M: Die Rückkehr I

Angeline blieb unschlüssig vor ihrem Elternhaus stehen. Ihr Blick glitt über die verschlossenen Türen und Fenster. Dabei lauschte sie nach bekannten Stimmen. Nach einem Rufen aus dem Garten. Nach Tylers Lachen. Doch außer einem weit entfernten Bellen war nichts zu hören.

Nachdenklich zog sie ihren Hausschlüssel aus der Schultasche. Sie wusste nicht, ob ihre Mom sicherheitshalber die Schlösser ausgetauscht hatte. Sie hoffte nur inständig, dass sie notfalls immer noch den Ersatzschlüssel in der kleinen Box unter dem Küchenfenstersims finden würde. Sie wollte nicht zu lange vor dem Haus warten.

Nicht, solange sie ihr Versprechen noch nicht erfüllt hatte …

Mit pochendem Herzen schob Angeline das Metall in die Tür und atmete erleichtert auf, als es sich umdrehen ließ. Dabei bemerkte sie, dass ihr Arm zitterte. Eilig rieb sie mit ihrer freien Hand darüber und eilte hinein, ehe sie die Tür zuschlug.

Ein klägliches Mauzen empfing sie.

„Hey, Meowy“, zwang sie angespannt hervor, „Wieder ganz ausgehungert?“

Der Kater schwieg. Sie hörte, wie er die Luft durch die Nüstern einsog. Dann änderte er sein Jaulen. Klang aufgeregter. Beinahe begrüßend.

„Ja, ich habe dich auch vermisst“, lachte Angeline aus, als das Tier nachdrücklich mit ihren Beinen schmuste, „Aber ich kann noch nicht mit dir kuscheln. Ich muss etwas vorbereiten. Für Tyler. Kommst du mit?“

Eilig begleitete der Kater sie in die Küche, um ihr seinen leeren Napf zu präsentieren. Also gab sie ihm einige Leckerlie als Entschuldigung und als Meowy bemerkte, dass er nicht mehr bekommen würde, setzte er sich beleidigt vor die Tür nach draußen. Er kratzte daran. Jaulte erneut kläglich auf. Bis sie ihn endlich in den Garten traben ließ.

Und die Stille das Haus einnahm.

Angeline erschauderte. Sie lauschte dem Ticken der Uhren. Ein Ticken, das ihr einst so normal erschienen war. Das es in Merichaven nicht gegeben hatte, weil die Uhren alle elektronisch gewesen waren. Das nun durch ihren Kopf zu dröhnen schien.

Sie atmete angespannt durch. Schüttelte sich. Trat an das Küchenfenster. Öffnete es, um wenigstens ein paar andere Geräusche hineinzulassen. Das Bellen von vorhin. Bemerkte dann jemanden hinter den Hecken …

War das Johnny? Ja. Der Zigarettenverkäufer stand schon seit Jahren da. Immer mit Blick auf ihr Haus. Wieso war es ihr nie aufgefallen? Wieso hatte sie sich nie darum gesorgt? Nicht so, wie jetzt?!

Angespannt wandte sich Angeline ab. Sie atmete durch. Tastete nach ihrem Bauch. Dann nach Michaels Kette. Sie dachte an ihren Plan. Daran, dass Mona gesagt hatte, dass Johnny ein Auge auf sie werfen würde. Bis Angeline sie bezahlte. Bis sie zurück zu Niklas gehen würde. Zurück zu Michael …

„Wir schaffen das“, flüsterte sie den tickenden Uhren entgegen.

Sie musste.

Damit rieb sie sich über die Ohren. Sie brauchte das rauschende Geräusch. Nahm sich einen Moment, um sich zu entspannen. Um durchzuatmen.

Dann packte Angeline die gekauften Zutaten aus. Mehl. Milch. Eier. Salz. Erst danach öffnete sie den Kühlschrank, in dem sich drei Packungen Milch in der Tür sammelten.

Die Kartons ähnelten Ballons.

Seufzend schloss sie ihn wieder. Irgendwie bezweifelte sie, dass die Eier noch gut wären, wenn sie denn gar welche finden würde. Ihre Mom hatte kaum Zeit zu kochen. Marie und ihr Vater konnten nicht einmal eine vernünftige Nudelsuppe zaubern. Und Tyler war ja noch zu jung. Gewiss müsste sie die Tage alle Zutaten noch einmal durchgehen, oder?

Nachdenklich rührte sie den Teig für die Eierkuchen an. Erst Milch und Mehl mischen. Dann Salz und Eier dazu. Sie hatte es schon früh lernen müssen. Damals, als ihre Babysitterin gestorben war und sie mit Marie allein daheim gewesen war. Damals war Marie noch lieber zu ihr gewesen. Sie hatten sich verstanden. Waren sogar irgendwie … Freunde gewesen?

Es war zu lange her.

Angeline klammerte sich am Küchentresen fest, als die Erinnerungen sie heimsuchten. Sie spürte, wie sie weinen wollte. Wie sie sich so aufgelöst fühlte. Dabei wollte sie sich nicht so gehen lassen. Sie musste sich zusammenreißen! Sie musste … musste …

Konnte sie sich denn zusammenreißen?

Ihr standen knapp anderthalb Jahre mit einer Lüge bevor. Ganz zu schweigen, dass sie danach ein gewaltiges Geheimnis hüten musste. Sie wusste ja nicht einmal, ob sie es je Michael anvertrauen könnte, ohne dass es ihn gefährden würde. Auch würden Lucifer und Kim sie mittlerweile gewiss für ihre übereilte Abreise hassen. Und wenn sie dann endlich zurückkäme … Würden sie ihr je wieder vertrauen?

