nicht ziehen lässt!

Mutter hält inne.
Vater erhebt die Stimme:

„Es darf nicht stehen.
Es darf nicht flehen.
Es darf niemals gehen.
Wie kommt es auf diese dummen Ideen?!

Das Kind hat fügig zu bleiben!
Es hat zu verweilen!
Wo soll es sich schon rumtreiben?
Warum will es heilen?

Heilen! Ha! Wovon?
Dass es sich mal wieder besonn!

Hier ist wie einst:
Alles gut.
Alles leicht.
Alles frei.“

Der Schatten der Vergangenheit
Macht sich wütend bereit.
Er kann seinen Ohren nicht trauen.
Frei nennt sich dieses Kleid?!

Das ist ihm zu dreist!
Er knurrt und er reißt!
Denn er verheißt:

Den Abschied.

Das Kind senkt die Lider.
Es zittern die Glieder.
Es sieht nicht auf-

„LAUF!“,

Schreit
Der Schatten der Vergangenheit.

Erschrocken hebt es den Blick.
Noch hält es ihn für einen Trick.
Es muss doch auf-

„LAUF!“,

Erneut schreit
Der Schatten der Vergangenheit.

Das Kind erblickt sein eigenes Gesicht.
Ein Schatten im Licht.
Nein. Sein Schatten im Licht.
Die Tränen sieht es nicht-

Nicht mehr.

„Hier ist’s nicht fair.
Hier fällt’s uns schwer.
Ich wünsche mir so sehr
Einen Abschied her.

Für dich.
Für mich.
Bitte sprich!“

Der Schatten der Vergangenheit
Erinnert an das einstige Leid.

Einst …
Einst.
Einst?

Die Wurzeln hängen schlapp,
Sie lassen endlich ab,
Sie fallen herab.

Einst war gestern.
Einst ist heute.

Vater und Mutter sprechen,
Sie wollen ihre Zechen,
Sie wollen das Kinde brechen …

Aber diese Leute,
Nein, diese Meute,
Bekommt keine Beute!

Mit der Erkenntnis sprießen Flügel empor.
Mit der Erkenntnis, die ihm fehlte zuvor.
Mit der Erkenntnis trat das Kind hervor.
Nein. Kein Kinde mehr.
Denn es setzte sich zur Wehr.

„Hatte die Ehre,
Eine furchtbare Leere“,

Damit verlässt es
Das furchtbare Nest.

Minki und das größere Wesen

(Nach sehr vielen wahren Geschichten,)

Das kleine Wesen blieb nicht lange klein.

Minki wollte es verfluchen! Der Kater hatte dem Geschöpf von Anfang an nicht über den Weg getraut. Es hatte ihn seit jeher besorgt. Er war von dem Winzling so sehr schikaniert worden! Seine Ohren wurden gepeinigt. Seine Nase wurde ausgeräuchert. Sein Schwanz wurde massakriert!

Und endlich wusste er auch warum. Bei diesem Wesen handelte es sich um einen weiteren Zweibeiner. Einem ziemlich dummen Zweibeiner.

Der Kater sprang auf einen niedrigen eckigen Baum. Hier konnte ihn der Winzling nicht erreichen. Hier war er noch sicher vor diesen mickrigen Händen, die ständig nach ihm langten. Sicherlich würde die Frau seines Retters mit ihm schimpfen. Immerhin wusste er, dass er auf den eckigen Bäumen eigentlich nichts zu suchen hatte. Aber wenn Minki die Wahl zwischen ein paar bösen Worten und diesem winzigen Monster von einem Zweibeiner hatte, dann brauchte er nicht lange nachdenken.  

Forschend glitten seine Augen über den Kasten, in dem das Wesen hing. Die zwei Beine des Geschöpfs strampelten wild umher, während das Gerüst des Kastens den Körper aufrecht hielt. Die Arme des Felllosen kamen kaum über die Gefängniszelle, in der es festhing. Dennoch streckte es sie fordernd nach dem Kater aus und gab dabei immer dieselben unklaren Laute von sich.

Minki fauchte.

Das Wesen lachte.

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Zum Mond

Einsam stehe ich hier,
Blicke in endlose Gier,
Rasend wie ein Tier,
Schier!
Ein wütender Stier.

Die endlose Dunkelheit.

Die Arme umschlingen den Leib.
Sie verbieten den Neid.
Sie lassen das kleine Boot ziehen,
Können blind nicht fliehen,
Können nur niederknien.

Erstreckt sich weit und breit.  

Der Mond bekümmert,
Er strahlt zertrümmert,
Er flimmert und wimmert,
Glimmert und Schimmert,
Heller noch
Als das Loch
Hinter mir.

Sie nimmt Geborgenheit.

Denn der Leuchtturm ist kalt,
Er ist düster und alt.
Er knirscht und knarrt
Von altem Verrat.

Wandelt sie hilfsbereit.

Verrat, den das Meer beging,
Als es den Kahn empfing,
Als es mein Urteil verhing.

Bei jeder Gelegenheit.

Und die Glühwürmchen
Aus dem Türmchen
Lockt.

In Einsamkeit.

Nun sind sie im Himmel,
Bedecken ihn mit Gewimmel
Mit diesem Mond,
Der dort oben wohnt.
Der so grell und hell erstrahlt
Und meine Glühwürmchen bemalt.

M: Prolog – Flucht I

Er rannte. Hechelnd versuchte er, mit seinem großen Bruder Schritt zu halten. Oder wurde er eher hinterhergezerrt? Er wusste nicht mehr, ob er aus eigener Kraft lief oder gezogen wurde. Ob das Adrenalin in seinem Körper echt war oder er schon zu den Toten gehörte und es nur noch nicht wusste …

Erneut konnte er sie hören. Die Schüsse am Ende des Flurs, die fluchenden Rufe, die erschrockenen Schreie, die wütenden Stimmen, vor denen sie flüchteten …

Und dann roch er es. Der beißende Gestank des Rauches, der an verbranntes Fleisch erinnerte. Geschmolzenes Plastik. Bittere Chemikalien … Es war der Geruch des Todes. Er versuchte, dem Jungen Tränen in die Augen zu treiben. Ihn innehalten zu lassen. Aber er wehrte sich.

Er würde sich immer wehren.

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Minki und die warmen Tage II

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Schnurrend aalte sich Minki im Schatten der Bäume. Die Sonne schien nur vereinzelt durch das Blätterdach und kitzelte dabei Teile seines Pelzes. Für sein weißes Fell war es ein angenehmer Segen, für sein schwarzes eine brenzlige Angelegenheit.

Der Schrei eines Vogels schlich sich durch seine Gedanken. Ein unangenehmes Geräusch, das nicht vergehen wollte. Genervt öffnete er ein Auge und starrte auf das Federvieh hinter einem Zaun.

Warum wollte es ihm seinen Schlaf rauben? Minki hatte die ganze Nacht über Mäuse gejagt und fühlte sich noch etwas träge von den Nagetieren. Die letzte Piepnase hatte er gar nicht mehr geschafft, weil sein Magen bereits so voll war. Er hatte sie dort hinten irgendwo liegen lassen. Dort, wo nun dieser Vogel keine Ruhe geben wollte!

Minki fuhr die Krallen aus und streckte sich. Er schüttelte die Erde von seinem Fell. Diese trockenen Krümel, die die Kühle des Schattens in sich trugen. Die er in der Wohnung der Zweibeiner nirgends gefunden hätte. Die einen so vollen, beruhigen Duft verströmten.

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