M: Unter dem Regenschirm

Zitternd umschlungen Janes Arme ihren dünnen Leib. Der kühle Herbstregen durchnässte ihre Kleidung, sodass ihre Kleidung unangenehm an ihr haften blieb. Er ließ sie frösteln. Und er verbarg die Flecken, deren rostigen Farben in Merichavens Trostlosigkeit nicht aufzufallen vermochten.

Drei Blöcke entfernt erklang eine Polizeisirene.

Jane seufzte. Sie legte den Kopf in den Nacken und gab sich dem Regen hin. Sie wusste, was die Polizisten vorfinden würden. Sie wusste, warum sie diesen Horror in ihren Akten aufnehmen mussten. Und sie wusste, dass der Täter, dass sie es nicht gern getan hatte.

Der Tod war zu final. Gewiss hätte die Familie noch etwas anderes aus ihren Leben machen können. Aber sie hatten sich gegen Gemma gestellt. Sie hatten ihre Seite gewählt.

Deswegen hatten sie diesen schrecklichen Preis zahlen müssen. Vater, Mutter und ihre drei Kinder – sie sollten als Warnung dienen. Niemand durfte hierher kommen und Gemmas Regeln trotzen. Niemand konnte sich vor Gemma verbergen. Niemand konnte Gemma sein Territorium streitig machen.

Dafür war dieser zu herzlos.

Ein Auto fuhr an ihr vorbei. Die Scheinwerfer tauchten sie und den Bürgersteig in ein flüchtiges Licht, ehe sie sich wieder davonstahlen. Zurückblieben nur die schummrigen Schemen der Straße. Vereinzelte Fenster erleuchteten einige Abschnitte des Weges. Jedoch waren es nur trübe Ausblicke, die vor allem die vorbeiziehenden Regentropfen offenbarten.

Regentropfen, die glänzende Gitter in die Luft malten. Ob sie ganz Merichaven einsperren wollten?

Erschöpft schüttelte Jane sich. Sie war bereits viel zu spät dran. Gewiss würde ihr Vater wieder ihren Bruder dafür verantwortlich machen. Pardon. Ihren Halbbruder. Immerhin konnte ihr Vater den klugen Zottelkopf nicht ausstehen. Er würde ihn dafür verantwortlich machen, dass sie diesen einen Funken Reue zugelassen hatte.

Reue, die Jane nicht zustand.

Sie stimmte die Melodie ihres Kindermädchens an, um auf andere Gedanken zu kommen. Die Töne lenkten sie ab. Sie entspannten sie. Erst dann streckte Jane sich. Sie schüttelte etwas Wasser aus den Haaren. Ihr Doktor und seine Frau würden bestimmt schon auf sie warten. Hoffentlich hielt Dagmar wieder heißen Kakao bereit. Diesmal würde sie ihn dankend annehmen und-

Jane spürte seine Anwesenheit mehr, als dass sie ihn sah oder gar hörte. Er war eine ulkige Gestalt, die sich durch die Straße schob und die Häuserwände und Mülltonnen nach etwas abzusuchen schien. In der einen Hand hielt er einen Regenschirm. Die andere lag in seiner Jackentasche und schien etwas zu umklammern.

Arbeitete er für die Polizei?

Jane tastete nach ihrem Messer zwischen den Falten ihrer Jacke. Von ihrer Pistole hatte sie sich bereits trennen müssen, damit man sie nicht mit den neusten Mordfällen in Verbindung bringen konnte. Sie bereute, dass sie ihre Ersatzwaffe nicht mitgenommen hatte. Ob das ein Fehler gewesen war? Vorhin erschien es die bessere Option zu sein. Bestimmt wäre es auch so geblieben, wenn sie nicht so lange getrödelt hätte. Hatte sie sich zu viel Zeit gelassen? Aber so lange war es doch noch nicht her gewesen, dass sie die Polizeisirenen vernommen hatte, oder? Musste sie nun eigenhändig Schadensbegrenzung betreiben?

Der Kerl hielt inne. Selbst das trübe Licht reichte aus, um sein Stirnrunzeln zu erblicken.

Und es müsste auch für weitaus mehr ausreichen.

Ihre Hand klammerte sich fester um das verborgene Metall. Sie atmete gelassen ein. Das beruhigte ihre Nerven. Sie sperrte ihre Gedanken aus. Ließ sich einzig von ihrem Verstand, von ihrer Logik und den kühlen Fakten leiten. Sie musste-

Er schüttelte den Kopf. Wandte sich ab. Wandte sich ihr zu.

Und plötzlich war der Regen fort.

„Wenn du etwas nicht willst, warum tust du es dann?“

Sein trauriges Lächeln traf sie wie ein Schlag. Sie blinzelte. Verwirrung machte sich in ihr breit. Ihre Gelassenheit wollte verschwinden. Jane klammerte sich dennoch an ihr fest. Sie zerrte sie zurück. Presste die Klinge leicht gegen ihren kleinen Finger, um sich an die Schärfe des Messers zu entsinnen.

