
Valerie Maggie lief ruhig und bedacht durch die dunklen Flure zu ihrer Spielgefährtin. Nichts anderes würde man von ihr erwarten. Das hatte ihre Lehrerin oft genug betont. Sie müsse sich stets ehrenhaft präsentieren. Auch wenn sie keine Lust darauf hätte.
Wenigstens diesmal blieb ihr jedoch der Druck dabei erspart. Da sie noch im Kindesalter war, besaß sie keine eigenen Auxilius, die auf sie aufpassten. Und von den beiden Leibwächtern ihrer Mutter war einer unterwegs. Der andere musste bei ihren Eltern bleiben, während sich diese stritten. Und ihr Bruder? Der saß gerade in seinem eigenen Unterricht und könnte sie nicht verpetzen!
Es war ihre erste Chance seitdem sie hier wohnten!
Vielleicht sollten wir es dennoch sein lassen? Mama sah so unglücklich aus, bemerkte Maggie zögerlich.
Das kann nicht dein Ernst sein! Du wolltest dir doch den Fluss ansehen! Wir sind vor Monaten hergezogen und durften nicht ein einziges Mal hoch. Das ist viel zu bescheuert!
Hm, damit verstummte ihre andere Seele wieder.
Maggie war so ein Mamakind!
Mit einem leisen Klopfen schlüpfte sie in Lara Violettas Räume. Hier gab es keine Sicherheitsvorkehrungen. Dafür befanden sie sich zu tief im Stützpunkt.
„Vali?“, das schwarzhaarige Mädchen ließ die Hand sinken und sofort schwebte auch die Tinte vor ihr zurück ins Tintenfass.
„Deine Erdmanipulation ist immer noch besser als meine, nicht wahr?“, übersprang Valerie die Begrüßungen ungeduldig.
Willst du sie wirklich mit reinziehen?
Lass es endlich sein, Mag! Oder möchtest du den Heilwasserfluss nicht mehr sehen? Es ist der Shanai, Mag! Der Shanai!
Wie konnte ihre andere Seele nur so unschlüssig sein …
Doch … Aber … Lara hat nichts damit zu tun. Sie würde Ärger bekommen, wenn unser Ausflug bekannt käme.
Du bist so ängstlich. Argh!
Entschlossen blendete Valerie ihre andere Seele aus und rieb die Finger aneinander. Damit würde sie, auch ohne eine Flamme heraufzubeschwören, die schwankenden Magien leicht ausgleichen können.
„Ich denke?“, ihre Freundin neigte sich vor, „Aber ich werde dir damit keine Hausaufgaben abnehmen können. Sonst schimpft Tantchen wieder.“
Lachend schüttelte Valerie den Kopf. Nein. An die Aufgaben ihrer Lehrerin hatte sie diesmal nicht gedacht. Obwohl sie ihr meist zu langatmig erschienen.
„Das nicht“, sie wies auf eine kahle Wand, „Ich möchte nur sehen, ob du uns ungesehen nach oben bringen könntest. Also, falls deine Kontrolle wirklich so gut ist, wie du immer wieder behauptest?“
Ihre Augen weiteten sich erschrocken. Hastig blickte sich Lara um.
„Das kannst du nicht-“
„Ich bin eine Flora. Und ich komme nur mit einer Frage“, erinnerte sie ihre Freundin, „Eine Frage, die ich auch den anderen Macian stellen könnte. Aber ich möchte mit dir nach oben. Zum Fluss.“
Das Mädchen wirkte befangen. Sie ließ ihre Arme im Kreis wandern, damit die Bänder daran locker runterhingen. So hatte es ihre Lehrerin mit ihnen geübt. LaVi’s Tante. Die Frau, dank der LaVi zur Spielgefährtin der jungen Flora ausgewählt wurde.
„Vali … Wenn uns oben etwas passiert-“
„Wird es nicht“, wank sie sofort ab, „Der Außenposten liegt so weit außerhalb, dass nicht mal Hutan herkommen. Er ist der sicherste. Deswegen hat Julian doch auch vorgeschlagen, dass wir herziehen. Es wird alles gut gehen, ja?“
Endlich knickte Lara ein. Nickend führte sie die Flora zur nächsten Wand.
Valerie spürte Maggies Aufregung in sich aufsteigen und endlich konnte sie aufhören, die Finger aneinander zu reiben. Denn diese Aufregung teilte sie mit ihrer anderen Seele.
„Bitte sag Tantchen nichts“, flüsterte ihre Spielgefährtin, als sie eine Kuhle in der Wand aushob.
„Bei Zangasha“, erklärte sie, während sie in die neue Lücke trat.
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, setzte sich der Boden in Bewegung. Er verschob sich. Rollte vorbei. Dunkelheit verschluckte sie. Vor ihr ruderten zwei Arme umher. Violetta schob die Erde über ihnen zur Wand und dann unter den Boden. So wurden sie nach oben gedrückt. Höher und höher, bis endlich Licht hindurch brach.
Eilig schirmten sie ihre Augen ab und blinzelten gegen die neue Helligkeit. Es war ein komisches Gefühl. Unten gab es fast gar kein Licht. Deswegen war es selbst in den Räumen immer gedimmt. Aber hier? Mitten auf der Lichtung eines Waldes?
Ungeduldig wank Valerie mit den Armen. Der Wind gehorchte ihr sofort. Bauschend schob er sich unter die Mädchen und hob sie aus dem Loch. Ihre Freundin fiepte erschrocken auf.
