K: In wessen Verantwortung?

Es war bereits nach Mitternacht, als Sabine endlich durch die Haustür trat. Still verstaute sie ihre Schuhe, legte ihre Handtasche ab und hielt inne.

In der Küche brannte noch Licht.

Nachdenklich wanderte ihre Seele voraus und tastete die umliegenden Räume ab. Die meisten ihrer Stiefkinder schienen zu schlafen. Alle bis auf einen …

„Du hättest nicht auf mich warten müssen“, grüßte sie Benjamin, dessen Kopf müde auf dem Tisch lag, als sie hereinkam.

„Kathleen ist ein paar Mal schreiend aufgewacht. Alpträume. Bin irgendwann unten geblieben – dann konnte ich mir die Treppen sparen“, murrte der Junge und setzte sich gähnend auf.

Ein paar lose Arbeitsblätter blieben an seiner Wange kleben. Die Betreuerin des Waisenhauses konnte schematische Zeichnungen darauf erkennen. Runde Kreise mit Kringeln und Beschriftungen.

„Wann ist deine Prüfung?“, mutmaßend löste sie das Papier von seinem Gesicht.

„Nächst- Ach! Das ist doch nicht so wichtig! Sag‘ lieber, was das dumme Schusterpärchen wollte.“

Schlagartig wirkte Benjamin wieder wacher. Sein ganzer Fokus lag auf der Betreuerin. Auf ihrer Mimik, auf ihrer Gestik.

Seufzend setzte sich Sabine an den Küchentisch.

„Die alten Schuster sehen von rechtlichen Schritten ab, wenn unsere GAKs sich entschuldigen und ihren Garten bis Freitag wieder auf Vordermann bringen“, erklärte sie erschöpft.

„FREITAG?!“

„Ben!“, warnend warf sie ihrem Stiefsohn einen bösen Blick zu und entschuldigend schrak dieser zusammen. Kleinlaut glitten seine Augen zum Flur.

„‘Tschuldige. Aber … Das schaffen die Knirpse nie im Leben. Wie konntest du dich darauf einlassen?!“

Sie haben den Garten in einer halben Stunde zerstört. Da wird ein Tag zum Aufräumen reichen“, wiederholte sie die Worte des alten Schusters mit verstellter Stimme.

„Das ist doch …“

„Anders ließen sie sich nicht beruhigen“, flüsterte sie in die kühle Küche und riskierte einen Blick ins finstere Esszimmer, „Ben. Wir können uns keine Rechtsstreite leisten. Wir-“, sie brach seufzend ab.

Nein. Das war zu viel. Benjamin hatte seine Prüfungen. Darauf sollte er sich konzentrieren. Sie musste ihn nicht mit der Wahrheit belasten. Nicht jetzt!

„Geh ins Bett und sieh zu, dass du noch etwas Schlaf bekommst. Ich finde schon einen Ausweg. Ich muss“, offenbarte sie ihm stur.

„Aber ich will doch nur-“

„Geh ins Bett, Ben“, wiederholte sie nachdrücklicher, „Das ist nicht dein Kampf. Wenn ich Hilfe brauche, rufe ich Janine oder Tom an. Oder Anja. Du bist noch ein Kind. Ein Kind, das heute mehr als genug getan hat“, Sabine massierte ihre Schläfen.

„Mama. Bitte-“, seine Augen bohrten sich in ihre Gedanken.

„Danke für heute“, flüsterte sie lächelnd, „Wir reden nach deinen Prüfungen weiter, in Ordnung?“

Das schien ihn milde zu stimmen. Müde nickte er und sammelte seine Zettel ein, ehe er mit einem leisen „Gute Nacht“ verschwand.

Stumm blieb Sabine am Küchentisch sitzen. Ihre Seele tastete sich wieder durchs Haus. Sie wusste, dass sie nicht allein war. Dass jemand sie beobachtete. Die andere Person stand im Esszimmer. Verborgen, im Schatten der großen Tür. Lautlos wartete sie auf ein Zeichen der Betreuerin, ehe sie sich zeigen würde. So wäre es sicherer.

Also klopfte Sabine abwechselnd auf den Tisch: Flache Hand. Faust. Faust. Flache Hand.

Erst dann schlenderte ihre Nichte herüber.

„Die alten Schuster hassen Kinder. Sie werden unsere GAKs so nicht vom Haken lassen“, kam diese gleich zur Sache.

Sabine nickte: „Sobald ihr Fall bei den Behörden aufschlägt, werden sie bemerken, dass alles auf einer Lüge basiert. Sie werden die Kinder voneinander trennen. Sie werden unsere Familie zerstören und-“

„Niemand wird unsere Familie zerstören“, beschwichtigte die andere Frau sie sofort, „Niemand. Ich fälsche nicht seit Jahrzehnten Papiere und schaffe Geld heran, damit nun alles wegen einer Lappalie auffliegt.“

Die Betreuerin nickte.

So hatten sie es schon immer gehandhabt. Kinder aufnehmen. Papiere fälschen. Behörden belügen. Erst die Ersparnisse aufbrauchen, nun jeden Groschen umdrehen …

Alles nur wegen der Briefe.

Wegen der Briefe und dieses Ringes.

„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die GAKs in die nächsten Schwierigkeiten schlittern. Egal, ob ich sie belehre oder nicht. Sie haben ihre Gründe. Gründe, die ich ihnen nicht streitig machen will. Warum auch? Warum sollen sie sich ändern? Warum nicht die Welt?“, frustriert trommelte Sabine mit den Fingern auf der Tischplatte.

„Du weißt schon, dass du vor ein paar Jahren noch ganz anders gedacht hast, oder?“, ihre Nichte glitt auf den anderen Stuhl und überschlug die Beine, „Damals waren wir alle nur eine Mission für dich.“

„Die Zeiten ändern sich …“

Stille legte sich über sie. Die Betreuerin glaubte, ein Gähnen zu vernehmen. Doch waren sie allein in der Küche. Selbst Benjamin schlief bereits. Sie spürte, wie sich seine Seele zu entspannen versuchte.

Es wollte ihm nicht recht gelingen.

„Dann wird Mary die alten Schuster besuchen“, erklärte ihre Nichte plötzlich.

Sabine schrak auf: „Was … was willst du damit sagen?“

„Mein Gesicht ist dort zu bekannt. Aber Marys nicht. Sie kann sich um alles kümmern und selbst wenn jemand die richtigen Schlüsse zieht – Mary ist offiziell tot.“

„Ja, aber …“

„Nichts aber“, ihre Nichte beugte sich über den Tisch, „Das hier ist die einzige Familie, der ich je angehören möchte. Ich lasse nicht zu, dass sie zerstört wird.

Koste es, was es wolle!“

Ein Blinzeln später war die andere Frau verschwunden und ließ Sabine allein in der Küche zurück. Eine bedrückende Leere erfüllte die Betreuerin. Das Gefühl ließ sie erschaudern.

Sie starrte unsicher auf ihre Hände.

Eigentlich hatte sie damals ihrer Nichte das Leben gerettet, weil sie deren unschuldige Seele retten wollte.

Aber nun?

Nun fälschte sie Urkunden und würde das alte Schusterpärchen – was? Bedrohen? Verschwinden lassen? Töten?

Alles nur wegen eines kindischen Streiches, der die Bäume und Sträucher bei den Rentnern zerstört hatte …

Sabine schüttelte müde den Kopf.

Sie war zu alt dafür.

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