
Chem Wak wartete ungeduldig auf der Polizeistation. Er war allein gekommen. Ohne seinen Fahrer. Deswegen hatte er auch ein normales Taxi nutzen müssen. Eines, das gestunken hatte. Eines, das die ganze Fahrt über geklappert und gezischt hatte. Eines, in dem der Fahrer kein Wechselgeld gehabt haben wollte!
Er verabscheute es.
Aber noch mehr verabscheute er es, wenn er sich irrte. Seit Freitagabend hatte er nun schon diese schwankenden Visionen über die Zukunft. Er hatte geglaubt, dass sie erst zum nächsten Wochenende von Relevanz wären. Weil die Zeitung in seiner Vision vom darauffolgenden Sonntag war. Weil sie von einer ruhigen Gegend handelten. Weil es Lilith ja gut gehen sollte.
Dann hatte er am Morgen einen Anruf von seinem Fahrer bekommen. Dass dieser lieber noch auf Oli, Lilith und deren Freundin Shiloh warten wolle. Sie wären gemeinsam in einem Park unterwegs.
In demselben, der auf der Titelseite der nächsten Sonntagsausgabe abgebildet gewesen war.
Plötzlich war Chem Wak klargeworden, dass diese Zeitung ja nur jeden Sonntag rauskam. Dass die Eltern dieser Shiloh bei dieser arbeiteten. Mr. und Mrs. Dunn. Die Eltern des noch-nicht-toten Mädchens, das nun mit Lilith dort war. Dass diese Zeitung daher wichtiger sein musste, als er vermutete.
Also hatte er seinen Geist in die Zukunft geschickt. Er hatte sich nur einen kurzen Sprung erlaubt. Um die Zeitung wahrhaftig zu lesen. Um sich jedes Wort auf dem Papier einzuprägen. Um die Verbindungen zu suchen. Dann hatte er Mr. Brume angewiesen, die Kinder wieder ins Auto zu bekommen. Er hatte ihm verboten, diese anzurufen. War persönlich zu dieser Polizeistelle geeilt …
„Mr. Belial. Es tut mir leid, dass sie warten mussten. Sonntags ist nicht viel-“
„Wir haben keine Zeit für große Reden“, erklärte er dem Mann, der ihm gerade lächelnd eine Hand entgegenstreckte, „Ich brauche Ihre Unterstützung. Jetzt.“
„Jetzt?“, der Mann zog eine Augenbraue hoch und ließ die Hand unschlüssig wieder fallen, „Verzeihung, der Polizeipräsident ist nicht im Dienst und-“
„Sagt Ihnen die Kirche der alten Schule etwas?“, fragte er den Mann harsch.
Die Art, wie sich seine Augen verengten, offenbarte Chem Wak alles. Wahrscheinlich waren er und seine Kollegen von diesen Leuten gekauft worden. Wie sonst sollte er das aufsteigende Schamgefühl verstehen? Zumal die Zeitung von mehreren Menschenopfern berichtet hatte, die die Polizei nicht verfolgen würde?! Dabei brauchte Chem Wak in dieser Welt dämliche Exekutive, damit sie ihre verdammte Arbeit tat. Damit er sich nicht um Lilith sorgen musste …
Ohne darüber nachzudenken, zückte er sein Scheckbuch: „Wie groß muss die Spende sein, um die komplette Polizeiwache zu modernisieren?“
„Ich wüsste nicht-“
„Dreißig Millionen? Nein. Ist noch etwas wenig, oder? Eher fünfzig?“
Der Polizist riss die Augen so weit auf, dass Chem Wak glaubte, die Augäpfel kämen ihm gleich entgegen: „Bei allem Respekt. Wir sind eine staatliche Institution. Das hier ist nicht Merichaven. Wir sind nicht käuflich. Wir-“
„Ihr wart es für die Kirche der alten Schule, oder?“, Chem Wak unterschrieb den Scheck ohne einen Wert einzutragen, „Verfünffachen Sie einfach, was Sie von den Leuten bekommen haben. Und dann sammeln Sie Ihre Männer und Frauen und Hunde und wegen meiner noch Pferde – und Sie fahren zum See der Tränen und kümmern sich um die Meute. JETZT!“
„Mr. Belial, ich glaube nicht-“
„Lassen Sie es, Mr. Swan“, bemerkte Chem Wak, als er den Namen des Mannes von dessen Schildchen ablas, „Unter diesen Leuten befindet sich derzeit jemand, der mir mehr als mein eigenes Leben bedeutet. Wenn ihr etwas geschieht, weil Sie oder Ihre Leute zögern oder sie gar anrühren, werde ich alles, was Ihnen auch nur im Entferntesten etwas bedeutet, zerquetschen. Also: Nehmen Sie die Beine in die Hand und machen sie ihren Job!“
Endlich kam Bewegung in den Mann. Er steckte sich den Scheck in die Brusttasche. Eilte umher. Forderte Kollegen an. Kollegen, die sich zweimal eine Bestätigung der Adresse wünschten, ehe sie endlich aufbrachen!
