Minki und das größere Wesen

(Nach sehr vielen wahren Geschichten)

Das kleine Wesen blieb nicht lange klein.

Minki hätte es am liebsten verfluchen wollen! Der Kater hatte dem Geschöpf von Anfang an nicht vertraut. Es hatte ihn seit jeher besorgt. Er war von dem Winzling so sehr schikaniert worden! Seine Ohren wurden gepeinigt. Seine Nase wurde ausgeräuchert. Sein Schwanz wurde massakriert!

Und endlich wusste er auch warum. Bei diesem Wesen handelte es sich um einen weiteren Zweibeiner. Einem ziemlich dummen Zweibeiner.

Der Kater sprang auf einen niedrigen eckigen Baum. Hier konnte ihn der Winzling bislang noch nicht erreichen. Hier war er noch sicher vor diesen mickrigen Händen, die ständig nach ihm langten. Sicherlich würde die Frau seines Retters mit ihm schimpfen. Immerhin wusste er, dass er hier eigentlich nichts zu suchen hatte. Aber wenn Minki die Wahl zwischen ein paar bösen Worten und diesem winzigen Monster von einem Zweibeiner hatte, dann war die Wahl bereits gefällt.  

Forschend glitten seine Augen über den Kasten, in dem das Wesen hing. Die zwei Beine des Geschöpfs strampelten wild umher, während das Gerüst des Kastens den Körper aufrecht hielt. Die Arme des Felllosen kamen kaum über die Gefängniszelle, in der es festhing. Dennoch streckte es sie fordernd nach dem Kater aus und gab dabei immer dieselben seltsamsten Laute von sich.

Minki fauchte.

Das Wesen lachte.

Entschlossen wandte sich der Kater von dem Winzling ab, der nun bereits größer als er selbst war, und stolzierte über den eckigen Baum. Er lauschte, wie das Wesen ihm donnernd folgte. Ständig knallte es mit seinem Kasten gegen die Wände und Möbel.

Für einen Augenblick blieb es an einer Teppichfalte hängen. Sofort keimten Hoffnungen in Minki auf. Er glaubte, dass sein Traum von Ruhe und Frieden wahrwerden könnte –

– und dann hatte es sich wieder befreit und setzte seine Verfolgungsjagd fort.

Nahm das denn kein Ende? Was wollte dieses Wesen nur von ihm? Die anderen Zweibeiner verfolgte es immerhin nicht so hartnäckig! Und warum gab es immer wieder so seltsame Geräusche von sich? Das war doch zum Fell raufen!

Das Wesen krachte wieder gegen den eckigen Baum auf dem Minki stand. Dieses Mal war es heftiger gewesen. Dieses Mal hatte es seinen Kopf auf diesen bunten Kasten mit den Rädern geknallt. Dieses Mal hielt es inne.

Und Minki tat es ihm gleich.

Es schniefte leise. Laute schlichen sich aus seinem Mund, der genauso zahnlos wirkte, wie der der ganz alten Zweibeiner. Die Hände waren zu kleinen Fäusten geballt. Die Beine endlich einmal still. Die Augen-

Da! Da war es schon wieder! Es waren nur zwei Laute, die es über die Lippen bekam. Aber sie ähnelten denen, mit denen ihn sein Retter rief so sehr, dass es dem Kater kurz die Sprache verschlug.

Er tapste näher und spitzte die Ohren.

Ja! Genau! Es versuchte, immer dasselbe zu äußern! Es versuchte, ihn bei seinem Namen zu rufen! Es versuchte, Minki zu sagen!

Ein nie zuvor gekanntes Gefühl machte sich in dem Kater breit. Er näherte sich dem Wesen. Beschnupperte den Kopf, den er vom eckigen Baum aus besser erreichen konnte als vom Boden. Dann leckte er einmal über das dünne helle Fell, das den Schopf bedeckte.

Das Wesen unterbrach seine Plapperversuche. Stattdessen zog es den Kopf ein und lachte. Es blickte ihn an. Streckte die Arme nach ihm aus. Rief Minkis Namen. Ruderte mit den Händen umher.

Und der Kater machte sich wieder von dannen.

Mehr Zuneigung hatte er für den Tag nicht übrig. Vielleicht später. Vielleicht, wenn er dem Wesen mehr vertraute und nicht mehr befürchten musste, im Mund des größeren Wesens zu landen.

Immerhin war es nun eine größere Gefahr als vorher.

Es konnte laufen.

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