M: Aller Abschied ist schwer

„Jane… Bist du dir wirklich sicher?“, fragte Lisa sie leise und drückte dabei ihre Hand.

Die Jade erwiderte die Geste ohne zu ihrer Freundin zu sehen. Stattdessen galt ihr Blick den Straßen vor dem Café. Der graue November hatte bereits die Stadt in seine kühlen Klauen geschlossen und ihr Aufpasser vom Dienst fröstelte garantiert bei dem kühlen Wind. Doch störte sie das eher weniger. Er war einer der masochistischeren Mistkerle, die sie immerzu nervten. Und so einen wollte sie kaum bei sich wissen, wenn sie sich mit der einzigen Person unterhielt, der sie wahrhaftig alles anvertrauen konnte.

Seufzend wandte sie sich ab. Sah stattdessen zu dem Jungen herüber, den sie doch hätte bepaten sollen. Dieser kleine Charmeur mit den klaren blauen Augen, die er definitiv von seinem Vater hatte. Die noch nicht so kalt wirkten, wie die des Älteren. Die ihre Welt eher neugierig erkundeten. Den Keks musterten, den sich der Zweijährige vorsichtig in den Mund schob. Irritiert knabberte er daran herum, legte den Kopf schief.

„Mortes wird dich sicherlich ausfragen, wo ich bin. Er wird vermuten, dass du etwas weißt“, erklärte sie Lisa, die nur genervt die Augenbrauen hochzog.

„Wenn ich nur fünf Minuten nicht weiß, wo du bist, kannst du dir sicher sein, dass ich ihm die Jungs aufdrücke und dich suchen komme“

„Ja doch“, genervt, aber auch berührt strich Jane sich durchs Haar. Warum musste ihre Freundin es ihr nur so schwer machen, sie zu beschützen? Und warum konnte sie die junge Mutter nicht einfach wortlos zurücklassen?

„Im Norden stehen die Wahlen an und mit den Unruhen im Westen wäre es besser, wenn du erstmal keine Weltreise unternehmen würdest“, die Jade nickte den Worten nur zu. Sie drehte den Kopf weg, sah auf den Kinderwagen neben ihrer Freundin, auf das kleine Geschöpf darin, das selig schlief.

Lisas jüngster Sohn ließ sich von dem Gespräch nicht beirren. Ruhig schlummerte der Winzling in seinen Träumen und zuckte nur gelegentlich mit den Fingern seiner rechten Hand, die er aus seiner enganliegenden Decke befreit hatte.

„Wir würden eh nicht aus dem Land kommen, ohne dass er es mitbekommt“, lenkte sie missmutig ein, „Aber das ist nicht der Punkt, Lisa. Mortes mag dich beschützen können, aber er ist nicht allmächtig. Wenn ihr hierbleibt, müsst ihr euch loyal und schweigsam geben. Ihr müsst folgsam erscheinen. Vater wird euch sonst als mögliche Bedrohung betrachten. Er wird euch gegeneinander ausspielen. Er wird versuchen, eure Söhne mit in das Ganze hineinziehen. Und es wird ihm egal sein, was mit den beiden passiert. Nur die Resultate werden zählen. Selbst wenn Mona euch helfen würde, könnt ihr trotzdem-“

„Keine Sorge. Mit Gemma kommen wir klar“, etwas Sicheres hatte sich in Lisas Stimme geschlichen. Es war, als würde die Andere einen Plan im Kopf durchgehen. Einen, in dem ihr jedes Mittel Recht wäre, wenn es nur ihr aller Überleben sichern würde.

„Ihr müsst euch auch vor Nik in Acht nehmen. Er wird sich sicherlich hocharbeiten wollen und…“; Jane dachte an die Schatullen in dem extra Beutel in ihrer Tasche. An die Zettel, von denen sie behauptet hatte, sie alle vernichtet zu haben. An die Lüge, die sie ihrem Halbbruder aufgetischt hatte.

Sollte sie Lisa wirklich noch weiter mit in die Sache zerren? Die Frau musste sich doch um ihre Kinder kümmern. Sie half mehreren Organisationen der Stadt. Deckte immer wieder Missstände und Betrüge auf. War eine der besten Journalistinnen. Sie hatte viel zu viel um die Ohren!

Aber ob Jane wollte oder nicht, die Andere steckte auch schon viel zu tief mit drin. Lisa hatte ihr mit den Rätseln geholfen. Sie wusste von Gemma. Hatte Mortes geheiratet. Hatte selbst einen anderen Namen angenommen, um ihre Kinder und Eltern zu schützen! Ein Name, der erst nur als Spitzname gedacht war. Der sie nun bis in den Tod begleiten würde…

„Keine Sorge. Nik mag zwar klug und ziemlich gerissen sein, aber auch er ist nur ein Mann. Er kann nicht überall zugleich sein. Er hat keine richtigen Anhänger. Die einzigen, die je für ihn gearbeitet haben, wurden dafür bezahlt. Solche Menschen werden sich kaum auf einen Machtkampf mit Gemma und dessen Leute einlassen“, versuchte Lisa sie zu beruhigen.

