K: Das Leben ist zu schön

„Bitte sei leise, Sissy“, murmelte Lisa flehentlich, während sie das gefundene Kätzchen unter ihrem Shirt transportierte. Dennoch wollte das Tier nicht hören. Immer wieder mauzte es und jagte dem Kind einen Schrecken nach dem anderen ein.

Ertappt sah sich das Mädchen um. Sie befand sich auf der einzigen Straße, die von Kriegsheim zum Waisenhaus führte. Auf der einzigen Straße, die sie nach Hause brachte. Es war eine einsame Fahrbahn mit diversen Schlaglöchern und Gräsern, die sich mühsam durch das Beton fraßen und da es keinen Gehweg gab, tat Lisa häufig so, als wäre sie eines der seltenen Autos. Warum auch nicht? Die einzigen, die diesen Weg benutzen, waren ihre anderen Geschwister und Sabine. Dieser Ort lag viel zu abgelegen!

Ihre Augen huschten zum Waldrand, der ihr so nah erschien, als würde er die Straße sein Eigen nennen. Sie glaubte jemanden zwischen den Bäumen zu erkennen, doch als sie blinzelte, war die Person verschwunden. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Augen ihr Streiche spielten. Die Schatten zwischen den Baumstämmen waren eigenartig verworren. Doch war das normal so. Sabine hatte es ihr beteuert.

Lachend hüpfte sie voran und suchte dabei nach den Tieren des Waldes. Dabei entdeckte Lisa ein Kaninchen sowie ein Eichhörnchen im Unterholz. Neugierig beobachteten sie die Waise, ehe sie zwischen den Bäumen verschwanden. Dafür ließ sich ein Igel blicken. Und ein süßer Vogel!

„Schön“, lobte Lisa das fedrige Geschöpf.

Als hätte es das Mädchen verstanden, vollführte er eine Drehung in der Luft. Es war wunderbar. Wie ein Zauberwald! Letzte Woche hatte ihr Maggie ein Märchen von einem verwunschenen Wald vorgelesen. Das meiste davon hatte die Waise sofort wieder vergessen. Aber nicht die zauberhaften Geschöpfe, die sich in der Geschichte tummelten.

„Spielen wir nachher?“, fragte sie die Tiere freudig, „Meine Geschwister müssen Hausaufgaben machen und Sabine hat sicherlich auch wieder zu tun. Dann könnt ihr auch Sissy kennenlernen!“

Wie zur Antwort schwang sich der Vogel durch die Baumkronen. Er flog durch das Blätterdach und wieder herab. An Lisa vorbei, um sie herum, über sie hinweg.

Das Mädchen musste so sehr lachen, dass sie beinahe vergaß, das Kätzchen zu stützen.

Prompt meldete sich das versteckte Tier.

„Langsam!“, gluckste sie zum Vögelchen, ehe sie nach ihrem verborgenen Passagier sah, „Alles in Ordnung? Tut mir leid. Das wollte ich nicht.“

Das graue Gesicht mauzte beleidigt auf. Lisa glaubte, Angst in den kleinen grünen Augen zu erblicken. Also streichelte sie das Kätzchen beschwichtigend. Es zerbrach ihr immer noch das Herz, wenn sie daran dachte, wie sie das Tier vorgefunden hatte. Verlassen. Unterkühlt. Verängstigt. Es hatte am ganzen Leib gezittert. Es war so kraftlos gewesen. Und dann noch das zerzauste Fell! Jede Rippe hatte hindurchgeschimmert!

Die Waise beachtete die Tiere des Waldes nicht mehr. Stattdessen eilte sie wieder voran zum Waisenhaus. Sie brabbelte munter vor sich hin. Worte, die das Kätzchen zu beruhigen schienen. Worte, die ihr so leicht über die Lippen kamen, als würde sie sie nur nachplappern.

Es erging ihr häufig so. Die Worte flossen ungehindert heraus und wollten beinahe übereinander purzeln! Ihre Geschwister hatten sie daher mal Quasselstrippe genannt und nur mit Müh und Not konnte sie den Spitznamen aus ihren Köpfchen streichen. Dafür war sie Engelchen geworden.

„Sabine sagt, dass Tiere ehrlicher sind als Menschen“, erklärte sie dem Kätzchen munter, „Menschen lügen da, wo Tiere die Wahrheit nicht zu verstecken wissen“, wiederholte sie den einzigen Satz, der vollständig an ihr hängen geblieben war, „Aber ich weiß nicht recht, was das bedeuten soll. Woher auch? Bald komme ich erst in die Vorschule. Dann kann ich lesen lernen. Und schreiben. Und ich kann einen Beruf erlernen! Das brauch-“

Sie blieb verdutzt stehen. Der Wald hatte sich vor ihr geteilt und präsentierte ihr das Waisenhaus. Und direkt davor? Da stand jemand!

Der Mann war groß. Mit dunkelbraunen Haaren. Ein Schnauzer zierte sein Gesicht. Seine Kleidung war abgetragen und sauber zugleich. Aber am aufdringlichsten waren seine blauen Augen. Diese starrten sie unentwegt an. Sie trugen ein stechendes Blau in sich. Kein Schönes. Eher ein Wissbegieriges. Ein Überhebliches?

