B: Weihnachtsmorgen

Bibbernd erwachte Liane in ihrem persönlichen Eisschrank. Seit jeher wollten die Heizungen nicht richtig warm werden und so hatten sie sich Alternativen überlegen müssen. Mit der Hilfe ihres Vaters hatte sie die meisten Fenster verhangen sowie Tücher in die Ritzen des gesplitterten Holzrahmens gestopft. Jedoch halfen alle Vorkehrungen nur bedingt und so sahen die Maßnahmen es eher als ihre Aufgabe, die Luft mit einer unangenehmen Schwüle zu sättigen.

Das Mädchen rollte sich schaudernd hin und her. Der Schlafsack hielt sie dabei von allen Seiten schön warm. Ihr Dad hatte ihn nach der Explosion ihres alten Hauses von einem Freund geschenkt bekommen, der gerne in die Berge campen fuhr und Liane hatte noch nichts dankbarer angenommen. Dieser Schlafsack war ihr persönlicher Lebensretter!

Müde sah Liane auf den Wecker. Das flackernde Licht der Laterne fand seinen Weg nur mühselig durch die Vorhänge in ihr Zimmer. Allerdings reichte es, um die ungefähre Position der Zeiger auszumachen.

Irgendetwas mit sechs Uhr.

Normalerweise wäre sie an einem solchen Tag noch im Bett geblieben. Sie hatte frei. Sie musste keine Schularbeiten erledigen. In ein paar Wochen würden sie hier ausziehen, also musste sie auch nichts unternehmen, um sich in dieser kaputten Wohnung wohler zu fühlen. Sie würde hier rauskommen und in ein Haus ziehen, das ihr gehörte. In ein Haus-

In das Haus ihrer toten Mutter …

Das Mädchen schloss die Augen und atmete tief durch. Mit ihrem Geburtstag im Januar würde sie alles erben. Das Haus, irgendwelche Aktien und ein Vermögen, mit dem sie schon jetzt nichts anzufangen wusste. Das war ihr alles zu viel! Genauso wie die Träume, die sie seit einigen Tagen wieder vermehrt heimsuchten.

Liane drängte die Gedanken beiseite und setzte sich auf. Sie schälte sich aus ihrem Schlafsack und zog sich zügig an. Dann knüpfte sie ihre Zöpfe in der schummrigen Dunkelheit neu. Die dunklen Strähnen glitten fließend durch ihre Finger und fanden sich sofort am rechten Fleck ein. Nachdenklich hielt sie inne.

Heute war nicht einfach nur ein freier Tag. Heute war Weihnachtsmorgen. Und obwohl ihr Vater keinen Tannenbaum besorgen konnte oder sie dieses Jahr nicht viel hatten, so hatten sie doch einander. Deswegen hatte sich Liane vorgenommen, Frühstück vorzubereiten. Eine kleine Geste, die hoffentlich genau das aussagte, was sie im Herzen fühlte.

Sobald die Zopfgummis saßen, schlich sie sich aus ihrem Zimmer. Vorsichtig huschte sie durch den Flur am Bad und dem Schlafzimmer ihres Vaters vorbei in die Küche und-

-stoppte, als ihr Blick im schummrigen Licht an einigen Briefen hängen blieb. Sie musste wieder an den Brief denken, der ihr von dem Ableben ihrer Mutter berichtet hatte. Sie wusste noch, wie seltsam sich die Worte angefühlt hatten. Nicht richtig …

Nichts fühlte sich seither richtig an!

Schaudernd rieb sich Liane die Arme.

Sie durfte nicht mehr über diesen Brief nachdenken. Immer wenn ihre Gedanken den Weg zu dem Papier fanden, fühlte sich alles um sie herum wie eine Lüge an. Sie wusste ja nicht einmal zu erklären, woher das Gefühl stammte. Oder was es bedeutete. Vor allem, weil … weil …

Wahrlich konnte nicht alles eine Lüge sein!

Oder?

