K: Über Kamillentee

„Das macht dann 47,43“, las Paul von der Kasse ab.

Der Kunde legte ihm einen Fünfziger auf den Tresen und noch ehe das Wechselgeld seinen Weg aus der Kasse finden konnte, war der Mann verschwunden. Klingelnd schlossen sich die Türen hinter ihm. Ihre Bewegung schob eine Hitzewelle durch die Tankstelle. Paul beobachtete, wie der Fremde in seinen Truck stieg, einen kräftigen Schluck aus seiner neuen Wasserflasche nahm und von einer der drei Zapfsäulen wegfuhr.

„Ihnen auch noch einen schönen Tag“, bemerkte er sarkastisch.

Seufzend warf Paul das Trinkgeld in einen alten Aschenbecher und überschlug seine zusätzliche Einnahmequelle. Vielleicht könnte er noch auf Fünfzehn Mücken kommen. Dann könnte er seiner schwangeren Freundin endlich wieder ihre Lieblingspizza bestellen. Jedoch machte er sich keine allzu großen Hoffnungen. Nicht viele Leute waren auf den Landstraßen nach Havbolt unterwegs.

Und noch weniger reisten während der Mittagshitze Ende Juni umher.

Gelangweilt streckte Paul seine Glieder und wandte sich der klemmenden Schublade zu, die er bereits vor seinem letzten Kunden reparieren wollte. Das Holz hatte sich letzte Woche verzogen, als das Regenwasser durch die Decke gelaufen war. Mürrisch hatte Freddy, sein steinalter Greis von einem Chef mit nur drei Fingern an der rechten Hand, das Dach repariert und Paul dabei zusätzliche Schichten aufgebrummt. Doch war das dem zukünftigen Vater nur recht. Die extra Groschen konnte er gut gebrauchen.

Ein schrilles Klingeln peinigte seine Ohren und erschrocken riss Paul den Kopf herum. Sein Blick landete auf dem Telefon neben der Kasse. Ein Apparat mit Wählscheibe, unendlich vielen Kratzern und fünf Schichten Staub auf dem grün lackierten Hörer.

Er hatte das Telefon stets für defekte Deko gehalten.

Irritiert runzelte Paul die Stirn. Seine Finger näherten sich dem Hörer, strichen bereits über das kühle Material und wollten-

„Pfoten weg, Junge!“

Hastig sprang Paul beiseite und machte seinem Chef Platz. Der alte Mann schob sich eilig an den Tresen, um das Gerät zu begutachten. Beinahe sanft nahm Freddy den Hörer ab und scheuchte den Kassierer im selben Atemzug fort.

Er trug immer noch die Shorts, mit denen er sonst nie seinen hinteren Wohnbereich verließ.

„Hallo?“

Neugierig versuchte Paul etwas von dem Gespräch aufzuschnappen, allerdings senkte sein Chef die Stimme zu einem undeutlichen Flüstern. Einzig die Stimmlage des Mannes klang schroff zu ihm herüber. Alles andere verlor sich unterwegs.

Nachdenklich füllte der Kassierer den Kühlschrank der Tankstelle mit einigen Getränken auf.

„Tot … Ja … Ja … Das weiß ich nicht“, bemerkte der alte Griesgram plötzlich lauter und gereizter, „Radius, du hast dich fast zwei Jahrzehnte nicht gemeldet, in der Zeit kann vieles passieren“, Stille, „Hm. Ja … Ja.“

Dann landete der Hörer auf der Gabel und Freddys Finger brachten die Wählscheibe zum Knattern.

„Ich muss mit deiner Mutter reden, Mark“, verkündete der alte Mann ohne ein Wort der Begrüßung, „Hm. Dann komm du eben rum. Aber mach flott!“

Und schon war auch das Gespräch beendet.

„Junge?“

„Hier!“, antwortete Paul eilig und streckte den Kopf über eines der Regale.

„Ich muss was raussuchen. Nachher kommt jemand, der Kamillentee bestellen wird – schick ihn zu mir nach hinten und mach dann zu, ja?“

„Sind Sie sich sicher, dass-“

„Es ist eh nicht viel los“, unterbrach ihn der alte Mann und verschwand aufgeregt im Wohnbereich.

