B: Von allen Seiten belagert

Liane war noch nicht einmal im Haus, als ihr Vater sie bereits an sich drückte. Starke Arme strichen über ihren Rücken. Er flüsterte einen Dank in ihre Haare. Es klang wie ein Gebet. Wie-

„Wo warst du?!“, abrupt schob er sie hinein und klammerte sich in ihren Schultern fest.

Das Mädchen schluckte. Noch immer fühlte sich ihre Tasche so schwer an. Diese neuen Zeichnungen schienen so viel mehr zu wiegen. Sie so viel mehr zu belasten …

„Entschuldige … Ich habe die Zeit vergessen“, erklärte sie leise.

„Die Zeit?“, eine seltene Strenge schlich sich auf sein Gesicht, „Liane. Bitte gib mir keine lächerlichen Ausreden. Ich habe mit deiner Klassenlehrerin gesprochen. Ich habe deine Freunde durchtelefoniert. Ich … Ich weiß, dass dein Unterricht heute Morgen ausfiel und dass du etwas verbirgst. Ich weiß es.“

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Timothy – Ich suchte dich, weil …

Ich habe keine Ahnung, wie ich Jane und ihren Vater trotz des Schneesturms verfolgen konnte. Ich wusste ja nicht einmal, wo das nächste Dorf lag! Mein Instinkt leitete mich. Er musste mich leiten. Denn der Tornado der riesigen Flocken raubte mir jede Sicht. Es fühlte sich wie eine krisselige Masse an. Ohne Gerüche. Ohne Wärme oder gar Kälte.

Es war einfach nur … leer?

Ein sanftes Flimmern tauchte unter mir auf und so schwebte ich hinab. Der Kirchturm zeichnete sich endlich in dem Weiß ab. Wie ein Leuchtturm konnte er mir den Weg hinab zur eingeschneiten Straße weisen. Um mich herum erkannte ich allmählich noch mehr Wohnhäuser. Hohe Gebäude, die mir so unbekannt erschienen. Die jedoch neben der vertrauten Kirche standen. Die bereits so alt und erschöpft wirkten …

Wann war ich zuletzt hier gewesen? Evangeline wollte sonst immer hierher! Sie wollte hierher, um … um …

Warum noch mal?

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M: Vom Tageslicht verschluckt II

„Auf dein Zimmer“, befahl das Kindermädchen, noch ehe die Tür ins Schloss fiel.

Sie nickte. Ihre Hand lag noch immer auf der schmerzenden Wange. Stumme Tränen hatten sie befeuchtet. Stumme Tränen, die einfach nicht enden wollten.

Stephanie hasste diese Frau!

Wortlos ging sie nach nebenan und warf sich auf ihr Bett. Sie kickte dabei die dämlichen Klamotten runter. Diese hässlichen Fummel, die doch für den ganzen Mist mit verantwortlich waren! Am liebsten wollte sie die Sachen verbrennen! Sie wollte sich von allem nur noch lossagen!

Von Becky. Von ihrem Kindermädchen. Ja, selbst von ihrem Vater!

Nur ihre Mutter hatte sie verstanden.

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Minki und der Maulwurf

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Für Minki war der Garten ein Paradies. Es war ein wunderbarer Ort, an dem er sich selbst verlieren konnte. Stets genoss er die Sonne, mied die Vögel und fing sich gelegentlich sogar ein kleines Nagetier für den hohlen Zahn.

Im Garten kannte er jeden Winkel – jeden Baum, jeden Strauch, jedes Blatt. So musste er nicht einmal mehr die Augen öffnen, wenn er unter der strahlenden Sonne über den Rasen stolzierte und-

Erschrocken stoppte der Kater und blickte nach unten. Seine Pfote steckte fest. Da, wo eigentlich Rasen sein sollte, befand sich plötzlich ein kleiner Hügel. Ein Häufchen Erde. Mitten in seinem Garten!

Empört mauzte Minki.

Das hatte er nicht erlaubt!

Gefrustet leckte er sich seine Pfote, während er Ausschau nach dem Übeltäter hielt. Weit konnte dieser nicht entfernt sein. Dafür war die Erde zu feucht. Sicherlich versteckte er sich irgendwo. Aber Minki durfte ihn nicht entkommen lassen. Nicht, dass er nochmal SEINEN Garten verunstaltete!

Mürrisch sah sich der Kater um.

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K: Die Kastanie

Risu betrachtete das Treiben auf der Straße unter ihm. Er saß auf einem der Bäume. Schräg über einem Obstverkäufer. Hier hielt er sich gern auf. Er genoss die Sonne, lauschte dem letzten Tratsch und wenn die Menschen nicht aufpassten, konnte er sich sogar ein paar Weintrauben oder eine Pflaume stibitzen. Die bekam er im Wald sonst nicht.

„Die Äpfel sind viel zu überteuert“, beschwerte sich eine Frau zeternd und neugierig betrachtete Risu sie.

Sie war groß. Blond. Muskulöse Oberarme. Neben ihr stand ein kleines Kind. Ein Mädchen. Vielleicht drei oder vier. Ebenso blond, aber ein viel schmaleres Gesicht. Ja! Sie wirkte geradezu hager!

„Angebot und Nachfrage, werte Frau“, erklärte der Verkäufer, „Es ist das Gesetz des Marktes.“

„Das Gesetz des Marktes? Wohl eher das Gesetz ihrer Gier!“

Empört schnappte der Mann nach Luft. Er fuchtelte mit den Händen herum. Beschwerte sich. Schimpfte.

Risu achtete nicht auf ihn. Das Kind war interessanter. Im Gegensatz zu den anderen Passanten waren ihre Augen wach. Sie sah sich die Waren an, sie betrachtete die anderen Menschen … und sie schaute hoch.

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