
Der Weg nach oben fühlte sich unendlich länger an. Kräftezerrender. Immer wieder spannte sich Angeline an. Sie erwartete beinahe, dass sie aufgeflogen wäre. Wenn Niklas ahnte, was sie vorhatte, warum sie wirklich die Worte ihrer Mutter anders interpretiert hatte … Würde er seine Abmachungen mit ihr vergessen? Oder anders auslegen? Es wäre möglich, oder? Niklas hatte ja auch den ursprünglichen Deal immer seinen Wünschen entsprechend angepasst …
Und sie war nicht ihre Mom.
Sie war keine Radius. Sie war Angeline. Das einzige, was er von ihr im Endeffekt bekam, war der Mädchenname ihrer Mutter. Reichte ihm das wirklich?
Die Zweifel schlichen sich in einem stetigen Rhythmus an. Am liebsten wollte sie direkt zu Michael. Einfach, um mit ihm reden. Sollte sie ihm doch lieber von ihrer Abmachung mit Niklas erzählen? Von ihrem Plan?
Von ihren Umständen?
Ein Schaben. Schritte. Hinter ihr. Sie hörte, wie jemand aus seiner Wohnung trat. Wie die Person innehielt. Wie sie dann in ihre Richtung ging.
Ohne nachzudenken lief sie an Michaels Tür vorbei und trat durch ihre eigene. Das Klacken des Türschlosses hallte vertraut in ihren Ohren wider. Für einen Augenblick verharrte sie dort. Sie lauschte nach ihrer Mitbewohnerin. Nach Lucifer. Konnte beide reden hören. Sie waren in der Stube. Vor Angelines Zimmertür. Sie musste an ihnen vorbei. Vorbei, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Ohne Verdacht zu erregen.
Ohne an Michael zu denken.
Damit stieß sich Angeline von der Tür ab. Sie schob sich vorwärts. Fetzen des Gesprächs drangen zu ihr herüber. Kim redete auf Lucifer ein. Dass er sich irgendetwas nicht erlauben könne. Als sie Angeline bemerkte, wechselte sie das Thema. Sie sprach einen neuen Auftrag an. Dass sie dafür ein Motorrad besorgen müsse. Damit käme sie besser durch die Stadt. Er könne sich ja unterwegs an ihr festhalten. Wegen ihrer, bräuchte er auch kein Helm. Solle er aber selber entscheiden.
Eigentlich wollte Angeline nur in ihr Zimmer. Dennoch nahm sie sich Zeit, um ruhiger zu laufen. Um die Decke zu falten, die auf den Boden gerutscht war. Um sie über die Sofalehne zu legen.
Erst danach ging sie weiter.
Diesmal klackte das Türschloss stiller. Es wirkte wie eine Barriere. Sie wartete dahinter. Still. Lauschend.
Doch wenn den beiden etwas aufgefallen war, so sagten sie nichts. Es ging weiter um das Motorrad. Weiter um den Auftrag. Um die anstehenden Pläne.
Um Alltägliches.
Sachte schob sich Angeline durch den Raum. Obwohl es stockfinster war, konnte sie den Nachttisch problemlos finden. Genauso wie ihr Bett, auf das sie erschöpft zusammensackte.
Viel zu langsam knipste sie das Licht an.
Der Schalter klang wie ein Schuss in ihren Ohren. Blinzelnd starrte sie auf ihre Hände. Auf diese viel zu ruhigen Finger. Wie stark verkrampfte sie sich innerlich? Ob sie so zu einer Puppe verkommen würde?
Oder einer Marionette?
Der Gedanke echote ungehört durch sie hindurch. Es kostete Angeline jegliche Kraft, ihn wieder abzuschütteln. Sich zu konzentrieren.
Sie hatte mit Niklas verhandelt. Sie hatte nur etwas über ein Jahr rausschlagen können. Zeit, die sie bräuchte, um alles in die Wege zu leiten. Um das ungeborene Kind zu verstecken. Sie wusste auch schon wo. Sie wusste wie. Sie wusste, was sie tun, was sie sagen, was sie verschweigen musste!
Doch zuerst musste sie hier weg.
Sie musste von Michael weg.
Sie musste sich verabschieden, damit er ihr nicht folgte …
Denn er wusste, wo Tyler und ihre restliche Familie wohnten.
Ihre Wange kribbelte, also strich sie mit den Fingern darüber. Tränen blieben daran hängen. Ihre Tränen. Ausgelöst, von dem bloßen Gedanken an den bevorstehenden Abschied.
Wie sollte sie sich nur dazu überwinden können, wenn allein der Gedanke sie so erweichte?!
Hastig wischte sie die Tropfen weg. Nur rollten neue mehr hinterher. Sie wollten nicht aufhören. Stetig fanden sie ihren Weg aus Angelines Augen und trübten ihre Sicht.
„Was soll nur aus uns werden?“, flüsterte Angeline in die Stille.
Die Worte halfen. Sie brachten sie zum Nachdenken. Sie unterdrückten die Trauer. Die Verzweiflung. Stattdessen brauchte sie einen Plan. Einen neuen Plan. Oder einen abgewandelten? Michael … Was sollte sie ihm nur sagen? Konnte sie ihm überhaupt irgendetwas sagen?!
Unschlüssig rollte sie sich zusammen und starrte auf die Nachttischlampe.
Wenn sie ihm etwas sagte – egal, was- Niklas könnte dadurch erfahren, dass sie ihn hinters Licht führen wollte. Und dann? Im schlimmsten Fall würde das Ungeborene dafür zahlen, oder?
Genauso wie Michaels und Lucifers Geschwisterchen …
Sie hatte es aus der Stimmlage ihres Freundes herausgehört, als er von seiner Kindheit gesprochen hatte. Damals, auf dem Dach. Sie kannte ihn gut genug, um seine unausgesprochenen Worte zu vernehmen. Dann … Es wäre genauso, wie Mona angedeutet hatte, oder?
Kinder waren in Merichaven ständig in Gefahr.
Nein. Wenn sie persönlich mit Michael sprach, würde sie wieder weinen. Sie wusste nicht, ob sie ihn ins Gesicht lügen konnte. Sie wusste nicht, ob sie nicht versehentlich etwas zu viel sagte oder ob Niklas die richtigen Schlüsse ziehen konnte.
Und sie wusste, wie Michael reagieren würde, wenn er die Wahrheit wusste. Wie er sich anders verhalten würde. Wie es auffallen würde. Wie-
Nein.
Sie musste sich verabschieden. Sie musste. Aber sie durfte ihn nicht mehr sehen. Sie brauchte … Sie brauchte einen Abschiedsbrief! Das war sicherer. Für alle. Für sie und das Kind genauso wie für Michael … oder sogar Lucifer und Kim! Denn einen Brief konnte sie nochmal gegenlesen. So konnte sichergehen, dass er nicht zu viel verriet. Dass er ihre Geheimnisse verbarg!
Ja. Das wäre das Beste …
Mit neuer Entschlossenheit stemmte sich Angeline hoch. Sie atmete ein paar Mal durch, ehe sie nach ihrem alten Biologie-Block griff.
Es musste sein.
