K: Jessicas Familie

„Und dieser Nichtsnutz lässt sich wiedermal nicht blicken?“

„Er muss arbeiten“, entgegnete Jessicas Mama ruhig.

„Arbeiten! Aber sicher doch. An einem Wochenende!“

„Es gibt sehr viele Berufe, die rund um die Uhr besetzt sein müssen.“

„Pff! Und in welchem davon treibt er sich rum? Als Drogendealer? Ich glaube eher, dass er euch sitzen gelassen hat!“

Jessica zuckte unter den harschen Worten ihres Großvaters zusammen. Sie zwang sich zur Ruhe. Genauso, wie Papa es ihr beigebracht hatte. Sie musste ruhig bleiben. Sie und Nicole mussten die Worte an sich abprallen lassen. Sie durften nicht-

„Julian würde uns nie sitzen lassen.“

„Woher willst du das wissen? Er ist doch nie da!“

Abrupt stand Jessica auf. Ihre Lippen bebten. Sie spürte, wie Nicole raus wollte. Und am liebsten wollte sie ihre andere Seele lassen. Sie wollte hören, wie ihr zweites Ich diesen dummen Großvater zurechtwies! Sie sagen lassen, dass ihr Papa sie hierher gefahren hatte. Ihm eigens erzählen, wie schön er mit ihr spielte. Dass sie sich nur bei ihm nicht verstecken brauchten!

Stattdessen ballte sie ihre Hände. Sie schaute zu ihrer Mama herüber. Ignorierte dabei Tante, Onkel, Großeltern und Cousin. Alles Leute, die stets über ihren Vater schimpften, nur weil er sich so selten vor den Unmagischen zeigte.

Vor den Hutan.

„Mama? Ich habe aufgegessen. Darf ich spielen gehen?“, presste sie stattdessen hervor, während sie Nicoles Hass angestrengt ausbalancierte.

Sie mussten hier weg!

„Ja, du musst dir das nicht anhören“, murmelte diese, „Das sind keine Themen, die Erwachsene vor Kindern ansprechen sollten, oder?“

Ihr Großvater rümpfte die Nase.

Es sollte Jessica Recht sein. Sie wusste, dass ihre Mama mit dem Griesgram zurechtkäme. Das schaffte sie immer. Sie war ja hier aufgewachsen. Und sie hatte ihren Vater bislang jedes Mal zurechtgewiesen, wenn er sich böse über Jessicas Papa geäußert hatte.

Ihre Mama war eine Heldin!

Ich hasse Mamas Familie! Diesen alten Dummkopf und diesen eingebildeten Felix und diesen dummen Casper! Ich hasse sie alle!, schrie Nicole aus, sobald sie hinter das Haus traten.

Zur selben Zeit bildeten sich Risse im Boden. Sie malten ein dünnes Gitternetz. Es sah schön aus. Richtig zart. Aber Jessica wusste, wie zerstörerisch ihre andere Seele sein konnte.

Genau deswegen sollte sie ja auf Nicole aufpassen. Das hatte Papa jedes Mal betont!

Alles gut. Mama hat ja gesagt, wir sind nur für Großmutters Geburtstag hier. Danach geht es wieder zurück, wandte sie sich nach innen.

Je früher der vorbei ist, desto besser!, schimpfte Nicole weiter.

Außerdem war Oma gar nicht so schlecht. Sie hat extra für uns Kekse gebacken, hm?

Das schien Nicole zu erweichen. Jessica spürte, wie ihr anderes Ich sich zurückzulehnen schien. Als reichte die Erinnerung aus, um sich von dem Chaos abzuwenden. Oder wollte sie sich nur vor den Hutan verbergen? Vor Mamas Familie …

Hätte Nicole es noch am Tisch gemacht, hätten sie nicht fliehen müssen!

Nun war Jessica die ungehaltene. Sie lehnte sich gegen die Häuserwand und lauschte nach ihrer restlichen Familie. Nach jenen Menschen, die keine Magie besaßen. Die nicht die ganze Zeit mit ihrer Kontrolle kämpfen mussten.

Ob sie netter wären, wenn sie davon wüssten?

„Magst du mal nach Jessica sehen, Felix? Ich glaube kaum, dass sie gerne allein ist“, hörte sie ihre Tante plötzlich sagen.

„Aber sie ist so anstrengend!“, beschwerte sich ihr Cousin und am liebsten hätte Jessica mit eingestimmt.

„Na, komm schon. Sie geht noch nicht einmal in die Schule. Etwas Zuneigung würde ihr guttun“, bemerkte ihre Tante erneut.