Kopfschüttelnd ging sie zu den Lebensmitteln, die ihr Vater auf der Arbeitsfläche lagerte. Bei der Kälte in der Wohnung, brauchten sie den Kühlschrank nicht. Deswegen war das Küchenfenster auch als einziges nicht verhangen. Hier sollte die Kälte reinströmen können. Damit wollte ihr Dad die Stromkosten reduzieren. Etwas anderes hatte er derzeit nicht im Sinn. Alles musste auf ein Minimum reduzieren werden. Alles musste-

Irritiert sah Liane auf die zweite Uhr in ihrem Haushalt. Ein altes Ding, das hinter besagten Zutaten an der Wand lehnte. Deren Zeiger ihr tickend zuwinkten.

Sie zeigte um vier an.

Na toll. Hatte der Wecker in ihrem Zimmer wieder einen Wackelkontakt gehabt? Es wäre nicht das erste Mal. Sie bräuchte wirklich endlich mal einen neuen. Einer mit leuchtender Digitalanzeige wäre gut, auch wenn ihr die Dinger optisch nicht zusagten.

Ein Lachen entkam Lianes Lippen.

Hier stand sie. In einer kaputten Küche. Erbin von Isa Silvers Vermögen.

Und sie gedachte, sich als erstes einen neuen Wecker von dem Geld zu kaufen.

Abrupt stoppte sie wieder. Sie wollte ihren Vater nicht aufwecken. Nein. Dann könnte sie ihre Überraschung gleich vergessen! Aber nun war sie viel zu früh aufgestanden. Und sie fühlte sich so eingeengt in dieser Wohnung. Das Kind in ihr wollte draußen im Schnee spielen. Sie wollte herumtollen. Sie wollte-

An der Wohnungstür blieb sie stehen. Sie starrte auf das Holz. Auf die Klinke. Auf das Türschloss. Auf den Schlüssel darin …

Unwillkürlich schluckte Liane.

Dann wandte sie sich ab und lehnte sich an das Küchenfenster. Sie begnügte sich damit den Schnee von drinnen zu beobachten. Draußen wäre es zwar schöner, jedoch war ihre neue Nachbarschaft nicht die sicherste. Und ihr Dad würde sicher wahnsinnig vor Sorge werden, wenn sie morgens plötzlich weg wäre. Vor allem an Weihnachten.

Ihre Augen glitten über die eingeschneite Straße. Der Anblick hatte etwas Traumhaftes. Als wäre er aus einem Märchenbuch gefallen! Wundervoll …

Wunder-

Stirnrunzelnd starrte sie auf den dunklen Wagen, der nicht mit Schnee bedeckt war. Er war länger. Wie eine Limousine? Liane war sich unschlüssig. Aber sie fühlte sich plötzlich beobachtet. Als hätte das Fahrzeug Augen, mit denen es das Mädchen anstarrte. Mit denen es sie beobachtete.

Oder starrte sie jemand aus dem Auto heraus an?

Angestrengt versuchte sie etwas hinter der Scheibe zu erkennen, aber der kontinuierliche Schneefall und die Entfernung machten ihr dabei einen Strich durch die Rechnung.

Stattdessen suchten Liane Kopfschmerzen heim.

Zischend zog sie Luft ein. Sie riss die Hände hoch. Starrte auf ihre Linke, in der ein Splitter vom Fensterbrett steckte. Das Blut pochte durch ihre Finger und vorsichtig zog sie den Fremdkörper heraus.

Als sie wieder aufsah, war der Wagen verschwunden.

Irritiert sah Liane die Straße auf und ab. Hatte sie sich das Fahrzeug nur eingebildet? Nein. Da unten konnte sie frische Reifenspuren ausmachen. Oder glaubte sie nur, diese erkennen zu können? Der fallende Schnee nahm ihr den Großteil ihrer Sicht. Außer der weißen Farbe war da unten fast nichts mehr zu erkennen.

Mit einem letzten Blick auf ihre Wunde wandte sie sich ab. Der Schmerz pochte durch ihre Ohren. Es war ein erträglicher Schmerz. Ein Schmerz, der sie wacher werden ließ.