Jane nickte sachte. Es war alles, was sie tun konnte. Egal, was sie vermutete, egal was sie befürchtete – es war nicht mehr ihr Kampf. Sie konnte nur noch dafür sorgen, dass ihrer Freundin nichts geschah. Dass ihre kleinen Söhne in Sicherheit aufwuchsen.

„Trotzdem solltest du etwas haben“, sie schielte nach draußen, zu ihrem Aufpasser, der sich gerade eine Zigarette anzündete. Ruhig zog sie den Beutel aus ihrer Tasche und schob ihn in den Kinderwagen, während sie gleichzeitig einen Zettel vorzog. Alles im toten Winkel von Wand und Tisch. Alles so fließend, dass es niemanden weiter auffiel. Niemanden, außer ihrer Freundin, die sich nichts anmerken ließ.

„Ich habe mit Dagmar geredet und sie hat eingewilligt, dir notfalls zur Hand zu gehen. Sei es nun mit babysitten oder bei deinen Nachforschungen“, ruhig schob sie den Zettel über den Tisch, „Sie hat auch ein paar Verbindungen zu Brooks ’n Coal und kann dir ein Schließfach besorgen, wenn du zu sensible Informationen hast. Sorg aber lieber dafür, dass du dann jederzeit ran kannst. Also nichts mit Schlüssel oder so“

Lisas Augen flogen zu dem Kinderwagen. Ihr Blick klärte sich auf, als wüsste sie, was Jane ihr anvertraut hatte. Als wüsste sie, wie gefährlich der Inhalt des Beutels war.

„Ist gut…“, sie nippte an ihrem Tee, schloss die Augen und eine Falte bildete sich auf der Stirn der Mutter, „Aber… ich bräuchte dich als Verwalterin, falls irgendetwas schief geht“

„Jederzeit“, willigte Jane erleichtert ein, als ihr klar wurde, dass sie sich in ihrer Freundin nicht getäuscht hatte.

„Du wirst meine Beiträge aus der Schülerzeitung nicht vergessen, oder?“

Die Jade schmunzelte. Sie dachte an das alte Klatschblatt zurück. An die einzigen zwei Ausgaben, in denen sich ihre Freundin beteiligen durfte, ehe sie sich mit den anderen Autoren verstritten hatte. Es waren monatliche Ausgaben gewesen, die thematisch geordnet waren. Deren Artikel sie lachend auseinandergenommen hatten.

Und wenn sie nicht freisprechen konnten, hatten sie sich auf deren Seiten- und Ausgabenangaben bezogen. Zweimal zwei Zahlen, die entweder ein Okay oder ein Hilferuf vermittelten. Deren Ursprung, deren Bedeutung niemand außer ihnen beiden kannte.

„Hey! Deinen sarkastischen Artikel über das Lehrerdasein könnte ich nie und nimmer ausblenden“, entgegnete Jane und stand auf.

Es wurde Zeit.

Sie zog ein paar Scheine aus der Tasche und ließ sie auf den Tisch fallen. Neugierig streckte der kleine Lucas die Hände danach aus. Dieses kleine Kind, das sie schon den ganzen Nachmittag an jemanden erinnerte. An jemanden, den sie noch kennenlernen müsste und-

Lisas Hand schloss sich um ihre.

„Muss es wirklich jetzt sein?“, fragte sie so leise, dass es nicht mehr als ein Windhauch war, „Kannst du nicht noch warten? Musst du wirklich jetzt schon gehen? Ich meine-“

„Ich bin schwanger“, offenbarte Jane ohne ihre Lippen zu bewegen den warmen Augen ihrer Freundin, „Ich will es nicht verlieren. Ich will nicht, dass Vater-“

Lisas Hand drückte sie noch einmal ganz leicht. Ihr Blick war plötzlich umso entschlossener, verständnisvoller – mitfühlender. Er versprach ihr Hilfe. Zuflucht. Rettung.

„Sei keine Fremde“

Damit ließ ihre Freundin sie los. Sie wusste, dass sie sich so schnell nicht wiedersehen würden. Jane würde noch innerhalb des nächsten Tages aus Merichaven verschwinden. Danach wäre jeglicher Kontakt nur über Mortes Anwesen außerhalb der Stadt oder über verschlüsselte Nachrichten möglich.

Verschlüsselte Nachrichten wie die Zahlenkombinationen, von denen sie gesprochen hatten. Auf die sie sich bereits vor so vielen Jahren festgelegt hatten. 13-7 für alles in Ordnung und 24-8 für die Welt geht unter.

Und nun alle vier zusammen: 13, 7, 24, 8 um an die Zettel und Schatullen zu gelangen, die offiziell nicht mehr existierten.

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