M: Im Auge des Schützen II

Es dauerte fast zwei Stunden, ehe Jennifer ein Zimmer in einem Hotel fand. Ausgelaugt bezahlte sie die teure Kaution und brachte Ann zum zweiten Mal in dieser Nacht ins Bett – doch dauerte es diesmal nicht so lange.

Ihr Kind war am Ende ihrer Kräfte.

Seufzend rollte sich Jennifer wieder von der Matratze und schlich zum Fenster. Von dort aus starrte sie auf die schlafende Stadt.

Ihre Mutter hatte sie so abrupt rausgeworfen. Sie hatten nichts mitnehmen können. Weder Anns Lieblingspuppe noch ihre Jacken. Es war gewiss ein Wunder, dass die Frau ihrer Flocke ein paar Schuhe zugestanden hatte, ehe sie das Mädchen durch die Nacht gezerrt hatte!

Wie sollte es nur weitergehen?

Verzweifelt blickte sie auf die schlafende Form ihrer Tochter. Ein Zittern erfasste Jennifers Körper. Die Verzweiflung überrollte sie so rasant, dass sie sich kaum zu atmen wusste! Erschrocken krallte sie ihre Finger in die Arme. Sie fokussierte sich auf den Schmerz. Sie hoffte, nicht zu laut zu sein – hoffte, nicht ihre Flocke zu wecken!

Ann hatte schon genug durchgemacht …

„So geht es nicht weiter … So nicht … So nicht …“, sprach sie in die Dunkelheit und lehnte sich gegen den Fensterrahmen.

Genau. Sie musste ihr Leben umkrempeln. Marius … Sie liebte ihn nicht mehr. Warum sollte sie sich also durch das Leid seiner Seitensprünge quälen? Nein! So konnte es nicht weitergehen! Sie brauchte ihr eigenes Leben! Sie musste sich lossagen! Sie musste-

Sie war auf das Geld eines Fremden angewiesen …

Frustriert schloss sie die Augen.

Ja. Sie besaß kein eigenes Geld. Kein eigenes Konto. Sie hatte ja nicht mal eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen! Wenn sie Marius den Rücken kehren wollte … Sie bräuchte Rücklagen. Sie bräuchte Sicherheiten. Sie musste selbstständig sein!

Wie sonst sollte sie weiterhin für Ann sor…

Ihre Tochter schniefte im Schlaf und besorgt schaute Jennifer nach ihr.

Nach ihrer kleinen Flocke … Sie liebte ihr Mädchen über alles. Aber … Ann vergötterte Marius. Und Marius hatte ein stabiles Einkommen. Ihre Wohnung lief über seinen Namen. Er bezahlte Anns Schulgebühren. Ohne ihn …

Ann würde ohne ihn nur leiden. Aber …

Wenn es auf eine Scheidung hinauslief, würde Jennifer ihre Tochter nie wiedersehen. Ihre Flocke würde eine Stiefmutter bekommen. Wahrscheinlich sogar die Affäre, die Marius selbst in ihrem Streit noch geleugnet hatte!

Wie konnte er nur?!

Sie sackte auf dem Boden zusammen. Ihr Blick blieb dabei auf das einzige Bett gerichtet. Auf ihre Ann. Jennifer wusste, dass sie ihre eigene Ehe nicht länger ertragen konnte. Sie hatte all ihr Vertrauen in Marius verloren. Sie hatte keine Liebe mehr für den Mann übrig. Seine Lügen waren ihr zuwider!

Allerdings liebte sie ihre Tochter. Und die Gewissheit ihre kleine Flocke an diesen Mann zu verlieren … es zerbrach sie! Am liebsten wollte sie mit dem Mädchen fortlaufen, nur … Es wäre nicht richtig, oder?

Ann hatte ein Recht auf ihre Bildung. Nur so könnte sie eines Tages selbstständig sein … Sie hatte ein Recht auf ihren Vater. Sie … Jennifer durfte ihr das nicht nehmen. Sonst …

Sie wäre sonst nicht besser als ihre eigene Mutter …

„Wärst du ohne mich … besser dran?“, flüsterte sie in die Richtung des Bettes.