Als sich auch noch ihre Großmutter einmischte und Jessicas Mama sich knapp bedankte, setzte die Panik ein. Jessicas Hände begannen zu glühen. Kleine Funken stoben über die Haut. Es war eine Stressreaktion, die nur von dem Gedanken an ihren Cousin ausgelöst wurde. Er war doch der Mistkerl, der sich stets über sie lustig machte! Der sein Essen über ihr verschüttete oder ihr die Schuld gab, wenn er etwas kaputt machte!

Aber da er es immer im Verborgenen tat, glaubte man ihr nicht, wenn sie die Wahrheit erzählte. Selbst ihre Mama schien sich seine Gemeinheiten nicht vorstellen zu können.

Sie musste hier weg, ehe ihr Cousin sie sah!

Damit eilte Jessica am Haus entlang, um durch das Tor aus dem Garten zu schlüpfen. Sie begutachtete die Straße. Links ging es weiter ins Dorf. Rechts zum Wald. Dort würde man sie nicht suchen, oder?

Mit einem klaren Ziel vor Augen, hastete sie die Fahrbahn entlang. Zwei Jugendliche kamen ihr entgegen. Ein Junge und ein blondes Mädchen. Jessica hoffte, dass die beiden nicht ihre Familie alarmieren würden. Dass sie nicht sahen, wie sie ihre Hände in die Taschen stopfte, damit die Funken versteckt wären. Dass sie die Macian einfach ignorierten.

Bitte!

Als ihr Cousin plötzlich ihren Namen rief, sprang Jessica hastig hinter einem Baum, der neben der Straße stand. Hatte er sie gesehen? Oder rief er nur nach ihr, weil er sie nicht im Garten sah? Musste es ihm denn wirklich so schnell auffallen? Der Wald war nur noch wenige Schritte entfernt!

Wir schaffen das. Alles gut. Alles gut, erklärte sie nach innen gerichtet, obwohl Nicole ihr gar nicht zuhörte.

„Jessica! Wo bist du?!“

„Alles gut?“, hörte sie den fremden Jungen fragen.

Oh nein! Die zwei auf der Straße hatten sie gesehen. Sie würden sie bestimmt verpetzen und-

„Lass den Bengel – wir haben es eilig, Tom!“, erklärte eine zweite Stimme.

„Aber-“

„Ich bin kein Bengel!“, schimpfte Felix sofort.

„Stimmt. Du bist nur der Mistkerl, der vor unserem Haus sein Müll aus dem Auto geworfen hat. Such dir eine andere Müllhalde!“

„Ach, dann seid ihr die Gören, deren Eltern euch nicht mehr wollten?“

Jessica hatte keine Ahnung, was ihr Cousin meinte. Jedoch schien er einen Nerv getroffen zu haben. Die Stille verängstigte Jessica und so blickte sie vorsichtig am Stamm vorbei.

Die beiden Jugendlichen standen vor dem Tor ihrer Großeltern – ihr Cousin dahinter. Obwohl er fast zwei Köpfe kleiner war, streckte er den Rücken durch. Als wäre er der Überlegende. Der Wichtige. Das goldene Kind.

Genauso, wie ihn ihr Großvater und Onkel immer behandelten.

„So kann man es sehen“, gab die Fremde zu und trat näher, „Wenn ich jedoch die Wahl zwischen deiner Familie oder keiner hätte, würde ich meine Zeit lieber in Einsamkeit fristen.“

Damit machte sie auf dem Absatz kehrt. Auch der Junge folgte ihr eilig. Keiner sagte noch etwas. Und keiner fragte nach ihr.

Ihr Cousin schien sie komplett vergessen zu haben!

Sobald er vom Tor weggetreten war, rannte Jessica in den Wald. Nicht, dass er sich sonst noch an sie erinnerte. Oder ihre Familie nach ihr fragte und-

Etwas knurrte.

Jessica erstarrte. Sie war nur wenige Schritte in den Wald getreten. Aber dennoch war Dunkelheit über sie eingebrochen. Es war so finster – so gruselig!

Schaudernd drehte sie sich im Kreis. Sie rieb sich die Augen, um sich an das fehlende Licht zu gewöhnen. Ein Teil von ihr hoffte, dass sie sich das Knurren nur einbildete. Ein morscher Ast vielleicht? Sie hoffte es!

Aber die Augen um sie herum, erzählten eine andere Geschichte.

