Minki und die Schränke II

(Nach sehr vielen wahren Geschichten)

Minki stolzierte mauzend an der jüngsten Zweibeinerin vorbei durch den Flur. Sein Blick glitt über das erneute Chaos, das er angerichtet und für das die Felllose bestraft wurde. Schuhe lagen überall verteilt. Große Schuhe, kleine Schuhe, stinkende Tuben daneben und dort noch eine seltsame Bürste – es war wirklich mühevoll gewesen, das ganze Zeug zu verteilen, aber der Anblick war es allemal wert!

Immerhin war der Streit Musik in seinen Ohren. Er genoss es, der Frau seines Retters zu lauschen. Wie sie mit der Anderen meckerte. Wie das Gezeter hin und her ging. Wie sie ihn ignorierten.

Keiner vermutete seine Tücke!

Zufrieden schob der Kater sein Näschen in die Höhe. Endlich hatte er morgens wieder mehr Platz auf dem großen Polster! Immerhin waren zwei der drei Zweibeiner gerade mit anderen Dingen beschäftigt und sein Retter zog eh das kleinere Polster vor.

Sessel nannte der Mann diesen Ort. Ein seltsames Wort. Aber er sah bequem aus. Weich. Warm. Minki hatte sich schon früh dazu entschlossen, dieses Polster ihm zuliebe zu verschonen.

Wenn auch nur, weil der Mann sein Essen trotz der Streits nicht vergaß.

Schnurrend glitt Minkis Blick über die schlafende Form des Felllosen. Er sah zu den eckigen Bäumen hinüber. Lauschte den keifenden Stimmen im Flur. Ließ die Heimtücke durch seine Gliedmaßen wandern. Genoss das Gefühl der Macht. Das Gefühl, etwas erreicht zu haben.

Über die letzten Wochen hatte er so viel Chaos angerichtet. Chaos, für das er unbestraft blieb. Er hatte alles Mögliche aus den eckigen Bäumen gezerrt. Er hatte die Sachen durch die ganze Wohnung geschleppt. Immer darauf bedacht, keine Spuren zu hinterlassen, die auf ihn deuteten.

Warum also schon aufhören? Warum sollte er diese Grenzen nicht ein wenig weiter austesten? Sein Retter schlief eh. Die anderen beiden waren immer noch mit dem Durcheinander im Flur beschäftigt. Er war wach, halbwegs satt und ausgeruht.

Könnte er einen weiteren eckigen Baum öffnen und leerräumen, ehe die Zweibeiner losmussten?

Seine Stunde der Wahrheit nahte.

Entschlossen sprang der Kater wieder vom großen Polster herunter und wählte nach dem Zufall eine der Türen aus. Der Schlüssel steckte und starrte ihn verpönend an. Jedoch kümmerte Minki sich nicht darum. Dieses Stück Metall könnte sich ihm nicht lange widersetzen!

Er warf einen zügigen Blick über die Schulter. Auf die schlafende Form seines Retters. Dann machte er sich ans Werk.

Pfotenspitzengefühl war gefragt. Jede noch so kleinste Bewegung könnte ihn wieder von vorne anfangen lassen. Und wenn er den Schlüssel ausversehen rauszog, hatte er verloren. Sein Talent der Ruhe und Besonnenheit war gefragt. Beides Dinge, von denen sich Minki zumindest einbildete, sie zu besitzen.

Es klickte.

Er zog den Schrank auf.

Stockte.

Drehte seine Ohren auf der Suche nach dem unerwarteten Geräusch nach hinten.

Einem Geräusch, das einem Luftholen glich.

Langsam wandte der Kater den Kopf um.

Er versuchte ein überraschtes und vor allem unschuldiges Mauzen von sich zu geben, doch war er sich ziemlich sicher, dass die alte Zweibeinerin es ihm nicht abkaufte. Mit großen Augen starrte sie ihn an. Schüttelte den Kopf. Schloss die Augen. Öffnete sie wieder. Runzelte die Stirn.

Minki schob sich näher an seinen Retter. Er verkroch sich erst zwischen dessen Beinen. Dann hinter dessen Sessel. Außerhalb ihrer Reichweite, wie er doch hoffte. Fort. In Sicherheit.

Und sie lachte ihr wahnsinniges Lachen der Rache.

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