B: Ein nächtlicher Besucher I

Lachend öffnete Shiloh den Ofen, während Liane die Batterien aus dem schreienden Feuermelder riss. Sie hatten sich so sehr verquatscht, dass die Pizza eher den Bräunungsgrad von Holzkohle erreicht hatte.

„Davon“, ihre Freundin warf das Blech in die Spüle, „ess ich ni-“, das letzte Wort ging in einem Hustenanfall unter.

Eilig öffnete Liane die Fenster und wedelte mit einem Geschirrtuch herum: „Das ist mir noch nie passiert!“

Sonst hatte sie immer neben dem Ofen gewartet. Wieso auch nicht? Wenn ihr Vater da war, kochten sie eher. Und wenn sie allein war, gab es keinen Grund, die Küche zu verlassen.

„Echt?“, krächzend schüttete Shiloh sich etwas Limo in den Rachen, „Wurde mal Zeit!“

„Wurde Zeit?“

„Na, wann wolltest du sonst mal die Küche in die Luft jagen?“

Unwillkürlich zuckte Liane zusammen. Die Erinnerungen schlugen auf sie ein. Sie dachte wieder an den Abend zurück. An den fremden Mann. Wie er sie Lilith genannt hatte und ihr Haus-

„Das bekommt keiner mehr runter. Bestellen wir uns was? Dein Alter ist ja eh noch nicht zurück“, durchbrach ihre Freundin die lodernden Gedanken.

„Ja… Ja! Klar. Gern!“

Liane warf das Handtuch zur Seite und eilte nach nebenan, um ihr Telefon zu holen. Damit hätte sie eine Aufgabe. Dann könnte sie die Erinnerungen ausblenden. Ihr Tag war schon so lang genug gewesen – da konnte sie auf die verwirrenden Erinnerungen auch verzichten.

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Timothy – Die grüne Tinte …

Die ganze Nacht wachte ich neben dem schlafenden Pfarrer. Ich konnte nicht anders. Ich konnte nicht verstehen, wie Jane an ihrem Glauben gegenüber Gott festhalten konnte, wenn die Leute Gottes sie doch Tod sehen wollten! Womit hatte sie das verdient? Sie war nur ein Mädchen! Nur ein Mädch-

Genau wie Evangeline.

Ja. Evangeline und ich … wir waren auch nur Kinder gewesen. Und dennoch hatte man unsere Leben verlangt. Welcher Gott war so grausam? Welcher Gott war so-

Der Mann vor mir rührte sich. Schwerfällig setzte er sich auf und streckte die Arme in die Höhe. Seine Gelenke knackten leise. Er erhob sich gähnend. Seufzend. Schlürfte so orientierungslos durch seine Gemächer und-

Obwohl er mich nicht sah, zog er einen Bogen um mich? Ha! Wenn er nur die Augen aufreißen könnte! Wenn er mich sehen könnte! Wenn …

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M: Im Auge des Schützen II

Es dauerte fast zwei Stunden, ehe Jennifer ein Zimmer in einem Hotel fand. Ausgelaugt bezahlte sie die teure Kaution und brachte Ann zum zweiten Mal in dieser Nacht ins Bett – doch dauerte es diesmal nicht so lange.

Ihr Kind war am Ende ihrer Kräfte.

Seufzend rollte sich Jennifer wieder von der Matratze und schlich zum Fenster. Von dort aus starrte sie auf die schlafende Stadt.

Ihre Mutter hatte sie so abrupt rausgeworfen. Sie hatten nichts mitnehmen können. Weder Anns Lieblingspuppe noch ihre Jacken. Es war gewiss ein Wunder, dass die Frau ihrer Flocke ein paar Schuhe zugestanden hatte, ehe sie das Mädchen durch die Nacht gezerrt hatte!

Wie sollte es nur weitergehen?

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Minki und das Aufräumen

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

So lange hatte der Kater noch nie mit den Zweibeinern gespielt! Das gespannte Netz und die darüber geworfenen Tücher waren eine ulkige Idee gewesen. Eine, die nicht nur ihm zu gefallen schien. Denn obwohl sein Retter mehrmals flüchtete, so kam er stets lachend zurück.

Erst als die alte Zweibeinerin heimkehrte, fand der Spaß ein rasantes Ende.

Wütend kreischte sie herum. Sie deutete auf die Schnüre. Auf seinen Retter. Auf die kleine Zweibeinerin. Hielt Tücher hoch. Zeigte ihnen die Löcher darin. Krallenabdrücke, die beim Spielen hineingefunden hatten.

Minki jaulte kläglich auf.

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K: Prolog – Todeswunsch

© Medra Yawa

Der Regen fiel schwerfällig aus dem hellblauen Himmel. Nicht eine Wolke war zu sehen. Dennoch fanden die Tropfen kein Ende. Unentwegt rieselten sie herab und fluteten den Pfad mit schlammigen Pfützen.

Pfützen, die fast schwarz aussahen.

Nein. Nicht ganz. Eher … dunkler-

Bevor das Mädchen ihren Gedanken beenden konnte, stürzte sie. Eine Schlammschicht bedeckte ihr Kleid. Am liebsten wäre sie liegen geblieben. Warum war sie überhaupt gerannt? Sie wusste ja gar nicht, was sie zuerst durchnässt hatte. Der Regen oder ihr eigener Schweiß?

»Wo bist du? Steffen?«, schluchzte sie leise.

Die Kopfschmerzen durchfuhren sie wie ein Peitschenhieb. Da war eine riesige Tatze. Schreie. Blut!

Jemand war verletzt. Wer? Und wo? Was machte sie hier? Sollte sie Hilfe holen? War sie deswegen gerannt? Aber wohin?

Und wer war sie?

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