B: Der Talisman

Der Brief begleitete sie tagein, tagaus: Zum Schlafen legte sie ihn unters Kopfkissen. In der Schule steckte er in ihrer Hosentasche. Beim Duschen lag er direkt auf ihren Wechselsachen. Nach wenigen Tagen hatte sie ihn schon so oft gefaltet, dass er an den Kanten auseinanderfiel! Aber da sich jedes Zeichen davon bereits in ihren Kopf gebrannt hatte, scheute sie sich nicht, ihn auch durch das Laminiergerät zu schieben.

So war es sicherer. Nur so konnte niemand versehentlich über den Inhalt stolpern. Weder ein Klassenkamerad …

… noch ihr Vater.

„Wann willst du eigentlich mit Oli reden?“, riss Shiloh sie aus ihren Gedanken und überrascht erkannte Liane, wer direkt vor ihnen zur Schule lief.

„Ich … Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, gestand sie leise und drosselte sofort das Tempo.

Wieso lief ihr der Junge auch überall über den Weg?!

Oder kam es ihr nur so vor?

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Timothy – Zusammen allein …

Ich fand ihn im Dorf wieder. In demselben Dorf, in dem ich Jane zurückgelassen hatte. In demselben Dorf, dessen Straßen dieselben Wege entlangliefen. In demselben Dorf, das nun dennoch so anders aussah …

Wo kamen die ganzen neuen Häuser her? Warum wirkte die Kirche so alt und schäbig? Auch die Gehwege erschienen mir so … stabil?

Unschlüssig betrachtete ich den Marktplatz von den umliegenden Dächern. So viele Leute tummelten sich da unten herum. Dazu noch all diese Stände! Komisch. Woher kamen die ganzen Waren? Die Hälfte davon wusste ich nicht einmal zu benennen!

Der Junge schlich sich durch die Menge. Immer wieder fielen seine hungrigen Augen auf die Lebensmittel. Jedoch blieb er nicht stehen. Wer stehen blieb, wurde von den Verkäufern eindringlich gemustert. Das würde-

Flink schnappte er sich einen Apfel und ließ ihn in den Falten seiner zu großen Kleidung verschwinden. Direkt zu dem Brötchen, das er zuvor ergaunert hatte.

Wieder hatte niemand ihn bemerkt.

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M: Ich kann das schon allein!

„Danke, dass Sie ihn gefunden haben. Es kommt nicht wieder vor“, beschwichtigte Sophie die Erzieherin, dessen Kopf den Farbton einer Tomate angenommen hatte.

„Das hoffe ich auch! Ich musste das ganze Gelände nach ihm absuchen!“, schrie diese immer noch erbost.

So erbost, dass Tyler sich weiter hinter seine ältere Schwester schob.

„Und dafür danke ich Ihn-“

„Dank, dank, dank!“, wiederholte die Erzieherin verächtlich, „Du kannst eurer Mutter ausrichten, dass der Betreuungsvertrag so nicht aufrecht erhalten werden kann! Kinder in dem Alter müssen sich beneh-“

Etwas in Sophie verkrampfte sich. Entschlossen drückte sie den Rücken durch. Sie starrte die Erwachsene eindringlich an. Dachte an das Häufchen Elend, das ihr Bruder war.

„Bei allem Respekt – ist es nicht Ihre Aufgabe auf die Kinder aufzupassen? Wie können Sie Tyler einen Vorwurf machen, wenn Sie es doch waren, die Ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt hat?“

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Minki und der Abschied

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Auch wenn eine Katze sieben oder gar neun Leben haben soll, so lebt sie dennoch nur ein einziges. Dieses eine ist nicht einmal besonders lang. Im Durchschnitt kommt es vielleicht auf 15 Menschenjahre. Plus/Minus.

Minkis erreichte sogar stolze 17 Jahre, ehe sein Körper eine Pause brauchte.

Der Kater spürte, dass er nicht mehr lange hatte. Von Tag zu Tag wurde er schläfriger. Er schmiegte sich immer häufiger an seinen Retter. Ärgerte dessen Frau weniger. Verzieh der kleinen Zweibeinerin ihre Lappalien öfter.

Alte Fehden erschienen ihm plötzlich so unwichtig.

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K: Affinitätenwandel II

Als die Dunkelheit endlich von ihr abfiel, befand sich Cindy Lucy in ihrem Zimmer. Hier hatte sie den Großteil ihrer Kindheit verbracht. Der Raum war ihr so vertraut wie ihre eigenen Hände. Sie hatte hier ein riesiges Bett, gewaltige Schränke, hohe Decken, viel Platz um sich zu bewegen, zu tanzen, zu trainieren …

Und dennoch erschien ihr nun alles kleiner. Beengter. Erstickender.

Wie ein Käfig.

Zitternd streckte sie die Hand nach der Zimmerdecke aus. Diese Decke, die mit einem strahlenden Himmel bemalt war. Ein Himmel, der dem echten keine Konkurrenz machte. Der viel zu platt wirkte. Viel zu hohl. Er war nicht richtig. Nicht echt.

Nichts fühlte sich mehr echt an!

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