Sie erwartete keine Antwort. Die Worte mussten einfach nur raus. Unerhört. Aber dennoch gesprochen.

Erschöpft kämpfte Jennifer sich hoch. Sie kritzelte das Wort Spaziergang auf einen Zettel am Tisch und ließ den Ersatzschlüssel darauf liegen. Dann schnappte sie sich ihren und schlich sich nach draußen.

Ann würde nach dem Aufstehen ihre Puppe vermissen. Dieses alte Ding, dass ihr seit der Krippe Geborgenheit schenkte. Diese würden sie zwar nicht von Jennifers Mutter zurückbekommen, aber in Centy hatten einige Tankstellen und Geschäfte auch nachts offen. Sie könnte ihrer Flocke also eine neue besorgen. Das wäre das Mindeste …

Das Mindeste …

Nach einer Viertelstunde fand sie ein leuchtendes Schild, das ihr den Weg zu einer Tankstelle wies. Mit hängendem Kopf schleppte sie sich in die Spielzeugabteilung und besorgte eine Stoffpuppe, etwas Haarschmuck und Kleber. Wenn sie es richtig anstellte, könnte sie damit die andere Puppe nachstellen. Dann könnte sich Ann hoffentlich leichter mit dem neuen Spielzeug anfreunden und würde ihre eigentliche Puppe nicht mehr so doll vermissen. Jennifer müsste nur-

Als sie aus der Tankstelle trat, erstarrte sie. Auf der Bank der Bushaltestelle gegenüber saß der Fremde. Der mit der Sonnenbrille! Sein Kopf ruhte auf seinen Händen und wirkte schlaff. Als würde er schlafen. Aber … das konnte doch nicht sein! Oder?

Stumm setzte sie sich neben ihm. Sie betrachtete seine ruhende Form. Sein Atem ging so leise. So … entspannt? Dabei befand er sich doch unter freiem Himmel! Hatte er keine Angst, überfallen zu werden?

Sie sah auf ihre Uhr. Halb zwei. Ann würde sicher noch schlummern. Nach dem Stress wäre es ein Wunder, wenn ihre Flocke vor der Sonne aufwachen würde! Nur wollte Jennifer bis dahin gerne die neue Puppe fertig haben. Eigentlich hatte sie sich im Hotel daran setzen wollen. Doch was wäre, wenn sie dabei das Kind versehentlich weckte?

Zögerlich begann sie, die Perlen und Plastikschmetterlinge vom Haarschmuck zu lösen, um die Puppe zu verschönern. Sie arbeitete im flackernden Licht der Laterne. Es tat gut, etwas zu tun zu haben. Etwas für ihr Kind zu machen.

Ihr Kind, das sie wahrscheinlich eh verlier-

Ein Zittern suchte Jennifers Hände heim und klirrend fiel die Murmel auf den Boden. Sie rollte gegen den Koffer des Fremden. Seine Brauen zuckten zusammen. Dann neigte er den Kopf in ihre Richtung.

„Verzeihung. Ich wollte Sie nicht- Ich meine- ich-“, stotternd suchte sie nach den richtigen Worten und fand nur Satzfetzen.

„Schon gut“, er reichte ihr die Murmel, „Ich habe eh zu lange geschlafen.“

Zu lange? War das ein Witz?

„Auf … einer Wartebank?“

Er zuckte mit den Schultern: „Ich bin nicht von hier. Mein Übernachtungsgeld war der Preis meiner scharfen Zunge“, er hielt inne, „Keine Sorge. Die Bänke hier sind sogar etwas bequem. Ganz anders als in Merichaven.“

Jennifer sah beschämt beiseite. Sie betrachtete die Puppe auf ihrem Schoss. Dieses dürre Spielzeug für das sie gewiss ein größeres Zimmer bekommen hätte. Dann hätte der Mann nicht hier draußen ausharren müssen. Er …

Nur weil sie mittellos war, fehlte ihm heute Nacht ein Bett!

