M: Prolog – Flucht I

Er rannte. Hechelnd versuchte er, mit seinem großen Bruder Schritt zu halten. Oder wurde er eher hinterhergezerrt? Er wusste nicht mehr, ob er aus eigener Kraft lief oder gezogen wurde, ob das Adrenalin in seinem Körper echt war oder er eigentlich schon zu den Toten gehörte und es nur noch nicht wusste. Letzteres wirkte beinahe realer für sein kleines Köpfchen.

Noch immer konnte er sie hören. Die Schüsse am Ende des Flurs, die fluchenden Rufe, die erschrockenen Schreie, die wütenden Stimmen, vor denen sie flüchteten…

Und dann roch er es. Der beißende Geruch des Rauches, der nach verbranntem Fleisch stank, vermischt mit bitteren Chemikalien, verschmolzenem Plastik. Es war ein Geruch, den er nur als den Tod zu beschreiben wusste. Ein Gestank, der versuchte, dem Jungen die Tränen in die Augen zu treiben. Aber er wehrte sich.

Er würde sich immer wehren.

Er durfte nicht aufgeben! Sein Bruder drängte ihn mit Worten voran, die er kaum mehr wahrnahm. Sie wurden von der Hitze der Flammen und der pochenden Angst in seinem Herzen verschluckt. Seine Beine fühlten sich mit jedem Schritt mehr nach Wackelpudding oder eher der dazugehörigen Vanillesoße an. Sein Magen war verknotet. Seine Lunge brannte, als wäre sie in pure Säure getränkt worden. Er glaubte, mehr Luft auszuhusten, als er gar einatmen konnte!

Schon wieder. Ein weiterer Schuss ertönte. Dieser näher als die Vorherigen. Wurden sie nun verfolgt? Was war mit ihren Eltern? Ihrer zittrigen Mutter? Er hatte sie seit Stunden nicht mehr gesehen. Ging es ihr gut? War sie auf einem anderen Weg nach draußen geflohen? Was war mit ihrem Vater? Der Mann, der versprach, zu ihnen aufzuschließen? Der sie fortgeschickt hatte?

Er sah das erschrockene Gesicht seines Bruders. Konnte die Angst darin beinahe ergreifen. Dachte an die Männer. An die Waffen. An die Kugeln. Fragte sich in einem verzweifelten Augenblick, wie schnell er über einen Leichnam steigen könnte. Fragte sich dann, wie schnell er über die leeren Augen seines Bruders steigen könnte.

Was war richtig? Was falsch? Gab es so etwas denn überhaupt noch? Und was war gerecht? Sollte er hier sterben, für die Fehler anderer büßen – war das etwa gerecht?

Ein Rufen erklang hinter ihnen, doch blieben sie nicht stehen. Sie durften nicht stehenbleiben. Jeder Stopp könnte der Letzte sein. Wenn er überhaupt noch lebte. Wenn er diese Nacht überlebte. Wenn sie aus diesem Anwesen-

Dort hinten! Er entdeckte die gewaltige Eichentür und mobilisierte seine letzten Kräfte. Das war die Eingangstür, die Haustür. Sie würden es schaffen!

Gemeinsam stießen sie das riesige Stück Holz zur Seite und stürmten hinaus. Erschöpft sog er die frische Luft in seine Lungen. Er spürte, wie die nächtliche Kälte in ihn eindrang und sich durch seine Luftröhre zwang. Die frische Luft schmerzte ihn. Sie brannte wie der Rauch in seiner Lunge. Ließ ihn husten.

Erst durch das knirschende Geräusch neben ihm blickte er wieder zu seinem Bruder herüber.

Sofort schloss er die Tür und half dem Älteren dann, einen der Mamorlöwen umzuwerfen, um den Fluchtweg zu blockieren. Er verschwendete keinen zweiten Gedanken an die so genannten Menschen im Haus, als sie das Monster von einem Stein vor der Tür umstießen. Er wusste, dass er keine Reue für diese Leute empfinden würde.

Durch diese Tür würde niemand mehr hinauskommen. Niemand!

Aber was war mit seinen Eltern?

Zweifel schlichen sich in sein kleines Herz, während seine Augen auf dem Eingang lagen. Sein Bruder hatte gesagt, dass er nach vorn sehen musste. Sich nicht umdrehen durfte. Er hatte auch seinen Vater gehört. Blut gesehen-

Er zuckte zurück, als er die Rufe hörte. Das Hämmern an der Tür. Die fremden Stimmen.

Wütend, fast schon hasserfüllt, ignorierte er die Schreie, die nun dahinter erklangen. Seine Hand suchte die seines großen Bruders. Suchte nach Unterstützung. Sicherheit. Doch dieser war bereits einige Schritte weitergegangen und starrte stirnrunzelnd auf ihren Parkplatz.

Dort stand er – lässig an einem der Autos angelehnt.

Der Mann trug einen zerknitterten, aber sauberen Anzug und sein Haar war so zerzaust, als hätte es noch nie zuvor eine Bürste gesehen. Der Lolly in seinem Mund gab ihm einen kindlichen, fast schon naiven Ausdruck, der im kompletten Kontrast zu dem ernsten Gesichtsausdruck des Struwwelpeters stand. Zu diesen kalkulierenden Augen.

Geduldig sah der Mann zu den Brüdern hoch, während er ihnen die Tür seines Wagens aufhielt. Wortlos, aber dennoch etwas zögerlich, folgten sie seiner Aufforderung. Gemeinsam krochen sie auf die Rückbank und beobachteten, wie er sich hinters Steuer setzte.

Niemand schnallte sich an, als sie mit Vollgas die scharfen Kurven vor dem Haus entlang rasten – fort von der brennenden Hölle.

Der jüngere Bruder blickte noch einmal zurück. Er konnte den starken Rauch des Feuers immer noch auf der Zunge schmecken. Konnte die Hitze spüren. Hörte selbst das leise Knacken der Flammen, das ihm bei der Flucht nicht aufgefallen war.

Vor seinem inneren Auge spielte sich immer wieder ihre Flucht ab. Sie verfolgte ihn. Zwang ihn, sich an die Männer zu erinnern. An ihren Vater.

Er tastete nach der dünnen Kette, die seinen Hals umschlang. Spielte mit diesem kleinen Metallplättchen daran. Hielt daran fest.

Vorwurfsvoll biss er sich auf die Unterlippe. Er ließ von der Erinnerung ab. Zwang sich dazu, langsam zu atmen. Abstand zu nehmen.

Erst dann sprach er aus, was ihn quälte: »Entschuldigt… Mom… Dad…«


Passend zur Buchveröffentlichung könnt ihr hier nun den Prolog zu Merichaven: Kidnapped lesen. Ich hoffe, dass er euch gefallen hat und dass ihr Interesse an dem kompletten Buch bekommen habt C:

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