Seufzend zuckte Paul mit den Schultern und arbeitete weiter. Er würde wohl nicht mehr auf sein erhofftes Trinkgeld kommen. Vielleicht war es wirklich Zeit für einen neuen Job? Seine älteren Stiefgeschwister lagen ihm damit schon seit einer Weile in den Haaren, allerdings konnte er sich nicht von dieser Tankstelle losreißen.

Zu klar und deutlich waren die Erinnerungen an diese kühle Nacht vor ach so vielen gottlosen Jahren. An die Alkoholflaschen, die sein Vater im ganzen Auto verteilt hatte. Die der Mann selbst während der Fahrt geleert hatte, ehe er den Wagen um einen Baum wickelte. Ehe er damit auch Pauls Mutter tötete und der Junge als Vollwaise die Straße entlang taumelte.

Er war damals durch die Nacht geirrt. Hatte Hirngespinste gesehen. War einigen von ihnen gefolgt. Hatte zu seiner neuen Familie gefunden …

Hier, an dieser Tankstelle, konnte er wenigstens aufpassen. Hier konnte er etwas sagen. Hier konnte er, im Gegensatz zu dem Burschen der damals hinter dem Tresen stand, die Leute aufhalten, ehe sie sich betrunken hinters Steuer klemmten.

Immerhin hatte Paul es schon zweimal geschafft den unbeholfenen Fahrern ihre Schlüssel zu entwenden, als sie zum Zahlen an die Kasse kamen. Er hatte einfach eine Zeitung rauffallen lassen und darauf beharrt, dass sich die klimpernden Metallstifte noch im Fahrzeug befinden mussten.

Nur einmal musste er bislang die Polizei rufen. Bei einer jungen Mutter, deren Kind kaum krabbeln konnte. Die darauf bestand trocken zu sein, während sie den Wodka in sich hineinschüttete. Während sie ihr schreiendes Kind zurecht schrie.

Er verstand solche Menschen einfach nicht.

Paul wandte sich kopfschüttelnd den anderen Gängen zu und brachte sie auf Vordermann. Er zog die Lebensmittel nach vorn und ordnete die Waren so an, damit es voller wirkte. Ein einfacher Trick, der laut Freddy die Verkaufszahlen verdoppelte. Und auch wenn der Kassierer diese Hoffnung nicht zu teilen wusste, hielt er sich dennoch an die Ansagen des Mannes.

Die Tür klingelte und sofort schob sich Paul mit einem ächzenden „Moment!“ zurück zur Kasse. Er betrachtete den großgewachsenen Mann neugierig, dessen Blick abschätzend über den Laden, über ihn glitt.

„Fred hinten?“

Verblüfft nickte der Kassierer. Er wusste, dass sein Chef es nicht mochte, so genannt zu werden. Entweder war das dem Fremden nicht bewusst oder ihm stand eine Ausnahmeregelung zu.

„Ja?“

„Ein Kamillentee, kein Zucker, keine Zitrone.“

Nickend zapfte Paul etwas kochendes Wasser aus der Kaffeemaschine. Sein Blick glitt zu dem Teeregal herüber, das vor den Augen der Kunden versteckt lag.

Nur Kamillentee befand sich darin.

Komisch. Ihm war bisher gar nicht aufgefallen, dass sein Chef die anderen Teesorten nie bestellte. Es war immer nur Kamillentee. Und immer nur dieser teure Markentee, für deren Packung schon ein ordentliches Sümmchen ausgegeben werden musste.

„Hier, bit-“

Der Mann unterbrach ihn mit einem Zwanziger, den er wedelnd vor dem Kassierer ablegte.

Paul griff nach dem Schein und beobachtete irritiert, wie der Mann wortlos nach hinten verschwand. Wie er den Weg so ging, als wäre er ihn schon tausendmal entlang geschlendert.

Sollte er den Rest als Trinkgeld behalten? Immerhin kostete der Tee nur 1,99 und der Kunde hatte kein Rückgeld verlangt … Aber so viel?

Einen Moment kämpfte der Verkäufer mit sich. Er dachte an Cassey, an seine schwangere Freundin, der er doch endlich mehr bieten wollte. Er dachte an ihr Kind, an ihre Zukunft, die bereits jetzt von Geldsorgen gekennzeichnet war, ehe er das Wechselgeld mit in seinen Sammelaschenbecher warf.

Er sollte ja immerhin zu machen.

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