M: Düstere Vermutungen

Ms. Flatfink liebte Geschichte. Seitdem sie zum ersten Mal die Friedenstaube gelesen hatte, ein Schriftstück, das ihr Land mit seinen Ansichten und Weisheiten in eine Demokratie formte, schlug ihr Herz für die Historie. Bereits als Grundschülerin konnte sie sich in den alten Texten verlieren und lernte sogar, die damaligen Handschriften einwandfrei zu lesen. Alles für die vergessenen Wünsche und Ansichten, die ihr Land prägten. Es war wundervoll von all diesen Schicksalen zu erfahren. Wie sie zueinander führten. Wie sie einander berührten. Wie sie sich verwebten. Es war geradezu wie ein Zauber, der ihre Gedanken umwob!

Ein Zauber, den sie an ihre Schüler weitergeben wollte.

Doch ihre derzeitigen Klassen zeigten leider nur wenig Interesse an der Vergangenheit: Zwei Mädchen kicherten in der hintersten Reihe miteinander, während sie sich Nachrichten schrieben. Ein weiteres schaute nur verträumt aus dem Fenster. Der Junge in der Mitte war auf seiner Federtasche eingeschlafen. Ein weiteres Kind spielte geistesabwesend mit einem Bleistift und noch eines hatte sich hinter einem umgedrehten Mathebuch versteckt.

„Es ist anzunehmen, dass Jones Kirk ermordet wurde“, beendete sie gerade die Erklärung zum Untergang ihrer einstigen Diktatur, „Jedoch wurde der Täter nie gefunden. Niemand weiß ob er dem Ruhm o-“

„Er oder sie“, unterbrach eine gelangweilte Stimme.

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Minki und das Vogelhaus II

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Sie kamen noch am selben Tag.

Zuerst war nur ein leises Tack-tack zu hören. Dann ein Flattern, gefolgt von einem hohen Zwitschern. Ein weiteres Zwitschern folgte. Noch mehr Tack-tacks. Immer mehr!

Die Angst umklammerte Minkis Herz.

Vorsichtig schlich er sich zur Balkontür herüber. Dort konnte er sie sehen. Die Federviecher! Zwitschernd hackten sie auf die falschen Leckerbissen im kleinen Häuschen ein. Sie verwandelten seinen geliebten Sonnenfleck in einen Ort des Grauens mit ihrer Anwesenheit!

Schaudernd legte der Kater die Ohren an.

Er musste etwas tun. Er musste diese Viecher wieder loswerden. Das waren Bestien! Ungeheuer! Peckende, aggressive Mistfliegen!

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K: Affinitätenwandel I

Cindy Lucy war fünf, als ihre Großmutter sie das erste Mal an die Oberfläche führte. Zuvor war die Welt über ihr nur ein Mythos gewesen. Eine weitere Etage in einem Anwesen, das sich fast gänzlich unter der Erde versteckte. Dass der Himmel nicht nur ein Bild an einer Zimmerdecke war, war ihr nie in den Sinn gekommen.

Bis sie hoch gebracht wurde, um das erste Mal reine Luft zu berühren. Ein Macian brauchte diese Berührung, wurde ihr gesagt. Damit sie den Wind spürten. Damit sie ihn bändigen konnten. Damit sie seine Wildheit verstanden.

Begeistert drehte Cindy sich im Kreis.

„Die Sonne ist so warm“, verlor sie ihre Worte in die Welt – denn heute echoten sie nicht zurück.

Es wirkte so weit. So … offen.

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Der Abschied

>Wieso bin ich hier?<

Inmitten von Ruinen,
beschattet von Toxinen,
Von des Meeres Gier,
Festgekettet wie ein Tier.

>Wieso kann ich nicht weg?<

Er gibt kein Elixier.
Nur dieses scharfe Rapier.
Es ist neu im Gepäck
Und erfüllt einen quälenden Zweck.

>Wieso kommen keine Tränen?<

Im Schrecken steck‘
Ich fest an diesem Fleck.
Ich möchte mich grämen,
Will es nicht annehmen!

>Wieso?!<

Wie Hyänen mit blitzenden Zähnen
Scheint das Meer sich auszudehnen.
Es wirkt beinah‘ froh!
Aufdringlich sowieso …

>…<

Es hatte den Nebel bemerkt.
Es hatte ihn nicht abgewehrt.
Hatte das Meer ihn verehrt?
Hatte es ihn gar begehrt?
Ihn hergezerrt?
Ihn ernährt?!

>Ich vermisse dich …<

Des Leuchtturms Licht
Erhellt keine Sicht.
Es sticht mir schlicht
– nimmermehr –
Ins verweinte Gesicht.

In Liebe und ewiger Trauer für meinen Großvater
~17.10.1934 – 09.08.2022
Medra

B: Hervorbrechende Erinnerungen

Es war bereits nach drei Uhr morgens, als Liane die Geräusche von unten vernahm: Klimpern. Leises Poltern. Schritte.

Vorsichtig setzte sie sich in ihrem Bett auf und blickte zu Shiloh herüber. Eigentlich hatte ihre Freundin erst nach Liane einschlafen wollen. Als sie jedoch nur noch gähnen konnte, hatten sie sich gemeinsam ins Bett gelegt.

Sofort war das andere Mädchen im Land der Träume versunken.

Knirschen.

Entschlossen stand Liane auf und entriegelte ihre Zimmertür. Sie musste schnell hindurch schlüpfen, damit das Licht von nebenan Shiloh nicht wecken würde. Und noch schneller musste sie die Tür wieder schließen, ehe ihr Vater bemerkte, dass sie Besuch hatten.

Eines nach dem anderen.

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