War sie vielleicht nur am Fenster eingeschlafen und hatte von dem Auto geträumt? Weil sie in den letzten Tagen so unruhig schlief? Sie fühlte sich schon seit einer Weile notorisch übermüdet. Kam daher das Gefühl, beobachtet zu werden?

Mechanisch lief sie zu den Zutaten zurück und sah erneut auf die Uhr.

Halb sechs.

Lilith.

Der Name echote plötzlich durch ihren Kopf und Liane musste ihn regelrecht vertreiben. Sie sog tief Luft ein. Erst danach griff das Mädchen nach einer von drei Orangen, die sie sich für den heutigen Tag aufgehoben hatten.

Sie machte sich still ans Werk.

Das Ergebnis sah eher schlecht als recht aus. Irgendwie wollte ihr das Kochen einfach nicht gelingen. Aber ihr Vater aß es dennoch, ohne zu murren. Er bedankte sich sogar herzlich und irgendwie konnte Liane dann endlich das Auto vergessen.

Fast vier Stunden später.

„Wann musst du wieder arbeiten?“, fragte sie ihren Dad, als sie den Tisch zusammen abräumten.

„Wenn die Ferien vorbei sind“, er begann mit dem Abwasch, „Mr. Belial braucht mich bis dahin nicht.“

„Hm“, nickend empfing sie die sauberen Teller mit einem kleinen Handtuch, „Dein Chef ist seltsam. Ich dachte, der Aktienmarkt kümmere sich nicht um Ferien.“

Ihr Vater zuckte mit den Schultern: „Ja, er ist seltsam. Aber er ist auch sehr großzügig. Hättest du nicht das Haus geerbt, hätte ich etwa zur selben Zeit eine Wohnung in demselben Viertel mieten können. Das Gehalt, dass er mir zahlt ist wirklich nicht ohne“, lächelnd schüttelte er den Kopf, ehe sich ein ernster Ausdruck auf seine Züge schlich, „Was anderes aber dazu: Möchtest du mit dem Umzug eigentlich auch die Schule wechseln? Ich meine: Du gehst immer noch auf deine alte im Westen und der Weg vom neuen Haus aus noch länger sein und …“

Liane hielt inne. Ja. Sie hatte bereits darüber nachgedacht. Ja. Vor allem nachdem die Gerüchteküche in ihrer beinahe überlief. Ja. Jeder sagte ihr irgendetwas nach. Ja. Manche hielten sie für schräg. Ja. Manche für geisteskrank. Ja. Manche für gestört. Ja. Die Sekretärin hatte sie als Satanskind bezeichnet! Ja!

Sie fühlte sich dort nicht mehr wohl. Sie wollte nicht dorthin zurück. Aber auf der anderen Seite …

„Das wäre sicherlich viel zu viel Papierkram“, murmelte sie.

Und ihr Vater hasste Papierkram.

„Nicht wirklich. Ich … Der Sohn von meinem neuen Kollegen geht auf eine Schule in der Nähe des neuen Hauses. Als ich meinte, dass wir dorthin ziehen würden, kamen wir mit Mr. Belial ins Gespräch und … Die beiden haben mir mit den Zetteln geholfen. Ich müsste sie nur noch abschicken und-“

Aufgeregt sprang Liane ihm an den Hals: „Au, ja! Bitte!“, platzten die Worte sofort aus ihr heraus, „Bitte! Wieso hast du vorher nichts gesagt? Bitte! Ja, bitte!“

Lachend drückte er sie an sich.

„Fröhliche Weihnachten, Liane. Ich liebe dich, meine Kleine.“

Lilith!

„Ich hab‘ dich auch lieb, Papa.“

Lachend presste er sie noch einmal an sich-

-während das Mädchen angestrengt die Stimme in ihrem Kopf verdrängte, die ihr davon erzählte, dass nichts richtig war.

Er sollte sich nicht um sie sorgen müssen …

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