An die Schärfe, mit der auch sie funktionieren musste.

Sie prägte sich seine Züge ein. Bemerkte nun erst, dass er den Regenschirm über ihren Kopf hielt. Dass er nicht so wirkte, als ob-

Dann wurde ihr die Bedeutung der Worte bewusst.

Woher wollte er wissen, dass sie etwas gegen ihren Willen getan hatte? Er gehörte nicht zu Gemmas Leuten! Also musste er ein Polizist sein! Ja! Gewiss wollte er ihr drohen. Er wollte Jane warnen, dass er von ihren Verbrechen wusste. Dass er sie festnehmen wollte!

Es würde seine letzte Tat sein.

Ihre Hand packte das Messer in einem verkehrten Griff. Sollte er sich doch die Finger abschneiden, wenn er versuchen sollte, es ihr zu entreißen! Sie musste nur sichergehen, dass er sie nicht zuvor oder im Handgemenge erschießen konnte. Sie musste sichergehen, dass sie keine Spuren hinterließ. Sie musste sichergehen, dass sie diese Auseinandersetzung überleben würde!

Im Gegensatz zu ihm.

„Was soll das heißen?“, verlangte sie zu wissen, „Willst du mir irgendetwas vorwerfen? Hm? Und was? Worin mischst du dich ein, du halbe Portion?“, ihre Worte gewannen immer mehr an Fahrt, „Mach schon dein dämliches Maul auf und spuck die Sorgen deines schwachen Herzens aus, ehe ich sie dir herausreiße!“, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, fügte sie gedanklich hinzu.

Jane bemühte sich ihre Maske von Wut und Abscheu aufrechtzuerhalten, wenngleich die Gelassenheit wieder vollständig von ihr Besitz ergriffen hatte. Sie brauchte nur einen Augenblick. Einen Augenblick, in dem der Typ unaufmerksam wurde. In dem er zusammenzuckte. Oder in dem er irgendwie anders auf ihre Worte reagierte, damit sie ihn erledigen konnte und den Zirkus hinter sich lassen konnte!

„Ich weiß nur, was dein trauriges Gesicht mir sagt.“

Alle Entschlossenheit verließ Jane so plötzlich, dass sie den Fremden nur mit offenem Mund anstarren konnte. Sie beobachtete seine lächelnden Züge. Die Dunkelheit verschleierte das meiste, aber sie glaubte, Verständnis zu erblicken.

Jane fand keine Erwiderung für den Fremden, der mittlerweile ihre leere Hand um den Griff des Regenschirms legte. Sie ließ ihn einzig gewähren, weil sie ihn nicht mehr für gefährlich hielt. Oder weil sie ihn nicht mehr für gefährlich halten konnte? Wollte? Worin lagen die Unterschiede? Waren sie wichtig?

Und wollte er wahrhaftig ihre Mimik verstehen? Nein. Das war nicht möglich! Niemand konnte in ihr Herz sehen! Weder ihr Vater noch ihre Schwester oder Mona wussten, was in ihr vor sich ging. Immerhin trug sie bereits seit Jahren diese Maske der Gleichgültigkeit spazieren! Ja! Keiner konnte ihre Trauer oder Angst erblicken!

Keiner!

Keiner.

Keiner …

Oder doch?

„Behalt ihn“, seine Worte gingen zwischen ihren wirren Gedanken beinahe unter, als er sich in den Regen lehnte, „Wenn du trocken bist, fällt dir das Lächeln vielleicht leichter.“

Dann wandte er sich ab und lief wieder nachdenklich die Straße entlang. Ab und zu blickte er nach oben. Sie beobachtete, wie er in die dunklen Wolken starrte und sich weiterschleppte.

Beinahe so, als überraschte ihn das Nass.

Jane blickte auf den Griff des Regenschirms. Sie spürte ihr Messer in ihrer anderen Hand. Erst nun bemerkte sie, dass ihre Finger zitterten. Dass etwas Salziges ihre Wangen herabrann.

Dann wandte sie sich ab. Sie durfte nicht noch mehr Zeit verschwenden. Gewiss, würde der Ärger sonst noch größer ausfallen. Und gewiss hätte ihr Bruder das nicht verdient. Immerhin-

Sie blieb noch einmal stehen. Ihre Augen suchten die dunkle Straße ab. Sie war etwas enttäuscht, nicht so weit sehen zu können. Immerhin fühlte sich die Begegnung wie ein seltsamer Traum an. Ein Traum, der ihr einen Regenschirm in die Hand gedrückt hatte …

So einen ulkigen Typen konnte es gewiss nur einmal geben.

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