„Mr. Belial. Diese Person … Wie sieht sie aus?“, fragte Mr. Swan, als er im Begriff war, aufzubrechen.
„Was soll das? Wollen Sie den Rest dort etwa verrotten lassen?“, hinterfragte Chem Wak scharf.
„Nein. Ich wollte nur-“, er stockte, „Ich würde sie ungern versehentlich wie eine der Gläubigen behandeln wollen, verstehen Sie?“
Chem Wak zögerte einen Moment. Dann deutete er zu den Polizeiwagen hinüber: „Nehmen Sie mich mit und ich beschreibe sie Ihnen unterwegs. Sie … Sie weiß es nicht, aber sie ist wie meine Schwester. Und ich kann sie nicht verlieren, verstanden?“
Wenige Minuten später bereute er seine Worte bereits. Nicht, weil er den Polizisten eingeweiht hatte. Es war eher wegen dessen Fahrstils. Der Taxifahrer war schon alles andere als herzlich über den Asphalt gerattert. Aber der Polizist? Der war ein gänzlich anderes Kaliber! Die halbe Fahrt waren sie mit dieser grässlichen Sirene unterwegs und nahmen dabei mehrere Bordsteine mit. Als sie sich dann endlich dem Park des Sees näherten, schaltete der Uniformierte zwar die Ohrenpein aus – doch führte er stattdessen das Auto über Wiesen und Gehwege, um nicht um die geparkten Autos herum zu lenken.
Als ob die ganzen Bäume so viel besser waren …
Sie kamen neben der Limo seines eigentlichen Fahrers zum Stehen. Einem Fahrzeug, zu dem Chem Wak den Polizisten gelotst hatte, weil dort ein Mädchen stand. Ein Mädchen, das von einer Polizistin verhört wurde. Ein Mädchen, dessen Foto Chem Wak aus der Zeitung kannte.
In seiner Vision war sie im See ertrunken.
„Was sagt deine Zeugin?“, erkundigte sich Mr. Swan und musterte erst das Mädchen und dann Chem Wak – als glaubte er, dass das bereits seine sogenannte Schwester sein könnte!
„Sie ist mit ihren Freunden Oliver und Liane zu der Kirche, um ihrer Klassenkameradin zu helfen. Dann hat Olivers Vater sie dort weggeholt und angewiesen, dass sie hier auf uns warten solle, um uns zu informieren.“
Das Mädchen schüttelte hastig den Kopf: „Relevante Infos zuerst! Etwa sechzig Verrückte sind dahinten und sie wollen ein Menschenopfer durchziehen. Warum steht ihr hier also rum und dreht Däumchen?!“
Chem Wak war beinahe beeindruckt, wie sehr das Mädchen die Polizisten zurechtwies. Sie schien absolut keine Geduld mit Dummköpfen zu haben.
Genauso, wie ihre Eltern in ihrem Nachruf geschrieben hatten..
„Bitte machen Sie sich keine Sorgen. Wir werden sofort eingreifen. Wir-“
„Mr. Belial!“, unterbrach Mr. Brume plötzlich, als er aus dem Wald auf sie zugeeilt kam. Er trug ein Mädchen über seinen Rücken. Nicht Lilith. Das war ein anderes. Ein Fremdes. Diese Tina Tinte, die auch in der Zeitung erwähnt worden war? Die sonst von der Meute im See versenkt worden wäre?
„Mr. Brume. Wo sind die anderen beiden?“, fragte er, ohne das Kind weiter zu beachten, dass die Polizistin erschrocken vom Rücken seines Fahrers pflückte.
„Sie wurde von ihrem Vater in den Bauch geschlagen und ist noch bewusstlos“, erklärte dieser zügig der Polizistin, ehe er sich an Chem Wak wandte und die Stimme senkte, „Sie lenkt den Prediger ab. Oliver wollte unbedingt bei ihr bleiben, aber … Sie sprechen davon Eure Schwester zu opfern, Mr. Belial.“
Etwas in ihm zerbrach. Er hörte kaum, wie das andere Mädchen ihn fragte, was das zu bedeuten hätte. Wie er Lianes Bruder sein wollte. Warum diese es nicht wisse. Ob er sich nicht irre.
Doch Chem Wak konnte nur an Lilith denken. Er erinnerte sich an das Versprechen, das er ihr gegeben hatte. An den Schwur, den er seinem einzigen Freund zugestanden hatte. An die Worte, die er doch halten musste!
Und wie sehr sein Freund den Verstand verloren hatte, wenn Lilith auch nur schief angesehen wurde.
„Wenn ihr etwas passiert, sind wir alle tot …“