„Dennoch: Verzeihung. Das hier … es ist meine Schuld, oder?“

Er nahm seine Sonnenbrille ab, um sie zu putzen. Es überraschte sie, dass sein Gesicht so normal darunter aussah. Sie hätte irgendeinen Makel erwartet. Irgendetwas, das die getönten Scheiben erklärt hätte!

„Schuld ist relativ“, erwiderte er nonchalant, „Doch eine Großmutter, die ihre eigene Enkelin misshandelt oder ihre Tochter auf offener Straße in Grund und Boden schreit?“

Die Art, wie er seine Sonnenbrille wieder aufsetzte, wirkte so starr. Eine Regung hatte sich in seine Mimik geschlichen. Eine Härte, die sie seiner so sanften Stimme nicht angemerkt hätte.

Jennifer blickte auf die Puppe zurück.

„Danke … Wirklich … Wenn ich mich irgendwie revanchieren kann … Lassen Sie es mich wissen, ja?“, flüsterte sie und drehte den Kleber zu.

Mit der Puppe wäre sie eh fertig. Die letzten Zopfgummis würde sie so lassen. Dann könnte Ann sie im Partnerlook mit dem Spielzeug tragen. Ja. Das würde ihrer Flocke gewiss gefallen! Sie hoffte es so inständig …

„Hm …“

Etwas in seiner Stimmlage klang nicht so, als würde er sie für voll nehmen, also riss Jennifer den Kopf hoch. Sie musste dem Fremden klarmachen, dass sie es ernst meinte! Er sollte verstehen, dass sie seine Hilfe nicht wie Almosen annehmen würde!

„Ich weiß, dass ich derzeit nicht viel habe. Aber wenn du irgendetwas brauchst, egal was, lass es mich bitte wissen. Dass bin ich dir schuldig, ja?“, erklärte sie ihm erneut und ließ alle Höflichkeiten fallen.

Sie starrte auf ihre Reflektion in seiner Brille. Sture Augen. Ob seine genauso stur dahinter waren? Wo kam ihre überhaupt Sturheit her? Sie war doch gegenüber Marius immer so unterwürfig gewesen …?

„Meinetwegen“, lenkte der Fremde plötzlich ein und starrte auf die Straße, „Nach wem darf ich suchen, wenn ich dich finden möchte?“

Er klang amüsiert. Jedoch nicht von oben herab. Nein. Es wirkte beinahe so, als freute er sich auf ein Wiedersehen.

Auf ein Wiedersehen mit ihr?

„Ich … Ich heiße Jennifer. Jennifer Todd“, stellte sie sich mit ihrem Mädchennamen vor, „Zumindest … sehr bald …“

Er nickte, als hätte er ihre Antwort erwartet.

„Dort wo ich herkomme, bringen Eheleute ihre Partner um“, flüsterte er.

Jennifer zuckte zusammen. Stimmt. Er hatte ja von Merichaven erzählt und … sie wusste, dass es kein friedlicher Ort war. Allerdings hatte sie immer gedacht, dass die Leute nur übertrieben. Wie schlimm konnte die Großstadt schon sein? Bestimmt gab es auch viele Gerüchte über Centy!

„Nein … Das könnte meine Tochter nicht ertragen. Ich … Ich will nicht, dass sie noch mehr leidet. Sie ist noch so klein …“, gestand sie dem Fremden.

Wieder nickte er so gelassen.

„Familienstress ist nie leicht für ein Kind. Du solltest lieber zu ihr zurück. Sie wird dich brauchen. Und … Die Puppe ist doch für sie, oder?“, er nickte auf das Spielzeug.

Ja. Die Puppe war für Ann. Nur … Irgendwie sorgte sich Jennifer plötzlich, dass sie ihrem Kind nichts weiter bieten könnte.

Ihre kleine Flocke … Sie hatte so viel mehr verdient …

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