Lisa wusste nicht wann und warum sie stehen geblieben war. Sie schluckte ängstlich und drückte das Kätzchen enger gegen ihre Brust.

Seltsamer Weise machte ihr der Fremde selbst keine Angst. Eher seine bloße Anwesenheit. Es war, als würde er eine Welt repräsentieren, von der sie nichts wissen wollte. Sie lauschte einer Stimme in ihrem Kopf, die sie dazu drängte, weiterzugehen. Fortzugehen. Bloß nicht das Wort an ihn zu richten!

„Was machst du da, Kind?“, fragte er sie jedoch schon und plötzlich fühlte sich Lisa dazu genötigt, ihm zu antworten.

„Ich“, das Kätzchen mauzte noch einmal auf und die Waise drückte es näher an sich, „Sissy war so allein… Sie braucht einen Schlafplatz, aber Sabine erlaubt keine Tiere, von daher…“

Es tat weh, ihr Vorhaben zuzugeben. Allerdings sah sie keine Möglichkeit, den Fremden anzulügen. Lisa war, als könne er Unwahrheiten riechen. Es war eine so eigenartige Vorstellung. Aber sie wirkte nicht minder glaubwürdig. Wo war sie nur hergekommen? Könnte sie eines Tages Lügen riechen? Es wäre bestimmt lustig!

„Von daher willst du sie ins Haus schmuggeln? Eine nette Idee. Aber früher oder später wirst du auffallen, Kind“, erklärte er ruhig. Zu ruhig.

Und so war sich Lisa plötzlich sicher, dass er sie nicht verraten würde. Auch, wenn ihr ihre Anrede nicht zusagte.

„Bis dahin findet sich bestimmt eine Lösung“, erklärte sie stur, „Aber erstmal braucht sie einen Schlafplatz. Und etwas zu Essen.“

Der Fremde nickte und starrte sie wieder mit seinen stechend blauen Augen an. Sein Blick wirkte so autoritär, so fordernd! Lisa glaubte fast, diesem Blick Folge leisten zu müssen. Trotzdem wusste sie nicht zu deuten, was er von ihr verlangte. Er war ein Fremder!

Und mit Fremden sollte sie sich doch eigentlich nicht unterhalten. 

„Was, wenn sie nicht gerettet werden will?“

Die Frage traf das Mädchen so überraschend, dass sie zurückfuhr. Die Waise schmulte auf Sissy herunter. Auf das kleine Näschen. Auf die grünen Augen. Auf das frisch geputzte Fell an ihren Wangen.

„Das Leben ist zu schön, um es wegzuwerfen. Das hat Mama mal gesagt. Sabine erzählt mir immer wieder von ihr. Sie kannte Mama. Und Mama hatte sicherlich Recht. Das Leben ist schön. Es ist lustig. Spaßig. Das sollte man nicht wegwerfen!“

Sie presste sich das Kätzchen näher gegen die Brust, bis es überrascht mauzte. Nur änderte das nichts. Selbst wenn das Kätzchen nicht mehr Leben wollen würde, so sollte es vorher wenigstens die Wunder des Lebens kennenlernen!

Der Fremde wandte sich von ihr ab und sah zum Waisenhaus herüber.

Lisa glaubte bereits, dass er sie nun in Ruhe lassen würde und war schon im Begriff nach Hause zu laufen, da richtete er erneut das Wort an sie.

„Wirst d- Werdet ihr gut behandelt?“

Irritiert sah sie zurück. Sie war sich unsicher, wie sie seinen Blick einschätzen sollte. Wie sie ihn einschätzen sollte! Ein Teil von ihr wollte den Mann trösten. Sie wollte ihn umarmen. Ihn nicht mehr loslassen.

Ein anderer Teil wünschte sich ins Haus zurück. In ihr Bett. Unter ihre Decke.

„Sabine gibt ihr bestes. Und Paul und Ben passen auch gut auf uns auf. Wir sind immerhin eine Familie. Und in einer Familie hält man zusammen.“

Abrupt wandte der Mann sich ab. Seine Schultern bebten. Der Rest war stocksteif. Er schüttelte sachte den Kopf und gab Laute von sich, die weder nach Lachen noch nach Weinen klangen.

„Dann hoffe ich für deine Familie, dass sie gut auf dich aufpasst, Lisa. Das hätte deine Mutter gewollt… Hier bist du sicher.“

Verdutzt blickte sie ihm hinterher. Sie war verwirrt, was er eigentlich hier gewollt hatte und warum er ihr keine Angst eingejagt hatte. Immerhin sollten sich doch kleine Mädchen von fremden Kerlen wie ihn fernhalten, damit sie nicht weggefangen wurden. Warum hatte er sie also nicht geängstigt?

Sissy mauzte auf und schon waren die Gedanken verflogen.

„Ist ja schon gut. Möchtest du Milch? Ich kann bestimmt welche aus der Küche stibitzen. Aber wir haben kein Katzenfutter…“

Ja. Sie würde dem Tier zeigen, dass das Leben schön ist!