Lara war wieder die Dominante. Violetta hatte sie vielleicht nach oben gebracht, aber Lara war diejenige, die bedachter mit der Welt umging. Die auch wusste, was von ihr erwartet wurde.
Fast wie bei uns, neckte sie Maggie.
Als ob!
Grinsend lief Valerie zu den nächsten Bäumen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Irgendwo musste dieser Fluss doch sein! Sie konnte es kaum erwarten, ihn zu sehen …
„Ich glaube, er ist da lang“, Lara wies in eine andere Richtung, „Dort wird es feuchter. Spürst du es?“
Feuchter? Blinzelnd starrte die Flora auf den Boden. Ja. Er war nass. Aber einen Unterschied hätte sie so nicht feststellen können. Ob das an Laras Affinität lag? Lara war immerhin mit dem Wasser verbunden – genauso wie Violetta mit der Erde.
Valerie war eher an Wind gebunden. Und Maggie an Holz. Holz! Das war doch das langweiligste und nutzloseste und dümmste-
Werd‘ nicht wieder gemein, Vali …
Entschuldige. Aber was sollen Blumen schon helfen, wenn wir mal Probleme mit Hushen haben? Sollen wir sie mit dem Duft betören?
„Vali?“
„Ja doch. Dann eben da lang“, stimmte sie ihrer Spielgefährtin zu.
„Danach können wir wieder runter, ja?“, schaudernd klammerte sich Lara an Valeries Arm, als sie sich durch die ersten Bäume schoben.
„Hm? Ja. Klar. Ich möchte ihn nur sehen und anfassen. Nicht mehr, ja?“
„Gut“, allmählich lockerte sich Laras Griff wieder. Als würde ihr einfallen, dass es nicht ihren Benimmregeln entsprach. Dennoch hielten die beiden Mädchen sich an den Händen fest.
Dieser Ort war ihnen zu fremd.
„Mama soll die Auxilius von deinem Bruder werden. Dann kann sie auch herziehen“, flüsterte das Mädchen plötzlich, als sie einen Bogen um einen kleinen Dornenbusch schlugen.
„Das wäre toll! Sie ist nicht so steif wie David Moe. Dein Onkel lächelt fast nie …“, murrte Valerie.
„Tantchen meint, es läge an den Kämpfen. Er nehme sie überall hin mit.“
„Hm“, mehr erwiderte Valerie lieber nicht darauf. Ihre Mutter hatte ihr verboten, zu viel über die Auxilius zu reden. Sie wären ihr Schutz. Kein Futter für neue Gerüchte.
Und an die Worte ihrer Mutter würde sie sich um Maggies Willen halten!
Na ja. Zumindest meistens.
„Hörst du das?“, unterbrach Lara ihre Gedanken und wies zu dem hohen Gras herüber, „Das rauscht da so.“
„Der Shanai!“, aufgeregt ließ Valerie sie los und eilte den Hügel hinauf. Es war so rutschig und steil. Aber weit konnte es bis zum Fluss gewiss nicht mehr sein! Sie hörte ihn! Er musste-
Ehe sie sich versah, gab der Boden unter ihren Füßen nach. Er brach einfach weg. Panisch hob sie die Arme, nur war Maggie genauso von allem überrumpelt worden. Ihre Panik war gleich. Sie bebte durch ihren Körper. Hinderte sie daran, die Winde zu lenken. Oder ihr anderes Ich gar nach den Pflanzen rufen zu lassen. Sie fiel nur so endlos lang in diese Schlucht, die mit dem Rauschen eines Gewässers erfüllt war! Ihre Augen blieben an den Wurzeln hängen, die aus der Wand ragten. Sie wollte danach greifen. Sich festhal-
Das kalte Wasser presste ihr die Luft aus der Lunge. Ihre Kleidung wurde schwer. Zog sie in die Tiefe!
Nein!
Hustend zerrte sie sich nach oben. Streckte die Arme aus und rief das einzige, das ihr in den Sinn kam: „Hil- Hilfe! Julian! Juli-“
Ein Wasserschwall presste sie nach unten. Sie blinzelte. Konnte kaum das Licht ausmachen. Wie schwamm man? Wieso konnte sie nicht schwimmen?! Man hatte ihr nur gesagt, dass … dass …
Irgendetwas mit Kleidung … ausziehen? Und kein Wasser schlucken! Genau!
Damit presste Valerie die Lippen zusammen. Sie brauchte Ruhe. Sie brauchte-
Laras Rufe schienen durch das Wasser zu beben. Sie konnte die Worte nicht ausmachen. Dazu fehlte ihr die Luft. Luft und Winde waren ein Teil von ihr. Sie waren mehr als nur Atem. Mehr als nur-
Willst du uns umbringen?!, Maggies Panik peitschte schmerzhaft durch sie hindurch. Die andere Seele kämpfte um Kontrolle. Sie wollte atmen. Sie wollte leben!
Nein! Nicht! Beruhige dich, Mag! Mag!
Doch plötzlich fluteten andere Gedanken in sie. Ihr Bruder. Er sorgte sich um sie. Und in diesem Moment der Unaufmerksamkeit wurde ihre andere Seele zu stark für Valerie. Sie selbst hatte zwar einen Funken Ruhe in sich gefunden. Doch Maggie gewann Kraft aus ihrer Panik.
Panik, mit der sie den Körper übernahm und den Mund öffnete.