Oder hatte sie durch ihr Geheimnis ihre einzigen wahren Freunde verloren?

„Es ist der einzige Weg. Für uns alle“, sprach sie sich selbst Mut zu und strich erneut über ihren Bauch.

Sie musste ihr Kind beschützen.

Entschlossen atmete Angeline durch und griff nach der Pfanne. Sie konzentrierte sich nur aufs Kochen. Machte die Lüftung an. Lauschte dem Zischen des Teiges. Dem Ploppen, wenn sich die kleinen Bläschen bildeten. Vertraute auf ihr Gehör. Räumte in der Zwischenzeit den Tresen und die Regale auf. Drehte die Eierkuchen erst um, wenn das Zischen sanfter klang.

Und stapelte die fertigen auf einem Teller neben dem Herd.

Obwohl sie es nicht wollte, musste sie wieder an Kim denken. An Kim und Trigger und Lucifer und Michael … Sie hatte die Menge der Eierkuchen für ihre Freunde abgeschätzt. Nicht für ihre Familie hier in Raptioville. Deswegen waren es bereits so viele. Noch immer hatte sie eine halbe Schüssel mit Teig. Gewiss müsste sie mehrere Eierkuchen am Ende wegwerfen …

Wie hatte das passieren können?

Fordernd mauzte Meowy hinter ihr auf. Es klang als hätte er seine ganz eigene Lösung. Als würde er die Eierkuchen für sich selbst einfordern und angespannt lachte Angeline auf.

„Vergiss es, du bist schon dick genug“, entgegnete sie ihm – dankbar für die Ablenkung.

Als Antwort trottete der Kater zu seinem Napf und stieß diesen mit seinem Kopf an. Wehklagend jaulte er auf. Als hätte er noch nie etwas zwischen die Zähne bekommen. Und erst recht keine Leckerlies!

„Oh, ich bin mir ziemlich sicher, dass du Frühstück hattest, du dicker, runder Fellball“, sie verkniff sich ein Lachen, als sie sich zu Meowy runter beugte, um ihn zu kraulen.

Beleidigt bleckte er die Zähne. Es war seine halbherzige Drohung. Und eine, die er eh nie durchzog. Der Kater hatte sie bislang noch nie gekratzt. Marie? Ja. Tyler? Einmal.

Tyler … Irgendwie war Angeline so, als hätte sie seine Stimme gehört. Doch musste das ihre Einbildung gewesen sein. Ja. Als sie in Merichaven gewohnt hatte, hatte sie immer wieder von ihrem kleinen Bruder geträumt. Und jetzt? Wo ihre Gedanken kaum stillstehen konnten? Gewiss hatte sie nur-

„Sophie!“

Ihr ganzer Körper verkrampfte sich bei dem Namen, mit dem sie sich doch nicht mehr identifizierte. Bei der Stimme, die ihr so vertraut war. Sie schaffte es kaum aufzustehen und sich umzudrehen, ehe ihr Bruder in sie krachte. In ihre Seite. Denn ihr ganzer Körper verbat ihr, sich ihm zuzuwenden. Um ihr Baby zu schützen. Um dieses nicht zerquetscht zu sehen.

Denn Tyler war der einzige Mensch aus Raptioville, den sie je an sich heranlassen würde.

Angeline starrte auf den Haarschopf ihres Bruders herab. Sie streckte die Hand danach aus. Hielt inne. Strich stattdessen über seinen Rücken. Flüsterte ihm zu, dass alles in Ordnung wäre. Dass sie da wäre. Dass er sich nicht sorgen müsse.

Nur hörte sie ihre eigene Stimme kaum. Zu groß war der Knoten in ihrem Hals. Zu angespannt ihre Seele. Zu sehr schmerzte es, sich zwischen ihrem kleinen Bruder und Michael entscheiden zu müssen.

Denn nur deswegen war sie ja nicht zurückgekommen, als sie dank ihrer Tante die Chance dazu gehabt hatte.

„Entschuldige, Tyler“, kämpfte sie irgendwann hervor.

„Du bist wieder da. Du bist wieder da“, wiederholte er jedoch nur.

Es blieben immer dieselben Worte. Worte, die sie schmerzten. Weil sie ja nicht für immer bleiben konnte. Weil sie ja zu ihrer Volljährigkeit abreisen musste. Weil sie ihr Baby genauso zurücklassen würde, wie sie ihren Bruder zuvor zurückgelassen hatte. Wie sie ihn dann erneut zurücklassen würde.

Sie kam sich so falsch vor.

„Schon gut“, beteuerte sie dennoch, „Ist schon gut.“

Sie würde es ihm in ein paar Monaten erklären. Wenn er bereit dafür wäre. Wenn sie wieder konzentrierter wäre. Wenn sie früher bemerken würde, dass etwas nicht stimmte. Dass sie nicht mehr allein war …

Denn eigentlich hätte ihr doch auffallen müssen, dass Meowy nicht von allein ins Haus kommen konnte. Sie hätte schon früher die Polizistin bemerken müssen, die mit Tyler begleitet hatte. Genauso wie ihre Schwester, die sie verdattert anstarrte.

Und ihre Mutter, die sie nicht mehr als eine gewöhnliche Staatsanwältin sehen konnte.

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