Minki und der Weihnachtsbaum

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Es ereignete sich zu einer Zeit, in der Minki das erste Mal Schnee sah. Pardon. Für ihn waren es natürlich nur komische, weiße Krümel, die aus dem kalten Himmel segelten und sich draußen auf dem Fensterbrett ablegten.

Der junge Kater starrte sie gebannt an. Er hatte noch keine Worte für dieses Phänomen. Es sah ein wenig wie Papier aus. Aber kleines Papier. Ganz kleine Fetzen eines großen unbedruckten Blattes.

Wo sie nur herkamen?

Minki sprang fröstelnd vom Fenster weg und marschierte mauzend durch die Wohnung. Er hatte gehört, wie sein Retter vor einer Weile nach Hause kam. Der Zweibeiner hatte dabei seltsame Geräusche gemacht. Als würde er etwas hinter sich her schleifen. Aber der Kater hatte sich nicht weiter darum gekümmert.

Er hatte es für Einkäufe gehalten.

Ein Blick in die Stube offenbarte jedoch eine andere Wahrheit.

Mitten im Zimmer stand ein Baum. Ein schiefer Baum. Ein Baum mit Nadeln statt Blättern. Seine Äste waren nach oben hin zusammengebunden. Seine Wurzeln fehlten. Er wirkte kränklich. Hager. Falsch.

Vorsichtig schob sich Minki unter den Tisch. Er beobachtete, wie die Frau seines Retters um den Baum lief und dabei kontinuierlich Anweisungen gab.

Die anderen Zweibeiner gehorchten ihr aufs Wort. Sie schleppten Kisten und Tüten heran. Sie kramten glitzernde Ketten und Kugeln heraus. Sie hievten sogar den Baum von einer Ecke des Zimmers in die nächste.

Minki hatte noch nie zuvor einen wandernden Baum gesehen.

Es dauerte Stunden, ehe die alte Zweibeinerin Ruhe gab und alle nach und nach das Zimmer verließen. Mittlerweile meldete sich schon der Hunger in dem kleinen Kater. Allerdings wollte er nicht auffallen. Keiner hatte den kleinen Kater bislang bemerkt. Keiner hatte den kleinen Kater gesucht.

Keiner wusste, dass sich dies bald als Fehler entpuppen würde.

Vorsichtig schlich sich Minki an den Baum heran. Das Licht der Küche beleuchtete seine Äste und die daran hängenden Dinger.

Ja. Dinger. Denn der Kater hatte noch nie zuvor solche seltsamen Kugeln und Ketten gesehen. Vor allem die Kugeln! Sie erinnerten ihn ein wenig an eine Fensterscheibe. Oder einen Spiegel? Ja! An einen Spiegel! Immerhin konnte er sich in den glatten Oberflächen wiedererkennen. Bis auf das letzte Schnurrhaar!

Schnuppernd umrundete er den Baum.

Er roch nach Harz. Der Geruch schlängelte sich schweigsam um den Stamm. Er war jedoch nicht penetranter, als die heimischen Düfte. Dafür konnte Minki die grünen Nadeln mit einem Nachdruck riechen, der ihn die Nase rümpfen ließ.

Widerlich!

Ein Teil von ihm wollte sich bereits wieder von dannen schleichen. Nur fingen die bunten Kugeln und Ketten immer wieder seinen Blick auf. Die Ketten hatten vorhin einmal geleuchtet. Das war seltsam gewesen. Sein Retter hatte eines dieser Kabel in die Wand gesteckt und dann hatten sie den Raum in farbenfrohes Licht getränkt.

Wie das wohl von nahem aussah?

Neugierig sprang Minki an den Stamm und kletterte den Baum hinauf. Vereinzelt stupste er einige der bunten Dinger mit seinen Pfoten an – die Kugeln drehten sich lustig, die Ketten wackelten nur. Hm. Das war ziemlich ernüchternd und-

Der Kater hielt inne. Er spannte sich an. Seine Ohren pressten sich an seinen Kopf. Sein Schwanz peitschte stumm umher. Er starrte auf einen Zweig vor ihm. Einen dünnen Zweig.

Ein dünner Zweig, auf dem ein kleiner Vogel saß.

Seine Krallen massierten leise den Stamm. Er setzte zum Sprung an. Warf sich in die Lüfte-

-und riss den gesamten Baum inklusive des dekorativen Kunstvogels um.

Drei Stunden später war nichts mehr von diesem dekorativen Kunstvogel übrig. Genauso wie vom Großteil der Weihnachtskugeln, die zerbrochen die Stube zierten.

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