Da waren kleine. Und große. Fletschende Zähne starrten sie an. Krallen schauten unter einem Gebüsch hervor. Und ein riesiger Fellkörper. Und-

Ein Fiepen entfloh ihrer Kehle, als sie zurückstolperte. Sie schob ihre Hände schützend vor sich. Funken stoben daraus hervor. Funken, vor denen die Tiere von daheim sonst wegliefen.

Nicht aber diese Wesen.

„Macian! Du wagst es- Ich reiße dich in Stücke!“, knurrte eine riesige Raubkatze und trat auf Jessica zu.

„Du- Reden- Aber-“, sie schauderte.

„Natürlich“, er gluckste und kam näher, „Und ich kann dich auch fressen.“

Sie fühlte sich wie erstarrt. Wie festgefroren. Ein Teil von ihr wollte nach Nicole rufen. Ein anderer traute sich nicht. Sie brauchte ihren Papa. Sie brauchte-

„Lass sie in Ruhe“, mischte sich jemand ein.

„Lass sie? Sie ist eine Macian! Sie-“

„Sie ist ein Kind“, beharrte die Stimme und plötzlich erschienen rote Augen vor Jessica. Sie schwebten vor ihr in der Luft. Körperlos.

Das Kind schnappte ungläubig nach Luft.

„Ihr- Ihr seid-“

„Waldbewohner“, unterbrachen die roten Augen, „Aber du nicht. Du gehörst hier nicht her. Also musst du hier raus.“

Sie nickte stumm. Angespannt trat sie von den anderen Wesen weg. Wieder zurück. Zurück zu ihrer Horrorfamilie.

Dort lief sie zumindest nicht Gefahr, aufgefressen zu werden!

„Na komm“, die roten Augen schwebten um sie herum, „Hier entlang.“

„Du kannst sie nicht einfach gehen lassen, Borei!“, schrie das Raubkatzenwesen aus.

„Ich kann. Und ich werde“, erklärten die roten Augen harsch, „Wenn du ein Problem damit hast – ich wusste nicht, dass ein Wald ein Gefängnis ist. Oder was würde Shizen dazu sagen?“

Damit brachten die Augen sie nach draußen. Zurück zu jenem Baum, hinter dem sie sich zuvor versteckt hatte. Stumm schwebten die Seelenspiegel vor Jessica auf und ab. Sie waren schief angeordnet. Als würde jemand den Kopf anwinkeln.

„Du hast mich beschützt.“

„Ich habe ein unschuldiges Kind beschützt“, erklärte dieser Borei, „Oder irre ich?“

„Du-“, Jessica runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf, dann senkte sie die Stimme, „Papa hat gesagt, dass Desson böse sind. Und du bist ein Desson, oder?“

„Ich bin ein Desson“, bestätigten die roten Augen, „Aber macht mich das auch böse?“

Sie wusste es nicht mehr. Unschlüssig starrte sie auf ihre Hände. Auf die wenigen Funken, die noch über ihre Finger tanzten. Nicole hatte nichts von ihrem Ausflug mitbekommen. Selbst jetzt noch. Sie war immer noch zu wütend wegen der Familie ihrer Mama. Wenn sie den Desson bemerken würde – sie würde durchdrehen, oder? Also-

Sie durfte nichts hiervon erfahren!

„Danke“, zwang Jessica hervor.

„Schon gut. Du kannst mir ja stattdessen versprechen, nicht noch einmal so unbesonnen in den Wald zu stürmen. Auch wenn du dich dort vor so einem Dummkopf verstecken magst.“

Die Macian nickte langsam.

„Du hast mich gesehen?“

„Ich sehe vieles“, entgegneten die Augen beinahe singend.

Jessica wandte den Blick ab: „Entschuldige. Ich wollte nicht-“

„Versprich es“, unterbrach er sie.

Das Mädchen spannte sich an. Sie wusste nicht, ob sie durfte. Oder sollte. Ob-

Er hatte sie vor den anderen Desson gerettet. Er hatte sie aus dem Wald gebracht. Und selbst jetzt schien er sich um sie zu kümmern.

Ganz anders als ihre restliche Familie.

„Ich verspreche es“, erklärte sie leise.

Damit schlossen sich die Augen und blieben verschwunden.

Jessica umarmte ihre Beine seufzend. Das Wesen hatte sich beruhigend angefühlt. Es erinnerte sie an das Gespräch ihres Cousins. Mit den beiden Jugendlichen. Wie das Mädchen von ihrer Familie gesprochen hatte.

Wäre es nicht auch besser, wenn Mama und Jessica die Bande zu ihrer restlichen Familie kappten? Nicht zu Papa. Aber zu den anderen.

Größer musste ihre Familie ja nicht sein.

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